In unserer Review zur achten Folge der zweiten Steffel klären wir, ob alles nur eine talosianische Illusion ist. Oder ob vielleicht doch etwas mehr in der Folge steckt.

Wie immer gilt: Achtung Spoiler!

Nostalgie pur

Gleich zu Beginn der Folge gibt es ein „Zuvor bei Star Trek“ – und diesmal ist die Folge, auf die der Rückblick abzielt, “Der Käfig”/„The Cage“ (“The Original Series” 1×00). Zwar bringt man nicht wie bei “Doctor Who” ein „Vor 709 Folgen“, aber die Szenen aus der Classic-Serie nochmal zu sehen, hat auch hier seinen unvergleichlichen Charme, vor allem da sie auch im Deutschen mit der BluRay-Tonspur daherkommen. Dabei wird dann von den alten Darstellern (in dem Fall Jeffrey Hunter) zu den neuen übergeblendet. Doch damit nicht genug, hat man auch sonst keine Berührungsängste und zeigt die Talosianer in ihrer alten Aufmachung. Später wird man sie natürlich noch in der durchaus gelungenen Neuinterpretation erleben, aber die Botschaft ist klar: Das sind die gleichen Charaktere, damals sahen sie anders aus, heute eben so, lebt damit. Ironischerweise stellt diese Herangehensweise das einst unterschiedliche Klingonen-Aussehen in den Schatten. Auch damals hätte es so einfach sein können, wenn man die Unterschiede einfach so belassen und nicht thematisiert hätte. Selbiges gilt natürlich ebenso für die Schauspieler: Das sind dieselben Charaktere, aber eben andere Darsteller, was soll’s.

Talosianer aus dem Trailer zu "If Memory Serves" (Szenenbild: Discovery 2x08, CBS)

Talosianer (Szenenbild: Discovery 2×08, CBS)

Allein durch diese Eröffnung punktet die Folge bereits stark. Nostalgiefaktor vor allem für Fans. Bleibt die Frage, ob der Rest der Folge genauso liefern kann. Und um das Positive gleich vorab zu erwähnen: Das kann sie durchaus.
Die Folge stammt übrigens von Dan Dworkin und Jay Beattie, die bereits die kurzlebige Serie „The Crossing“ entwickelt hatten.

Zurück nach Talos IV

Die Haupthandlung um Spock und Burnham führt zurück zum allerersten “The Original Series”-Planeten, eben Talos IV. Im Vergleich zu damals kann man nun eindrucksvoller darstellen, wie die Talosianer ihre Illusionen zur Verteidigung einsetzen. Doch auch der Planet selber weist eine ansehnliche Optik auf. Oder anders ausgedrückt, er ist vor allem für Altfans ein Referenzfest. Die klingenden Pflanzen, die Käfige der Talosianer. Das I-Tüpfelchen wäre es natürlich gewesen, noch mehr Orte aus dem “The Original Series”-Pilotfilm zu zeigen, etwa den unterirdischen Eingang. Aber man kann nicht alles haben, das Budget ist ja bekanntlich begrenzt.

Im Gegenzug für ihre Hilfe wollen die Talosianer auch wissen, wie es zum Streit zwischen Spock und Burnham kam (Wollen das wirklich die Talosianer oder nicht doch eher die Zuschauer wissen? Aber so oder so, der Kniff funktioniert und am Ende erfahren wir endlich, woher das böse Blut der beiden Geschwister kommt). Zunächst erfahren wir aber Spocks Verbindung zum Roten Engel und dass dieser ihm einen Blick in die Zukunft erlaubt hat, in der irgendwelche Raumschiffe oder Maschinen das Universum zerstören. Auch hier sieht man die Gründungswelten der Föderation explodieren – eine erneut beeindruckende Sequenz. Zudem wird so der Bogen zu der Sonde aus der Vorfolge geschlagen.

Und der Rote Engel ist ein Wesen, das Spock helfen will, diese Zukunft zu ändern. So weit, so gut. Offenbar stammt sein etwas brüchiger Zustand von der versuchten Gedankenverschmelzung mit dem Engel – und die Ähnlichkeit zur Verschmelzung mit V’ger knapp 20 Jahre später sind offensichtlich. Oder vielleicht kann Spock das dann so gut, weil er es hier bereits gelernt hat? So oder so, nett gemacht und auch diese Szene funktioniert. Was indes nicht so ganz funktioniert, sind die Rückblicke in die Kindheit.

