In der elften Folge der zweiten Staffel von “Star Trek: Discovery” wird Michael nach 20 Jahren mit ihrer Mutter wiedervereint. Was das Familiendrama taugt, verrät unsere spoilerfreien Kurzrezension.

Story

Unmittelbar nach den Ereignissen von “The Red Angel” sind Discovery und Lelands NCIA-93 noch immer im Orbit um Essof IV. Während Burnham auf dem Schiff versorgt wird, verbleibt ihre Mutter Dr. Burnham im Stasisfeld auf dem Planeten. Als klar wird, dass der “Anker” des Zeitanzugs Dr. Burnham mit zunehmender Kraft zurück in die Zukunft zieht, beginnt ein Rennen gegen die Zeit.

Burnham und Burnham in "Perpetual Infinity" (Photo: "Discovery" 2x11, CBS)

Burnham und Burnham in “Perpetual Infinity” (Photo: “Discovery” 2×11, CBS)

Das Drehbuch von Alan McElroy und Brandon Schultz setzt den bedauerlichen Trend fort, spektakuläre Wendungen nur unzureichend zu erklären. Ein Beispiel ist die Auflösung der noch vor einer Woche so eindeutigen Biosignatur. Als Zuschauer kann man sich entweder darauf einlassen oder man ärgert sich fortwährend darüber, dass der Plot nach Bedarf beliebig neue Trümpfe aus dem Ärmel zieht, ganz so, als würde man eine Partie Fizzbin gegen James T. Kirk spielen.

Der äußere Plot ist dabei simpel genug, dass er in einem Science-Fiction-Setting gut funktionieren müsste, nur leider schießen immer wieder Finten und Haken des Drehbuchs quer, bis der Zuschauer ungläubig Technobabble-Exposition lauscht und sich fragt, warum sich “Discovery” in diesen seltenen Momenten die Mühe macht, seine wundersamen Wendungen zur Abwechslung einmal rechtfertigen zu wollen.

Dialoge und Figuren

“Perpetual Infinity” wirkt stärker als andere Folgen in dieser Staffel wie ein direkter Nachfolger der vorangegangenen Episode. Es würde mich nicht wundern, wenn dies die zusätzliche Folge ist, die die Staffel auf 14 Episoden verlängerte. Nicht nur der Hauptspielort ist der selbe geblieben, sondern auch die Charakterkonstellationen werden nahtlos aufgegriffen.

Zentrum der Handlung sind selbstverständlich wieder Michael Burnham und ihre Mutter Gabrielle (Sonja Sohn). Um sie “kreisend” haben die anderen Hauptcharaktere ebenfalls ein wenig zu tun. Auf der B-Schiene wandert der Fokus zu den Anti-Helden des Sektion-31-Schiffes. Die Brückenbesatzung fristet in “Perpetual Infinity” aber nur ein Statistendasein.

Leider landet die überwiegende Mehrheit dieser dialoglastigen Szenen nicht. Hauptschuldiger ist der zunehmend sprunghafte Plot. Durch die Wendungen der letzten Folgen ist es schwer zu unterscheiden, welcher Teil des Dramas “echte” Konsequenzen für die Figuren haben und was sich in Kürze als Finte der Autoren herausstellen wird.

Burnham in "Perpetual Infinity" (Photo: "Discovery" 2x11, CBS)

Burnham in “Perpetual Infinity” (Photo: “Discovery” 2×11, CBS)

Insbesondere kann auch Sonequa Martin-Greens großartige Schauspielerei nicht darüber hinweghelfen, dass sie diese Staffel praktisch jede Folge mit einem neuen Trauma konfrontiert wird. Und so gibt es auch diese Episode wieder vermeintlich herzzerreißende Szenen, in denen viele Tränen fließen. “Discovery” hat bei mir den Bogen diesbezüglich inzwischen überspannt. Wenn jede Woche die gleiche Saite strapaziert wird, stumpft das Publikum irgendwann ab.

