Am Ende der Folge “Lichtpunkt” (“Point of Light”, “Discovery”) erfährt der Zuschauer von “Control”, einer Autorität innerhalb von Sektion 31. David Macks gleichnamiges Buch aus 2017 könnte hierfür Pate gestanden haben, was wir zum Anlass für ein Review nehmen. Außerdem wollen wir ein paar Spekulationen wagen, was uns in “Discovery” und der Sektion-31-Serie mit Michelle Yeoh erwartet.

Achtung! Auch wenn es sich nur um Spekulationen handelt, sind Spoiler für die zweite Staffel “Discovery” und die noch namenlose Sektion-31-Serie möglich.

Inhalt

Die Handlung spielt auf zwei Erzählebenen: In der “Gegenwart” des 24. Jahrhunderts sind Julian Bashir und seine Partnerin Sarina Douglas (aus “Sarina”, „Deep Space Nine”) Agenten in Sektion 31 und versuchen, die Organisation von innen zu zerstören. In das fröhliche Doppelagentenleben platzt eine Trill-Journalistin, die das Augment-Pärchen bei der Aufklärung einer jahrhundertealten Verschwörung um Hilfe bittet. In ihrem Kampf gegen Sektion 31 bekommt das Trio tatkräftige Hilfe von den reanimierten Androiden Data und Lal, sowie dem cardassianischen Regierungschef, Kastellan Elim Garak.

In der “Vergangenheit” des 22. Jahrhunderts entwirft der Wissenschaftler Aaron Ikerson eine autonome KI namens Uraei, die er mit dem Segen der alten Weltmächte als Massenüberwachungssystem auf die gesamte Infrastruktur der Erde und später der Kolonien, Sternenflotte und Verbündete frei lässt. Widersprüchliche Direktiven in Uraeis Programmierung erlauben der KI, ihre ursprüngliche Limitierung zur reinen Überwachung zu überwinden und sich zu einer aktiv handelnden Superintelligenz weiterzuentwickeln, die skrupellos die Gründung und anschließende Hegemonie der Föderation sicherstellt.

"Sektion 31 - Control" (Pocket Books)

“Sektion 31 – Control” (Pocket Books)

Handlung

David Mack ist für spannende, plotgetriebene Romane im “Star Trek”-Universum bekannt. In “Control” nutzt er erneut einen sehr dichten, handlungsorientierten Stil. Im Wesentlichen hat Mack einen Fiebertraum von einem Action-Thriller geschrieben, eine Art “Jason Bourne” im 24. Jahrhundert. Ähnlich brutal, ähnlich ausladend, ähnlich wütend und jederzeit unterhaltsam und spannend.

Als Nichtleser des großen, über viele Referenzen eng miteinander verzahnten Pocket-Books-Literatur-Universums wird man sich über so manche Ausgangsbedingung der Story im 24. Jahrhundert wundern, aber der Roman fängt Neueinsteiger mit kurzen Erklärungen und Rückblenden sanft auf. Eingefleischte Fans mag die redundante Exposition gelegentlich stören, häufig ist sie aber organisch in die Geschichte eingeflochten.

Bis zum Finale der Haupthandlung im 24. Jahrhundert, werden immer wieder Rückblenden auf die Entstehung von Uraei im 22. Jahrhundert gezeigt. Anders als bei vielen anderen Romanen mit einer ähnlichen Struktur gelingt es Mack, beide Stränge jederzeit interessant zu halten. Das gelingt in den Rückblenden vor allem dadurch, dass er Ikerson in die großen Ereignisse der Zeit schreibt: die Bildung einer Erdregierung, der Bau der Enterprise, der Xindi-Angriff, der Romulanische Krieg und die Gründung der Föderation.

Gründung der Föderation im Finale von "Enterprise" (Szenenbild: CBS)

Gründung der Föderation im Finale von “Enterprise” (Szenenbild: CBS)

So faszinierend der Retcon der Geschichtsschreibung ist, so plagen diesen Handlungsstrang doch einige offensichtliche Plausibilitätsprobleme. Mack gibt sich zwar große Mühe, mit adäquatem technischem Vokabular die Fähigkeiten der künstlichen Intelligenz nachvollziehbar zu machen, mit der Motivation der handelnden Personen sieht es hingegen anders aus. Besonders die Anbahnung und Inbetriebnahme von Uraei ist geradezu grotesk, Ikerson und seine Geheimdienst-Kontakte agieren mit der Finesse von Bond-Bösewichten.