Dass auf Vulkan Kreaturen existieren wie auf dem Eisplaneten Delta Vega aus dem 2009er „Star Trek“, mag man noch akzeptieren. Der Plan des Roten Engels ist aber noch absolut undurchsichtig. Warum die Sache auf Terralysium und Kaminar? Warum Burnhams Rettung? Hier muss “Discovery” noch liefern! Aber nachdem der Handlungsstrang in dieser Folge extrem anzieht, kann man hier wohl Hoffnung für die Zukunft haben. Die andere Sache mit dem Streit der beiden Geschwister ist da etwas problematischer. Burnham als Kind beleidigt Spock, um ihn vor den Logikextremisten zu schützen. So weit, so gut. Es stellt sich jedoch die Frage, wie es dann weiterging. Burnham muss schließlich im Hause Sarek weiter gelebt haben. Immerhin muss sich (laut der ersten Staffel) Sarek später noch entscheiden, Spock oder Burnham zum Beitritt zur vulkanischen Akademie der Wissenschaften zu fördern. Waren die beiden seither derart kühl zueinander? Und wenn ja, warum hat Amanda das nie gemerkt oder etwas dagegen unternommen?

Hier wurden also noch nicht alle Ecken und Kanten ausgebügelt, aber vielleicht kommt das ja in Zukunft noch. Das Verhältnis der beiden bessert sich hier ein wenig – allerdings wirklich nur ein wenig. Spock wurde tief verletzt, auch wenn er es nicht zeigen will, die rassistisch anmutende Bemerkung erinnert sicher nicht von ungefähr an den 2009er-Film (obwohl die Beleidigung, die Spock dort erfahren hat, genau genommen schon in der Kelvin-Zeitlinie liegt). Hier wird es in Zukunft sicher noch einiges an Luft nach oben geben. Man darf also gespannt sein. Übrigens wird mit dieser Entwicklung die Story des ersten Discovery-Romans („Gegen die Zeit“) endgültig ad absurdum geführt. Spock und Burnham, die zusammenarbeiten, um eine Welt zu retten, das kann es so wohl nicht gegeben haben.

Derweil auf der Discovery – Charakterszenen pur

Auch auf der Discovery gibt es einiges zu tun – vorrangig charakterlich. Das beginnt mit Pike, der Tyler sagt, dass er ihm vertraut, nur um später festzustellen, dass er ihn arretieren muss. Eine schöne Reminiszenz an die vorherige Folge, auch wenn es immer noch ein bisschen zu schnell vonstatten ging. Doch auch Tyler scheint dazu gelernt zu haben und ist nicht mehr ganz so aggressiv wie zuvor. Vor allem später, während der Szene mit Culber in der Messe, dürfen beide hier glänzen. Beide wissen nicht, was ihr neuer Platz in dieser Welt ist. Das ist gut umgesetzt und ebenso gut gespielt.

Culber und Tyler in "If Memory Serves" (Photo: "Discovery 2x08, CBS)

Culber und Tyler in “If Memory Serves” (Photo: “Discovery” 2×08, CBS)

Auch Stamets und Culber bekommen in dieser Episode Raum für sich. Wer hier allerdings ein Beziehungsdrama à la GZSZ erwartet hat, wird zum Glück positiv überrascht. Das Wiederzusammenfinden der beiden (respektive dessen Nicht-zustande-Kommen) vermag zu überzeugen und erweist sich als doch nicht so schlimm, wie befürchtet. Auf diesem Niveau kann es gerne weitergehen. Übrigens ist die Szene, in der Culber zu Stamets meint, er solle endlich über ihn hinwegkommen, sicherlich auch eines der Highlights in dem Gespräch und hätte, wenn man Wilson Cruz nicht zurückgeholt hätte, sehr gut in die „Die Heiligen der Unvollkommenheit“ (Discovery 2×05) gepasst.

Auch Commander Nhan darf wieder auftauchen und Tyler verhaften, auch wenn der Zuschauer weiß, dass Airiam dahinter steckt. Aber was liegt näher, als dem eh schon unbeliebten Sektion 31-Typen die Schuld in die Schuhe zu schieben? Funktioniert an dieser Stelle auch recht gut, auch wenn später klar wird, dass Tyler es nicht gewesen sein kann. Hoffentlich wird das in Zukunft nochmal thematisiert. Was übrigens auch nicht weiter aufgearbeitet wird, ist der Zeit-Tsunami und etwaige Auswirkungen auf Kaminar. Schade.

Aber auch Pike bekommt eine Charakterszene spendiert, nämlich eine mit Vina. Auch hier wird erneut eine Kanon-Verknüpfung geschaffen, denn die beiden führen ein lange überfälliges Gespräch, in dem Pike zugibt, dass er durchaus Gefühle für Vina entwickelt hat. Auch das ist wieder eine schöne Verbindung zum Talos IV-Zweiteiler der Originalserie (“The Original Series”, 1×15, 1×16), die Pikes spätere Rückkehr plausibler macht. Und auch Spock schuldet den Talosianern quasi etwas, nachdem sein Geist wiederhergestellt worden ist. Auch wenn er Pike später hauptsächlich wegen seiner Verbundenheit zu seinem ehemaligen Captain und nicht wegen der Talosianer nach Talos IV zurückbringt.