Besonders bedauerlich ist die Zeichnung von Michaels Mutter Gabrielle. Gebeutelt von vielen einsamen Jahren im verzweifelten Kampf gegen Control ist sie leider zu kalt und berechnend, um beim Zuschauer Sympathie zu wecken. Ich verstehe, was die Autoren hier versucht haben, aber einerseits ist das Drehbuch an dieser Stelle mit den sich ergebenden Wendungen zu vorhersehbar und andererseits knüpft der Zuschauer nicht die notwendige emotionale Bindung an die Figur, um im Finale der Folge angemessen mitfiebern zu können.

Inszenierung

Maja Vrvilo liefert eine brauchbare Folge ab, die wohltuend den Trend der jüngeren Episoden mit einer konservativeren Inszenierung fortsetzt. Das zeigt sich unter anderem darin, dass extravagante Kamerafahrten und Linsenreflexe auf ein erträgliches Maß zurückgefahren wurden.

Dennoch zeigt sie vor allem zum Finale, dass sie auch ein Händchen für actionlastige Szenen hat. Leider gelingt es ihr nicht, die formelhafte Handlung im Zusammenspiel mit den Schauspielern interessanter zu machen und die notwendige Intimität zu erzeugen. Stattdessen wirken viele Szenen zu steif und distanziert.

Rahmenhandlung

Nachdem sich “Discovery” am Anfang der Staffel in sehr vielen parallelen Plot-Linien verzettelt hat, ist das Drama inzwischen gradliniger geworden. Nachdem das Rätsel im den Roten Engel endlich gelöst ist, bleiben nur noch wenige Fragen offen. Das Schicksal Lelands nimmt dabei eine Schlüsselrolle in dieser Folge ein. Langfristig wird uns wohl auch noch die Natur der roten Signale beschäftigen (derer sieben wir bisher nur drei untersucht haben).

Wie bereits oben erwähnt, ist es schwierig wirklich mitzufiebern, wenn sich die vermeintlichen Regeln des fiktiven Universums von Folge zu Folge zu ändern scheinen. Der Technobabble dieser und letzter Episode erinnert mich mehr an die Deus-Ex-Machinae einer “Doctor Who”-Folge, aber im Kontext von “Star Trek” wäre mehr Konsistenz auch im Rahmen der pseudo-wissenschaftlichen Erklärungen wünschenswert.

Georgiou in "Perpetual Infinity" (Photo: "Discovery" 2x11, CBS)

Georgiou in “Perpetual Infinity” (Photo: “Discovery” 2×11, CBS)

Und das wirklich Traurige dabei scheint mir, dass viele der Unstimmigkeiten wirklich unnötig und Effekthascherei geschuldet sind. In “The Red Angel” wischt Culber mit Nachdruck alle Bedenken beiseite, es könne jemand anderes als Michael im Anzug stecken, diese Folge wird der offensichtliche Widerspruch lapidar zu den Akten gelegt. Wenn sich die Zuschauer nicht darauf verlassen können, dass solche Widersprüche relevant für die Handlung sind, macht das Spekulieren von Folge zu Folge auch irgendwann keinen Spaß mehr.

Beobachtungen

  • Wo ist Admiral Cornwell? Analog zum Verschwinden von Commander Reno zwischen “An Obol for Charon” und “Saints of Imperfection” ist sie mit dem Episodenwechsel von einem zum anderen Moment verschwunden. Würde der ranghöchste Offizier an Bord nicht das ein oder andere Wort bei den folgeschweren Entscheidungen in dieser Folge mitreden wollen?
  • Ich habe mich ganz unvermittelt gefragt, ob “Discovery” mit dieser Staffel auch noch die Herkunft der Borg erklären möchte.
  • 950 Jahre in der Zukunft. Oh, “Calypso”, ich freue mich so, die Verbindung kennenzulernen. In jedem Fall wissen wir, dass die desolate Zukunft Dr. Burnhams nicht identisch ist mit der Zeitlinie von Craft und Zora.
  • Ich verstehe die Funktionsweise des Anzugs nicht. Warum haben wir ihn noch gleich per EMP lahmgelegt?
  • “I like science!”
  • Sind eigentlich alle Schurken völlig inkompetent? Warum lebt Tyler noch?
  • Georgiou scheint eine Schwäche mit Nhan zu teilen und nicht auf ihre offensichtlichen Verdachtsmomente zu reagieren. Auch dass man ihre (weit hergeholte) Animosität gegen Dr. Burnham ausnutzen konnte, irritiert mich. Da hätte ich der gerissenen Imperatorin mehr zugetraut. Auch ganz ohne Verdacht hätte es sehr in ihrem Interesse gelegen, die Daten selbst unter Verschluss zu halten, und sie nicht der Obhut eines Konkurrenten zu überlassen.
  • Torpedos aus den Warpgondeln. Für eine Serie mit so vielen bekennenden “Star Trek”-Fans passieren immer wieder ziemlich seltsame Dinge.