Deutlich glaubwürdiger ist die Haupthandlung, sofern es unsere Helden betrifft. Auch wenn die Agenten der Sektion 31 ebenfalls am Cartoon-Bösewicht-Syndrom leiden, ist die Handlung weitestgehend stringent und nachvollziehbar. Die Struktur folgt dabei typischen Action-Thriller-Mustern. Die heillos unterlegenen Protagonisten  werden von der geballten Macht der Föderation und Sternenflotte verfolgt und flüchten von einem vermeintlich sicheren Unterschlupf zum nächsten, nur um wieder und wieder aufgespürt zu werden.

Auf der Flucht fördern Bashir und Co. langsam mehr Informationen über Uraei, Control und Sektion 31 zu Tage, bis Data und Lal einen letzten, verzweifelten Plan zur Zerstörung der KI entwickeln können. Bei der Auflösung des Plots findet Mack natürlich einen Weg, seine tapferen Recken das Großmächte-umspannende, allsehende, quasi omnipotende Netzwerk durch einen chirurgischen Doppelschlag in die Knie zu zwingen. Plausibel ist das zwar nur, solange man nicht zu lange über spezifische Details nachdenkt, aber der Autor konstruiert hier mit viel Aufwand eine konsequente und befriedigende Auflösung der Haupthandlung.

Charaktere und Dialoge

Mack versteht es, für “Star Trek” und dessen Figuren zu schreiben. Er trifft die Tonlage der Protagonisten mit großer Genauigkeit. Man kann beim Lesen mit Leichtigkeit die Stimmen von Bashir, Garak, Data und Lal hören. Schwer hingegen tut sich Mack mit der Zeichnung neuer Charaktere.

Insbesondere die neuen Figuren bleiben blass und präsentieren sich in Dialogen vorwiegend mit zynischen One-Linern. Die Krönung des fehlenden Fingerspitzengefühls sind jedoch die Direktoren von Sektion 31. Was Mack hier an eindimensionalen Klischees auffährt, ist häufig von einer Karikatur nicht zu unterscheiden. Eine Kostprobe – es sprechen Direktoren Azura (Betazoid) und L’Haan (Vulkanierin):

“Jetzt lassen Sie uns mal ehrlich miteinander sein, L’Haan. Wenn Sie wirklich Ihre Doppelagenten-Turteltäubchen unter Ihrer Fuchtel hätten, hätten wir nicht Agent Cole und sein Team beim Einsatz im Spiegeluniversum verloren.”

“Ich werde mir doch nichts von einer Frau sagen lassen, die wie eine Kreuzung aus Teenager-Flittchen und orionischer Entspannungsdame rumläuft.”

Ebenfalls unverständlich ist die Darstellung der Eminenz “Control” (ein Avatar für Uraei) als Hauptantagonisten. Mack fällt hier in das Klischee eines Bart zwirbelnden Bösewichts, der mit sarkastischer Überheblichkeit und dem Sadismus eines Lore oder Agent Smith operiert. Im Gegensatz zu letzteren ist diese Charakterisierung jedoch weder motiviert, noch sonderlich passend. Uraei/Control hat sich zwar von den “Fesseln” seiner ursprünglichen Programmierung befreit, sieht sich aber weiterhin als Wächter der Föderation. So handelt die KI immer noch in den (vermeintlichen) Sicherheitsinteressen ihrer Bürger. Selbst wenn sie sich (ähnlich wie Data) darüber im Klaren ist, den biologischen Lebensformen unter ihrem Schutz kognitiv überlegen zu sein, ist die offen zur Schau gestellte Verachtung und plakative Bosheit gegenüber den Protagonisten schwer nachvollziehbar.

Dass Mack auch anders kann, zeigt er in einem großartigen Kapitel, das gleichzeitig das Finale der Handlung im 22. Jahrhundert bildet. Bestehend ausschließlich aus einem Protokoll von Code-Fragmenten zeichnet er Uraeis Entschluss nach, seine Schöpfer zu töten. Die kalte, emotionslose Berechnung und Durchführung in Form von rein technischen Datenbankanfragen, Berechnungsergebnissen und Programm-Befehlen ist genau die kalte, kalkulierende und teilnahmslose Form, in der das Innenleben einer KI perfekt transportiert und dem Leser zugänglich gemacht werden kann. Warum Mack es für nötig erachtet, für das Finale Control als unnötig geschwätzige, hämisch grinsende und Gewalt zelebrierende Persona für Uraei zu zeichnen, ist hingegen völlig rätselhaft.