Saru, Spock, Burnham und Pike in "If Memory Serves" (Photo: "Discovery 2x08, CBS)

Saru, Spock, Burnham und Pike in “If Memory Serves” (Photo: “Discovery 2×08, CBS)

Die Macht der Sektion

Nach so viel Licht muss es aber auch etwas Schatten geben. Und der kommt erneut in Form von Sektion 31. Zwar sind die Szenen, in denen die Organisation auftritt, wieder sehr gut umgesetzt und vor allem das Spiel zwischen Leland und Georgiou mag erneut zu gefallen. Hier zeigt sich, dass Lelands Stuhl langsam wackelt und die Imperatorin die Hosen an hat. Ob sie letztlich für den Fall der Sektion verantwortlich sein wird? Das wird vermutlich erst die nächste Serie klären.

So oder so muss man sich aber wundern, welche Macht das „Sektiönchen“ da eigentlich auffährt. Zwar hört Leland auf die Admirale, die scheinen aber durchaus gewillt, einen Mord in Kauf zu nehmen, wenn es der Sache dient. Und auch sonst töten sie scheinbar willkürlich, um Spock zu belasten. Denn dass dieser unschuldig ist, daran hatte niemand Zweifel, erst recht nicht die Zuschauer. Darüber hinaus wollen sie an Spocks Wissen über die Zukunft heran, um … ja, um was damit zu tun eigentlich? Sie wissen dann zwar, dass in 500 Jahren irgendwelche Killermaschinen Planeten zerstören. Und weiter? Im Gegensatz zum Roten Engel scheinen sie aber keinen Plan zu haben, wie man dieser drohenden Gefahr entgegenwirken kann. Bei “Deep Space Nine” war die Vorgehensweise noch subtiler.

Zugegeben, das Ganze mag so beabsichtigt sein, um zu zeigen, wie sich die Sektion entwickelt hat bzw. warum sie letztlich untertauchen muss. Dass sie aber selbst Captains von Raumschiffen Befehle geben kann und diese disziplinarisch ahnden kann, ist dann fast schon etwas zu viel des Guten. Oder baut man hier eine neue Antipathie für die kommende Serie auf?

Sicher, Pike hat die Vorschriften verletzt, in dem er Talos IV angeflogen hat (übrigens auf normalem Wege, was nur unwesentlich länger gedauert hat, als der Einsatz des Sporenantriebs – wozu war dieser nochmal nötig?). Aber das Verbot des Anflugs dieser Welt bestand nicht, weil die Talosianer so böse sind, sondern weil jeder, der einige Zeit mit ihnen verbringt, ihre Fähigkeiten lernen kann. Hier stellt sich die Frage, ob Vina das auch irgendwann kann oder ob sie, aufgrund ihres derangierten Körpers dazu nicht in der Lage ist? Und wird Pike, wenn er in 10 Jahren nach Talos kommt, nicht letztlich doch dafür sorgen, dass die Talosianer ihr Zuchtprogramm bekommen? Aber das sind Fragen, die in eine Folgenbesprechung der “The Original Series”-Folge gehören.

Das Ende der Folge ist zwar in der Hinsicht durchaus witzig, wenn auch vorhersehbar. Das die ganze Crew nun quasi meutert und die Discovery bald das meistgesuchte Schiff sein wird, ist im Übrigen nette Ironie im Vergleich zur ersten Staffel. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir hier TOS-Zeiten haben: Uneinsichtige Admirale, rebellische Captains. Wenn’s denn sein muss…

Fazit

Eine Folge, die sich auch designtechnisch sehr gut in den Kanon einfügt und zeigt, wie „man’s macht“. Auch Charakterlich hat sie einiges zu bieten und tritt teilweise nicht derart mit dem Holzhammer auf, wie dies vergangene Folgen auch taten. Ein paar kleinere Schnitzer gibt es auf der B-Seite, damit kann man aber im Großen und Ganzen leben. Auf diesem Niveau kann es gerne weitergehen.

Bewertung

Handlung der Einzelepisode 5 out of 6 stars (5 / 6)
Stringenz des staffel- und serienübergreifenden Handlungsstrangs 5 out of 6 stars (5 / 6)
Stringenz des bekannten Kanons 5 out of 6 stars (5 / 6)
Charakterentwicklung 5 out of 6 stars (5 / 6)
Spannung 5 out of 6 stars (5 / 6)
Action & Effekte 4 out of 6 stars (4 / 6)
Humor 2 out of 6 stars (2 / 6)
Intellektueller Anspruch 4 out of 6 stars (4 / 6)
Gesamt          5 out of 6 stars (5 / 6)

Episoden-Infos

Episodennummer 23 (Staffel 2, Episode 8)
Originaltitel If Memory Serves
Deutscher Titel Licht und Schatten
Erstausstrahlung USA Donnerstag, 7. März 2019
Erstausstrahlung Deutschland Freitag, 8. März 2019
Drehbuch Dan Dworkin & Jay Beattie
Regie TJ Scott
Laufzeit 54 Minuten

 


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