Fazit

Für mich leider ein Tiefpunkt der Staffel. Die Spannung fällt mit jedem neuen Haken, den die Story schlägt. Damit wird dem Zuschauer zu verstehen gegeben, dass Aufmerksamkeit nicht belohnt wird. Die teils dramatischen Charaktermomente verlieren nach zu vielen Wendungen ebenfalls ihre aufwühlende Wirkung. Während Sonequa Martin-Green sich tapfer durch das Drehbuch spielt, bleibt dem Zuschauer nicht viel anderes übrig, als sich zurück zu lehnen und das zunehmend wirre Spektakel als eben solches auf sich wirken zu lassen. Nach wie vor ist da viel Schönes dabei, nur vorhersag- und logisch nachvollziehbar ist das alles wohl nimmer mehr.

Das ist natürlich nur eine Momentaufnahme. Wie “Discovery” schon mehrmals diese Staffel demonstriert hat, kann es schon nächste Woche viel besser und mitreißender werden.

Bewertung

Handlung der Einzelepisode 3 out of 6 stars (3 / 6)
Stringenz des staffel- und serienübergreifenden Handlungsstrangs 3 out of 6 stars (3 / 6)
Stringenz des bekannten Kanons 2 out of 6 stars (2 / 6)
Charakterentwicklung 3 out of 6 stars (3 / 6)
Spannung 3 out of 6 stars (3 / 6)
Action & Effekte 4 out of 6 stars (4 / 6)
Humor 2 out of 6 stars (2 / 6)
Intellektueller Anspruch 2 out of 6 stars (2 / 6)
Gesamt          3 out of 6 stars (3 / 6)

Episoden-Infos

Episodennummer 26 (Staffel 2, Episode 11)
Originaltitel Perpetual Infinity
Deutscher Titel Der Zeitsturm
Erstausstrahlung USA Donnerstag, 28. März 2019
Erstausstrahlung Deutschland Freitag, 29. März 2019
Drehbuch Alan McElroy und Brandon Schultz
Regie Maja Vrvilo
Laufzeit 49 Minuten

Mit Rücksicht auf andere Leser, die die Folge noch nicht gesehen haben, bitten wir, in den Kommentaren zu diesem Artikel auf Spoiler zu verzichten. Danke!


1 Kommentar

Teilzeit-Nerd · 29. März 2019 um 22:29

Ich sehe es etwas anders als der Rezensent:
Gut, das zurückrudern mit der Person im Anzug…naja, halbwegs plausibel erklärt.
Aber was mich beschäftigt ist:
1. [Entfernt, bitte keine Spoiler unter Kurz-Rezensionen]
2. Ist er jetzt ein Borg? Das waren doch Borg-Nanosonden, die im da injiziert wurden, oder?(sie waren zwar groß, aber grün und alles passte zu einer typischen Borg-Assimilierung)
3. Ist Sektion31 schuld an der Existenz der Borg?
4. Die KI um die es hier geht ist doch das Hive-Bewusstsein des Borg-Kollektivs, oder?….nur (noch) ohne Kollektiv und Drohnen?
Was [Entfernt, bitte keine Spiler unter Kurzrezensionen] weitere Entwicklung angeht, bin ich noch sehr gespannt. WENN die KI wirklich die Borg-KI ist, ist das eine neue Entwicklung…[Entfernt, bitte keine Spoiler unter Kurz-Rezensionen]. Wartet mal ab…womöglich ist Michael Burnham oder ihre Mutter die allerersten Borg-Königin? Wer weiss?… Also ich fand diese Folge top und verstand es mich zu überraschen…nach RED ANGEL aber auch keine große Kunst.

4.

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