Sarina Douglas in "Sarina"/"Crysalis" (Szenenbild: CBS)

Sarina Douglas in “Sarina”/”Crysalis” (Szenenbild: CBS)

Insgesamt lässt uns Mack in den seltensten Momenten am Innenleben seiner Figuren teilhaben, üblicherweise in den Momenten größter Spannung und Not. Mit großer Hingabe breitet er vor uns die Mühsal und Qualen der Hauptcharaktere aus. Seien es Verletzungen, Folter oder Verzweiflung, Macks Schreibstil blüht förmlich auf, wenn seine Figuren leiden. Das ist gleichzeitig makaber aber auch offensichtlich von Mack bewusst zugespitzter Sadismus, um jeden Zweifel daran auszuräumen, wer in dieser Geschichte im Recht ist.

Hoch anrechnen muss man Mack das Ende des Bogens für Bashir und Douglas. Es wäre sehr einfach gewesen, altbekannte Klischees zu bemühen und einen versöhnlichen, romantischen Schlussakkord zu setzen. Der befriedigenden Auflösung der Haupthandlung stellt Mack (sicherlich mit dem Segen des Verlages) stattdessen ein folgenreiches, bitteres Ende der Charakterbögen gegenüber.

Diskussion

Mack macht keinen Hehl daraus, dass er Bashirs tiefe Verachtung von Sektion 31 und ungebändigter, staatlicher Gewalt teilt. Auch wenn er seine Figuren das Für und Wider staatlicher Überwachung abwägen lässt, lässt der Autor durch seine zugespitzte Darstellung von Gewalt und Folter keinen Zweifel daran, wer hier im Recht und Unrecht steht. In einem Interview mit TrekMovie.com erklärt er 2017 unverblümt:

Ich habe niemals verstanden, warum es einen noch so kleinen Teil von “Star Trek”-Fans gibt, die “Star Trek: Sektion 31” im Fernsehen oder Kino sehen wollen. Wenn es eine Sache gibt, die die Serien und Romane immer klar gemacht haben, dann dass es in Sektion 31 keine Helden gibt. Und sie verdienen es nicht, als Leute dargestellt zu werden, denen wir Erfolg wünschen sollten.

Diese Haltung erklärt vermutlich auch die Vielzahl eindimensionaler Antagonisten im Roman: die einfältigen Bürokraten des 22. Jahrhunderts, die überzeichneten Direktoren von Sektion 31, die sadistische Superintelligenz. Obwohl Mack die Mechanik der Überwachung und die Technik hinter Uraei/Control in vielen Details darzustellen vermag, hat er persönlich keinen Zugang zu seinen Antagonisten und auch keine Empathie um deren Motivationen plausibel wiederzugeben.

Agenten der Sektion 31 (Photo: CBS Television Studios)

Agenten der Sektion 31 (Photo: CBS Television Studios)

So ist Uraei auch kein literarisches Symbol, keine Metapher, keine Mahnung – bestenfalls eine hauchdünne Allegorie. Mack überträgt die zeitgenössischen Snowden-Enthüllungen praktisch unverändert auf das “Star Trek”-Universum und legt seinem Leser nahe, dass (notfalls gewalttätiger) Widerstand dagegen gerechtfertigt ist. Die direkte Parallele zu unserem zeitgenössischen Überwachungsproblem ist die hauptsächliche Krux des Romanfinales. Als Leser sind wir klüger als unsere Helden und wissen, dass es keinen “Single Point of Failure” für den Überwachungsstaat gibt. Trotz demokratischer Untersuchungs-Strukturen und (hoffentlich) ohne eine strippenziehende Super-KI hat sich unsere Gesellschaft bereits weitestgehend freiwillig in eine missliche Lage manövriert, die kein Schlag gegen ein oder zwei NSA-Rechenzentren korrigieren könnte.

Macks Roman verschärft vermutlich unbeabsichtigt eine weitere Fragestellung, die bereits durch die bloße Einführung von Sektion 31 in den Kanon immer wieder im Raum steht: Ist die Föderation mit ihrem utopischen Werteportfolio überhaupt eigenständig überlebensfähig oder in Wirklichkeit abhängig vom Schutz eines skrupellosen Schattenregimes im Hintergrund. Stärker noch als alle vorangegangenen Geschichten stellt der B-Plot von “Control” in Frage, ob aufgeklärte, humanistische Werte Grundlage für ein erfolgreiches, politisches System sein können. Die Einführung von Uraei zwingt zu einem Retcon aller entscheidenden Weichenstellungen, die zur Gründung der Föderation führen. Nicht mehr Menschen, Vulkanier, Andorianer und Tellariten sind es, die ihre Differenzen überwunden und ein Zeitalter der Kooperation einläuten, sondern eine perfide Superintelligenz, die letztlich die freie Entwicklung dieser Zivilisationen unterminiert.

