Die neue Discovery-Folge führt uns nach Kaminar, Sarus Heimatwelt. Was dort vor sich geht, klärt Thomas Götz in seiner 1701. Rezension. Ob diese Zahl ein gutes Omen ist?

Achtung Spoiler!

Quo Vadis, Spock?

Nach dem Trailer zu dieser Folge konnte man es schon erahnen und auch wer die einschlägigen Reviews verfolgt, weiß inzwischen: Spock taucht auch dieses Mal nicht auf. Zugegeben, nach dem Aufbringen des Shuttles ist die Spur kalt, denn weitere Hinweise gibt es nicht. So bleibt nur, die Signale weiter zu erforschen – was leider genau das ist, was man von Anfang an hätte machen sollen, statt dem Zuschauer dauernd Hoffnungen zu machen. Nächste Woche gibt es mit Folge 7 die Staffelhalbzeit und nun kann man sich fragen, ob die Fantheorie, dass man Spock in den letzten Sekunden dieser Folge sieht, bevor “Discovery” eine mehrwöchige Pause einlegt (analog zu Staffel 1), zutreffen wird (auch wenn die vermutete Pause nicht offiziell ist). Oder es ist ganz anders und man sieht Spock wirklich erst am Ende der Staffel, weil er – Vorsicht, noch mehr Spekulation – der Rote Engel ist?

Denn um die Auflösung des Haupthandlungsbogens der Folge vorweg zu nehmen: Man erfährt endlich, was der Rote Engel ist. Nicht im Detail, aber immerhin so, dass es zu gefallen weiß und Lust auf mehr macht. Denn hinter dem ominösen Fremden steckt einfach ein Mensch (oder vergleichbares Alien) in einem hochentwickelten Hightech-Anzug. Schluss also mit der Diskussion Religion und “Star Trek”? Aber dass hinter dem Engel kein „himmlischer“ Engel im religiösen Sinne stehen wird, dürfte von Anfang an klar gewesen sein. (An dieser Stelle sei auf andere Reviews beziehungsweise auf unsere Themenseite zu dem Thema verwiesen).

Pike bringt das Ganze im Gespräch mit Tyler dann auf den Punkt: Der Engel hat eigentlich immer geholfen und kann daher nicht so übel sein, während Tyler knallhart die Sektion 31-Schiene fährt. Wer weiß, was man mit dem Anzug machen könnte, solch überlegene Technik muss einfach sichergestellt werden – selbstredend von der Sektion. Ob sich hier schon andeutet, warum die Sektion später im Verborgenen operieren wird? Weil sie – einfach gesagt – zu krass in ihren Methoden geworden ist? Die spätere Vergiftung von Odos Spezies würde in jedem Fall dafür sprechen.

Die Sache mit der Obersten Direktive

Nach der durchaus gelungenen Short Treks-Episode „The Brightest Star“ war es ja schon zu erwarten gewesen und der Besuch von Sarus Heimatwelt versprach viel Potential. Interessant wird der Besuch im weiteren Verlauf zwar schon, ein paar kleinere Sachen stören allerdings etwas den Gesamteindruck. Zunächst muss man natürlich den Planeten aufsuchen.

Da man dort nicht einfach so hin kann, platziert der Rote Engel zu Beginn der Folge gleich ein Signal dort im Orbit. Ein unerwarteter Zufall, der zum Glück auch in der Folge thematisiert wird, denn offensichtlich will man die Discovery dort haben. Nur, warum hat er nicht gleich selbst eingegriffen? Am Ende droht die Discovery nämlich zu scheitern und dem Roten Engel obliegt es schließlich, den Tag zu retten. Wenn er so erpicht aufs Helfen ist, warum hat er dann nicht gleich selbst eingegriffen, sondern die Discovery hergelockt? Ein Plan, um den Kelpianern ihren nächsten Evolutionsschritt zu ermöglichen? Oder was steckt wirklich dahinter, vielleicht ein Test? Hier muss noch eine Erklärung kommen, denn so wirkt das Ganze – zumindest für diese eine Episode betrachtet – im Nachgang schon etwas konstruiert.

