“Auf der Suche nach Mr. Spock 2.0” – oder kommt alles doch anders, als man denkt? Dies klärt unsere Review.

Achtung: Spoiler!

Von Spock zum Sporenantrieb

Die zweite Folge der neuen Discovery-Staffel trägt den Titel “New Eden” und anhand dessen kann man sich schon denken, dass es sich um eine weitere menschliche Kolonie handelt. Tatsächlich wird eine verlorene Kolonie entdeckt, die älter ist, als der Warpantrieb. Das ist zwar nicht unbedingt neu, aber dass die Folge kein Totalabsturz wird, liegt erneut an der tollen Charakterzeichnung.

Doch beginnen wir am Anfang: Spock ist gar nicht verschwunden, sondern hat sich in die Psychiatrie einweisen lassen. Dies vermutlich wegen seiner Alpträume, was für Vulkanier sehr ungewöhnlich ist. Zwar sehen wir Ethan Peck immer noch nicht, das Verhalten macht aber für einen jungen Spock, der noch unsicher ist ob solcher Entwicklungen, durchaus gewissen Sinn – zumindest sofern er später nicht geistlos brabbelnd eingeführt wird.

Dann wechselt die Handlung aber zum Season-Arc und man muss fix zur zweiten Position der Signale springen. Springen deswegen, weil man 50 000 Lichtjahre nicht mal einfach so fliegen kann – also muss der Sporenantrieb wieder her. Irgendwie war das ob der Entfernungen, die zwischen den Signalen liegen, zu erwarten, aus Kanon-technischer Sicht muss aber dann später eine neue (andere) Erklärung her, warum es zu Kirks Zeiten keinen Sporenantrieb mehr gibt. Die hier angebotene Erklärung, der Einsatz wäre nur zu Kriegszeiten autorisiert gewesen, vermag nicht so recht zu ziehen, wenn der Kommandant, wie Pike hier, einfach dennoch sagen kann “Aktivieren!” Vielleicht wäre es also besser gewesen, den Sporenantrieb gleich in der Mottenkiste zu lassen – aber das ist natürlich subjektiv und liegt daran, wie dieses Konzept dem Einzelnen gefällt.

Zurück in klassische Konzepte

Die Menschensiedlung auf Terralysium (Szenenbild CBS)

Die Menschensiedlung auf Terralysium (Szenenbild CBS)

Beim Planeten angekommen stellt sich heraus, dass dort Menschen umgesiedelt wurden, und zwar aus der Zeit des dritten Weltkriegs 2053. Damit schlägt Discovery in eine Kerbe, die bereits zu Classic-Zeiten sehr oft bedient wurde. Damals waren Menschen aus vielen Zeitperioden von den sogenannten Bewahrern entführt worden und auf diverse Planeten verteilt worden. Ein prominenter Vertreter dürfte wohl die Indianer-Kultur gewesen sein, auf die Captain Kirk traf (“Der Obelisk”). Insofern ist auch die hier gezeigte Entführung durchaus Kanonkonform. In diesem Fall stecken dann nicht die Bewahrer dahinter, sondern eben der Rote Engel, über den wir auch diesmal noch nicht viel mehr erfahren. Immerhin bekommt man aber die Vorstellung seiner Macht, wenn er es schafft, eine Kirche samt Menschen 50 000 Lichtjahre weit zu teleportieren.

Das, was man am Ende auf dem Helmvideo sieht, verstärkt aber die Mystik des Season-Arc und macht durchaus Lust auf mehr, doch wir wollen an dieser Stelle nicht vorgreifen. Da die Menschen noch aus der Zeit vor dem Warpantrieb auf den Planeten umgesiedelt wurden, unterliegen sie der Ersten Direktive. Dieser Fakt führte zu einigen kontroversen Diskussionen, sowohl im Fandom als auch in der Episode selbst. Vergessen sollte man an der Stelle aber nicht, dass dies auch in der Vergangenheit der Fall war. Selbst zu Classic-Zeiten waren alle umgesiedelten Kulturen, denen man begegnete, der Direktive unterworfen. Als Beispiel sei hier nur wieder die Indianer-Folge erwähnt.

Der Rote Engel interveniert im Dritten Weltkrieg (Szenenbild CBS)

Der Rote Engel interveniert im Dritten Weltkrieg (Szenenbild CBS)

Das moralische Dilemma

So fühlt sich auch diese Folge wie ein Stück Classic-Trek an und vor allem bei der Diskussion um die Erste Direktive kommen schöne Punkte zum Gespräch – natürlich auf beiden Seiten. Vor allem Burnhams Charakterentwicklung tut es gut, dass sie sich an die Direktive hält, auch nachdem Pike außer Gefecht gesetzt ist. Wer also schon dachte, sie würde wieder mit Pauken und Trompeten gegen Vorschriften verstoßen, der wird hier eines Besseren belehrt. Immerhin darf sie am Ende Pike noch ein klein wenig aufweichen und Jakob, der ohnehin schon Verdacht geschöpft hatte, wird über alles informiert. Dass er es dann einfach so hinnimmt, steht wiederum auf einem anderen Blatt. Andererseits, wenn keiner in der Siedlung ihm glaubt, stünde er ohnehin auf verlorenem Posten, wobei aber das Wegbeamen auch von anderen gesehen worden war. Und auch die zurückgelassene Energiezelle dürfte hier Beweis genug sein (auch wenn man bezweifeln kann, dass sie einfach wie eine Autobatterie an zwei Kabeln angeschlossen wird, um zu funktionieren). Im Übrigen konnte man mit einem explodierenden Phaser schonmal ganze Räume wegpusten, hier reicht es gerade mal für eine kleine Explosion bei Pike. Aber auch das ist geschenkt, die Szene funktioniert in ihrer Gesamtheit trotz allem recht gut.