Es geht um nichts mehr oder weniger als die Frage, ob sich eine Roddenberrysche Utopie nachhaltig in der “harten Realität” gegenüber anderen politischen Systemen behaupten könnte. Durch die Einführung von Sektion 31 und nun Uraei/Control in die fiktive Geschichtschreibung der Föderation stellt sich “Star Trek” selbst ein Bein. Die hoffnungsvolle Zukunftsutopie kippt ohne Umschweife in eine zynische Dystopie. Die Föderation endet als Treppenwitz der Geschichte: ein demokratisches Marionettentheater einer unsichtbaren, totalitären Schattenmacht.

Fazit

“Control” ist eine wütende Abrechnung mit staatlicher Überwachung und struktureller Gewalt. Dabei gelingt Mack ein schneller, spannender aber auch brutaler Action-Thriller. Die Protagonisten sind gut getroffen und handeln stets aus gut nachvollziehbaren Motiven. Dagegen fährt Mack leider zumeist scherenschnittartige, plumpe Gegenspieler auf. Die Darstellung der KI Uraei/Control ist streckenweise exzellent, streckenweise grotesk misslungen.

Im Kontext des Kanons und des Buchuniversums zielt Macks Roman auf nichts weniger als einen epischen Retcon der gesamten Föderationsgeschichte und darüber hinaus. Einerseits sorgt dies für eine faszinierende B-Story im 22. Jahrhundert, andererseits höhlt es jedoch die Werte der Föderation aus und beraubt die “Star Trek”-Mythologie einer ihrer wichtigsten Pfeiler.

Handlung 4 out of 6 stars (4 / 6)
Stringenz des bekannten Kanons 2 out of 6 stars (2 / 6)
Charaktere und Dialoge 4 out of 6 stars (4 / 6)
Spannung 5 out of 6 stars (5 / 6)
Action 4 out of 6 stars (4 / 6)
Humor 2 out of 6 stars (2 / 6)
Intellektueller Anspruch 4 out of 6 stars (4 / 6)
Gesamt 4 out of 6 stars (4 / 6)

Quick-Infos

Autor: David Mack
Originaltitel: Star Trek: Section 31 – Control
Jahr der Veröffentlichung (Original): 2017
Übersetzung: Ausstehend, voraussichtlich September 2019
Seitenanzahl: 368
Preis: ca. 10,00 Euro
ISBN: 978-1501151705
Verlag: Pocket Books

Konsequenzen für “Discovery”

Die Erwähnung von “Control” in “Lichtpunkt” (“Point of Light”) ist zunächst ein außergewöhnlicher Vorgang. Es ist sehr unüblich, dass Elemente aus den “Star Trek”-Romanen in den Bildschirmkanon zurückfließen. Jedoch ist mit Kirsten Beyer eine profilierte Romanautorin im Autorenstab von “Discovery” vertreten, so dass eine stärkere Symbiose zwischen den Medien durchaus möglich ist.

Insbesondere nach den sehr planvollen Irreführungen bezüglich Voq/Tyler und Lorca/Spiegeluniversum in der ersten Staffel, sollten Zuschauer darauf vorbereitet sein, dass die Autoren hier mit einiger Wahrscheinlichkeit die Erwartungen einiger Fans bewusst unterlaufen wollen. So würde es nicht wundern, wenn zwar auch in “Discovery” eine anonyme Entität namens Control Sektion 31 kontrollierte, sich aber dahinter etwas anderes als Macks KI Uraei verbirgt.

Georgiou und Leeland in "Point of Light" (Photo: CBS)

Georgiou und Leeland in “Point of Light” (Photo: CBS)

Ob wir es hier mit der Integration von Romanelementen in den Kanon zu tun haben, wird also letztlich der weitere Umgang mit Control in “Discovery” zeigen. In seiner jetzigen Form ist die Erwähnung des Namens ein reines Easter Egg. Selbst wenn weitere Elemente aus dem Roman Erwähnung finden, haben die Autoren von Discovery und der noch namenlosen Serie rund um Sektion 31, jederzeit die Möglichkeit, in Einzelheiten von der vermeintlichen Vorlage abzuweichen, um die Zuschauer zu überraschen und hinters Licht zu führen.

Bis es dazu kommt, wird vermutlich noch einige Zeit ins Land gehen. Wir dürfen erwarten, dass die Erwähnung von Control nur eines von vielen Elementen ist, die “Discovery” in Zukunft platzieren wird, um dem Sektion-31-Spinoff rund um Agent Georgiou vorzubereiten.


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