Dann stellt sich natürlich die Frage nach der Obersten Direktive. Laut Burnham greift diese hier  nicht und zwar aus zwei Gründen: Erstens wissen die Kelpianer darüber Bescheid, dass es außerhalb ihrer Welt fremdes Leben gibt. Zweitens haben sie sich bewusst für diese Lebensweise beziehungsweise für “Das große Gleichgewicht” auf Kaminar entschieden. Im Grunde also so etwas wie die Ba’ku aus „Star Trek – Der Aufstand“. Diese wollen den Warp-Antrieb nicht benutzen, obwohl sie ihn theoretisch bauen könnten. Auf der einen Seite ist das zwar nachvollziehbar, denn es stehen ja auch hochtechnisierte Monolithen in den Kelpianer-Dörfern. Auf der anderen Seite macht man es sich hier etwas zu leicht. Hier wäre eine Diskussion darüber, ob im Fall, dass zwei Spezies auf derselben Welt leben und von denen nur eine weltraumreisend ist (die Ba’ul), die Oberste Direktive dann auf den gesamten Planeten anzuwenden ist oder lediglich nur auf die eine Spezies, viel ‚trekkiger‘ gewesen.

So oder so, es wird quasi entschieden, die Direktive gilt nicht. Deswegen darf Burnham ohne große Verkleidung mit auf den Planeten hinab. Dass Saru hier die logische Wahl ist, muss Pike erst einmal klar gemacht werden. Dabei verhält sich Saru in Folge vorbildlich und sagt nichts von der Evolution seiner Rasse, genau wie von Pike aufgetragen. Leider zu klischeehaft bzw. vorhersehbar ist dann Sarus Ausraster, als die Ba’ul seine Auslieferung fordern (denkt hier auch noch jemand an Peter Quill und Thanos?). Dass die Sache mit der Evolution schließlich der gesamten Spezies bekannt gemacht werden wird, konnte man sich von Anfang an denken und hätte durchaus etwas anders gelöst werden können, zum Beispiel als Sirannas Angstganglien ausfahren, Sarus aber nicht. Hier hätte sie sich wundern können, was da los ist. Saru hätte mit ihr zu den Ba’ul gehen können und die Folge hätte den üblichen Verlauf genommen.

Saru, Burnham, Pike und Tyler in "The Sounds of Thunder" (Photo: Michael Gibson/CBS)

Saru, Burnham, Pike und Tyler in “The Sounds of Thunder” (Photo: Michael Gibson/CBS)

Und dass Saru etwas Dummes vorhat, wird dem geneigten Zuschauer auch schnell klar, als er von der Brücke verschwindet und der Kamerafokus weiter auf ihm bleibt. Das gehört zweifellos zu seinem neuen, angstlosen Wesen, aber andere Crewmitglieder wie Burnham hätten das jedoch ahnen können. Dass er zu Burnham mit seiner Argumentation durchdringen kann, ist hingegen logisch und nachvollziehbar und vertieft ihre Beziehung weiter, wie man am Ende auch deutlich erkennen kann. Das ist vom Charakterlichen her betrachtet schön gespielt, aber  es bleibt die Frage, ob Burnham allen Ernstes in der laufenden Krisensituation die Brücke verlassen und Saru hinterhergefetzt ist? Und vor allem, warum es niemand gemerkt hat, denn Pikes Frage, wer da beamt, impliziert genau das. Und über das Beamen bei aktivierten Schilden und Alarmstufe Rot hüllen wir mal besser gleich den Mantel des Schweigens.

Es wird bunt, wenn auch nur kurz

Die Wiedervereinigung mit Saru und seiner Schwester gehört dann aber zweifellos zu den Highlights. Diese wird bei hellem Tageslicht zelebriert, was eine nette Abwechslung ist. Etwas seltsam mutet hier an, dass Siranna zunächst so agiert, als hätte sie das Abfliegen des Shuttles mit Saru nicht gesehen. Dennoch wurde hier konsequent die Geschichte von Sarus Heimat weiter erzählt, bis hin zu einem sehr versöhnlichen Ende im Orbit auf der Discovery.