Erwähnt werden soll an dieser Stelle noch, dass die Schreibweise von Jakob in diesem Artikel beabsichtigt ist. Denn auch in der deutschen Synchronisation heißt es “Jakob”, womit auch hier der religiöse Aspekt betont wird. Jakob gründete einst die 12 Stämme Israels und auch hier kann er als Begründer von etwas Neuem hervorgehen, immerhin bringt er das Licht zurück auf die Welt. Doch zur Religion der Folge später noch etwas mehr.

Hin zu den Nebencharakteren

Wer überdies glänzen darf, sind die Brückencrewmitglieder Detmer und Owosekun, Letztere darf sogar mit auf die Außenmission, erstere hat vor allem bei dem Manöver, das sie fliegt, sichtlich Spaß – sowohl die beiden Schauspielerinnen als auch die Charaktere nutzen die Chance auf mehr Screentime sehr zufriedenstellend aus. So darf es gerne weitergehen und wer weiß, vielleicht wird das Donut-Manöver ja künftig an der Akademie gelehrt?

Die Idee dazu stammt übrigens von Tilly, die auch in dieser Folge wieder glänzen darf. Vor allem die recht emotionalen Szenen zwischen ihr und Saru (der ebenso zu überzeugen weiß) sind eine wahre Pracht. Hier wird konsequent weiterentwickelt, was in der Vergangenheit gut war, aber etwas anderes kann man von Routinier Jonathan Frakes, von dem die Episode stammt, auch nicht erwarten. Dass Tillys Freundin hier nicht real ist, wird dem geneigten Zuschauer im Übrigen schon etwas früher als dieser Selbst bewusst und man darf gespannt sein, ob hier der Rote Engel oder etwas anderes dahintersteckt.

Tilly und Saru in "New Eden" (Szenenbild CBS)

Tilly und Saru in “New Eden” (Szenenbild CBS)

Im Übrigen wird auch Culber wieder erwähnt, den Stamets ja im Netzwerk gesehen hat. Ob dies erste Hinweise auf dessen Rückkehr sind? Nicht zurückgekehrt ist indes die Ingenieurin aus der letzten Folge. So behält Stamets (vorerst) seinen Platz aber hier ist natürlich noch Luft nach oben. Rätselhaft bleibt zudem auch, ob der Rote Engel es nicht vielleicht doch gut meint, immerhin hat er nun die Discovery schon zum zweiten Mal an einen Ort geführt, an dem eine Rettungsmission vonnöten war. Diese ist erneut handwerklich erste Sahne umgesetzt und fordert als Opfer den Asteroiden aus der Folge davor. Rein storytechnisch allerdings war die Strahlungssache nicht ganz so überzeugend. Überdies wäre es vielleicht interessant gewesen, ob noch andere Teile der Erde auf den Planeten versetzt worden sind (genauer: aus dem Dritten Weltkrieg) und die Strahlung daher rührte. Der Engel würde die Menschen wohl kaum retten, nur um sie dann wieder einer Gefahr auszusetzen. Aber auch das trägt zum Season-Arc bei.

Und eine Prise Religion zum Schluß

Bleibt am Ende nur das etwas ‘leidige’ Thema Religion zu erwähnen. Dass es möglicherweise Thema in dieser Staffel sein wird, war zu erwarten gewesen, die Auswüchse, die das teilweise inzwischen angenommen hat, aber sicher nicht. Dabei ist die in der Kirche der Episode gezeigte Idee, das sich die Weltreligionen unter einem Dach vereinen, eigentlich gar nicht so verkehrt und genau im Sinne von Star Trek. Und ob hinter dem Roten Engel wirklich ein “Engel” steckt oder nur ein ganz besonderes Alien, muss sich erst in der Zukunft noch zeigen.

Captain Pike in "New Eden" (Photo: Russ Martin/CBS)

Captain Pike in “New Eden” (Photo: Russ Martin/CBS)

Fazit:

An vielen Stellen wird nicht unbedingt Neues präsentiert, der “Sense of Wonder” des klassischen Star Trek kommt aber gut rüber und auch die Charaktere dürfen wieder gut glänzen, mit einem Augenmerk auf Nebenfiguren.

Bewertung

Handlung der Einzelepisode 4 out of 6 stars (4 / 6)
Stringenz des staffelübergreifenden Handlungsstrangs 4 out of 6 stars (4 / 6)
Stringenz des bekannten Kanons 4 out of 6 stars (4 / 6)
Charakterentwicklung 5 out of 6 stars (5 / 6)
Spannung 3 out of 6 stars (3 / 6)
Action 2 out of 6 stars (2 / 6)
Humor 4 out of 6 stars (4 / 6)
Intellektueller Anspruch 4 out of 6 stars (4 / 6)
Gesamt 4 out of 6 stars (4 / 6)

 


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