Burnham, Siranna und Saru in "The Sounds of Thunder" (Photo: Michael Gibson/CBS)

Burnham, Siranna und Saru in “The Sounds of Thunder” (Photo: Michael Gibson/CBS)

Auch die Ba’ul sieht man, wenn auch nur kurz und wieder in dunklen Kulissen, wobei sie ein wenig wie Swamp Thing aussehen. Ob es jemals ein neues Alien in einer hellen Kulisse à la „The Next Generation“ zu sehen gibt? Klar, das Düstere gehört zum Konzept von “Discovery”, wirkt an dieser Stelle aber irgendwie störend. Ebenso störend ist die Sprechweise der Ba’ul, die zwar nicht ganz so schlimm wie die der neuen Klingonen ist, die man aber mindestens ebenso schlecht versteht. Warum hier zu diesem Stilmittel gegriffen wurde, wird wohl erneut ein Rätsel bleiben.

Und warum Saru plötzlich Superkräfte entwickelt und sich aus Eisenketten losreißen kann, darf ebenso als fragwürdig betrachtet werden. Klar, anders wäre seine Exekution nicht zu verhindern gewesen, die Frage ist nur: Was bedeutet dies für die Zukunft? Hat die Discovery einen neuen Hulk an Bord?

Und dann ist da natürlich noch die “Zwangsevolution” der gesamten Spezies. Auch wenn es irgendwann vielleicht ohnehin so gekommen wäre, so ist ein Eingriff in dieser Größenordnung zumindest moralisch fragwürdig, wird aber hier etwas lapidar abgehandelt. Schön aber immerhin, dass die Sphären-Infos aus der Vergangenheit wieder eingebunden wurden. Immerhin kann Saru jetzt kleine Pfeile verschießen, was sicher ebenso spannend für die Zukunft sein dürfte.

Charakterszenen und der Rest

Was gibt es sonst noch über die Folge zu berichten? Culber und Stamets erhalten zumindest eine schöne Szene. Während Culber sich über seinen neu gebauten Körper wundert, wird deutlich, dass Stamets ihn immer noch liebt und kennt, als er eine Geschichte aus Culbers Jugend erzählt. Gut gespielt und gut umgesetzt. Bleibt zu hoffen, dass man in den kommenden Folgen nicht allzu sehr auf die Tränendrüse drückt und die beiden ihre Beziehung einfach weiterführen können wie zuvor. Ein weiteres Wiederaufleben einer Beziehung wird sich vermutlich auch bei Burnham und Tyler anbahnen. Man braucht hier allerdings keine zweite derartige Schiene, wie ich finde.

Tig Notarao (Jett Reno) fehlt erneut grundlos, was schade ist. Hier wurde offenbar das Potential der Figur nicht erkannt bzw. man hält sie wohl nur für das situationsbedingte Comic Relief parat. Übrigens soll an dieser Stelle ein Ausblick auf die weitere Handlung nicht unerwähnt bleiben, denn Burnham erwähnt, dass sie erkannt hat, dass sie auch nach Vulkan zurück muss. Ob es darum in der nächsten Folge geht? Und ob Spock dann einfach in seinem Schaukelstuhl sitzt, an seiner neuen Uniform häkelt und die durch die Tür kommende Burnham ansieht und sich fragt, was die Aufregung bloß alles sollte? Wir dürfen gespannt sein – aber immerhin würden wir Spock dann endlich zu Gesicht bekommen.

Fazit

Die Kritik dieser Episode liest sich sicher an vielen Stellen wie ein Verriss, schlecht ist sie aber nicht wirklich. Viele kleine Details trüben bei genauerem Hinsehen zwar etwas den Spaß. Wer sich aber einfach unterhalten lassen will, wird gut bedient. Ansonsten bekommt man ein paar schöne Charakterszenen zu sehen und die Tatsache, dass Siranna am Ende darüber redet, mit den Ba’ul ein neues Friedensabkommen auszuhandeln, ist durchaus im Geiste von “Star Trek”. Insofern ist der Ausflug auf Sarus Heimatwelt vielleicht nicht das erwartete große Highlight geworden, aber durchaus ansehnlich, auch weil es den Season-Arc voranbringt.

Bewertung

Handlung der Einzelepisode 4 out of 6 stars (4 / 6)
Stringenz des staffel- und serienübergreifenden Handlungsstrangs 5 out of 6 stars (5 / 6)
Stringenz des bekannten Kanons 4 out of 6 stars (4 / 6)
Charakterentwicklung 5 out of 6 stars (5 / 6)
Spannung 4 out of 6 stars (4 / 6)
Action/Effekte 5 out of 6 stars (5 / 6)
Humor 4 out of 6 stars (4 / 6)
Intellektueller Anspruch 4 out of 6 stars (4 / 6)
Gesamt 4.5 out of 6 stars (4,5 / 6)

 


2 Kommentare

Jenny · 25. Februar 2019 um 8:12

Tig Notarao (Jett Reno) fehlt erneut grundlos? Tut sie das? Mal davon abgesehen, dass sie ja eigentlich kein “richtiges” Mitglied der Discovery ist dies in etwa so, wie wenn ich bei TNG beanstande, dass O’Brien nicht in jeder Folge dabei ist. 😉

Sie ist ein wenig wie Barclay und ich bin überhaupt nicht der Meinung, dass sie nun jede Woche auftauchen muss, nur weil sie gut ankommt. Selbst wenn das aus ihr ein Comic Relief macht.

Ob es jemals ein neues Alien in einer hellen Kulisse à la „The Next Generation“ zu sehen gibt? Das gabs schon im Pilotfilm in der Wüste. So viele neue Aliens hat uns Discovery noch gar nicht gezeigt, als dass ich mich leicht darüber ärgern würde, dass die Sets dunkel waren. Ich fand es sogar ausgesprochen toll inszeniert. Überhaupt sah diese Folge visuell wieder atemberaubend aus.

Sonst aber eine tolle Kritik. Danke dafür.

Frobin Jojo · 25. Februar 2019 um 12:33

Also ich bin da schon eher bei der 2-Sterne-Bewertung in der Kurzrezension!

Natürlich war die Episode technisch und visuell hervorragend gemacht. Aber die Episode und die Serie nur am hohen Standard moderner TV-Produktionen zu messen, läuft ja viel zu kurz.

“Star Trek: Discovery” ist ja angetreten mit dem Anspruch einer Top-Serie, die mit “Game of Thrones” und anderen Top-Serien mithalten kann. Und da muss man dann schon auch erwähnen, dass es nicht reicht – durchaus unterhaltsame, solide produzierte – Einzelepisoden abzuliefern. Auch eine lose Rahmenhandlung der Staffel ist nichts Neues – das gab es auch schon bei “Deep Space Nine”.

Ich finde es gut, dass die Fehler der ersten Staffel ausgebügelt werden, aber in Sachen moderner Erzählweise kann sich die Serie noch einiges von Sci-Fi-Serien wie “Battlestar Galactica” und “The Expanse”, aber auch von “Game of Thrones” abschneiden.

Bisher ist es einfach nur “Star Trek” in zeitgemäßem visuellem Design, aber mir fehlen (mehrere) starke Charaktere und komplexere Plots mit verschiedenen Handlungssträngen und mehreren Schauplätzen.

Die Charakterentwicklung ist ziemlich banal, vor allem die Darstellung und (abrupte) Entwicklung zwischenmenschlicher Beziehungen kann da mit anderen Serien nicht mithalten. Die Liebesbeziehung von Burnham und Tyler war schon in der ersten Staffel völlig unglaubwürdig. Und auch die Beziehung zwischen Stamets und Cluber ist mehr symbolisch als sonst was – oder glaubt irgendwer, dass Paare in so schwülstigen Metaphern vergangener Erfahrungen miteinander reden?

“Star Trek: Discovery” ist eine nette Serie, kann aber mit der Oberliga zurzeit weder bei Charakter- noch bei der Plotentwicklung mithalten. Lediglich beim visuellen Design.

By the way: Die Ba’ul sind (ebenso wie die Klingonen in der ersten Staffel) visuell ein EPIC FAIL!

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