Der Dominion-Krieg ist einer der wichtigsten Handlungsbögen in “Star Trek: Deep Space Nine”. Aber hat die Serie das Phänomen ‘Krieg’ wirklich realistisch dargestellt? Und welche Botschaft steckt eigentlich hinter dieser Storyline?

Anlässlich unserer “Deep Space Nine”-Themenwoche haben wir uns die in der Serie dargestellten kriegerischen Auseinandersetzungen in Form einer mehrteiligen Artikel-Serie noch einmal etwas genauer angesehen.

Heute gehen wir der Frage nach, wie der Dominion-Krieg entstanden ist.

Schlafwandler im Weltraum

Die Ursachen für das Aufkommen von Kriegen sind vielfältig, das zeigt die Geschichte der Menschheit eindrücklich. Nicht selten sind Kriege von mindestens einer Seite beabsichtigt. Manchmal sind diese aber auch das Resultat verschiedenster unglücklicher Umstände, die dazu führen, dass Konflikte in einer Eskalationsspirale münden, die niemand mehr unter Kontrolle zu bringen vermag.

Auch der fiktive Dominion-Krieg in “Deep Space Nine” bricht nicht von einen auf den anderen Tag aus. Vielmehr ist dieser von langer Hand geplant, das Dominion will ihn. Für die Föderation wiederum ist dieser Konflikt ein Verteidigungskrieg, den sie lange Zeit zu verhindern versucht hat – angefangen bei “Die Suche, Teil 1 & 2” (3×01 & 02) aus der dritten Staffel. So erscheint es zumindest auf den ersten Blick.

Auf den zweiten Blick stellt sich die Situation womöglich aber etwas differenzierter dar. Denn der Dominion-Krieg ist in gewisser Weise auch eine Verquickung unterschiedlicher Faktoren, die sehr viel mit Angst, Misstrauen, aber auch mit Machtstreben, Eitelkeiten und Ignoranz zu tun haben. Betrachtet man den Konflikt von hinten nach vorne, dann wird viel klarer, dass nicht nur die Gamma-Quadrant-Großmacht ‘Das Dominion’ die alleinige Schuld für die Eskalation trägt. Nein, auch die Großmächte des Alpha-Quadranten – die Cardassianer, Romulaner und Klingonen, aber auch die Föderation – haben ihren Teil dazu beigetragen, dass aus einem kalten ein heißer Krieg geworden ist. In unterschiedlicher Form und Gewichtung, versteht sich. Aber keine Großmacht hat hier wirklich eine weiße Weste.

Der australische Historiker Christopher Clark hat vor einigen Jahren in seinem Buch “Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog” sehr ausführlich dargelegt, wie der Erste Weltkrieg entstanden ist und welche Rolle die einzelnen Machtzentren Europas hierbei gespielt haben. Seine Conclusio: Die Julikrise 1914 sei ein komplexes Ereignis gewesen, was letztendlich in die Katastrophe geführt habe. Dieses Fazit lässt sich auch auf den fiktiven Dominion-Krieg übertragen, auch wenn es hier kein Äquivalent zur Julikrise gibt. Schlafwandler gab es in “Deep Space Nine” aber durchaus und zwar auf allen Seiten.

Der Dominion-Krieg ist eine Anspielung auf die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert. Mit der Föderation, den Romulanern, den Klingonen, den Cardassianern, den Breen sind nahezu alle Großmächte des Alpha-Quadranten in irgendeiner Konstellation an dem Konflikt mit dem Dominion beteiligt (Szenenfoto: 7×25 “What We Leave Behind”, CBS).

Am Anfang war das Misstrauen

Der Konflikt nimmt seinen Anfang nicht erst mit dem ersten Auftauchen der Jem’Hadar am Ende von Season 2, sondern tatsächlich schon mit dem Pilotfilm “Der Abgesandte” (1×01). Denn mit der Entdeckung des einzig bekannten stabilen Wurmlochs durch Commander Sisko beginnt die Erforschung des Gamma-Quadranten – der Heimat des ‘Dominion’. Neben der Föderation schicken auch die übrigen Großmächte des Alpha-Quadranten (Anmerkung: die Imperien der Romulaner und Klingonen liegen eigentlich zum Großteil im Beta-Quadranten) – Cardassianer, Klingonen und wohl auch die Romulaner – Schiffe in diesen bisher noch nicht erkundeten Teil der Galaxie. Und hierin liegt auch die erste Ursache des Konflikts zwischen den Mächten des Alpha-Quadranten und dem Dominion: Die Gründer fühlen sich durch dieses Eindringen in das, was das Dominion für seinen ‘Einflussbereich’ hält, bedroht.

Nun mag dieses Bedrohungsgefühl der Gründer womöglich unbegründet sein – zumindest in Bezug auf die Föderation; nichtsdestotrotz ist hier die subjektive Bedrohungswahrnehmung (Perzeption) der Gründer das entscheidende Kriterium und nicht die tatsächliche, objektive Faktenlage. Die zahlreichen (aus Sicht des Dominion unautorisierten) Forschungsmissionen der Sternenflotte sind für die Gründer schon Beweis genug, dass die Föderation eine Gefahr für die Autorität des Dominion im heimischen Gamma-Quadranten darstellt. Die Tatsache, dass die Karemma dann auch noch wirtschaftliche Beziehungen mit den Ferengi (2×07 “Profit oder Partner” ) eingehen und später der Föderation Informationen über die Binnenstruktur des Dominion weitergeben (3×01 “Die Suche”, Teil 1), verstärkt diese Perzeption zusätzlich. Und damit ist die Büchse der Pandora auch leider schon geöffnet. Commander Siskos Mission, die Gründer davon zu überzeugen, dass die Föderation keine Gefahr für das Dominion darstellt (“Die Suche”), ist damit eigentlich auch von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Einerseits, weil die Sternenflotte mit der U.S.S. Defiant eindrucksvoll zeigt, dass sie Waffentechnik besitzt, welche dem Dominion Paroli bieten kann (eine effektive Abschreckungswirkung hat die Defiant wohl leider nicht). Andererseits macht die Föderation auch sehr deutlich, dass sie nicht gewillt ist, auf weitere Forschungsreisen in den Gamma-Quadranten zu verzichten.

Ein Unterhändler des Dominion macht der Föderation in “The Jem’Hadar” (2×26) deutlich, dass das Dominion die Expeditionen in den Gamma-Quadranten als Provokation betrachtet. Wäre eine Eskalation des Konflikts hier eventuell noch vermeidbar gewesen? (Szenenfoto: CBS).

Welche Rolle spielt die Föderation?

Sicherlich ist die Föderation hier im moralischen Recht, denn nicht der gesamte Gamma-Quadrant ist Dominion-Territorium. Zudem muss man den Machtanspruch eines aggressiven Imperiums nicht einfach widerspruchslos hinnehmen, gibt es doch so etwas wie ein Selbstbestimmungsrecht der verschiedenen Zivilisationen – in Analogie zum Völkerrecht der Gegenwart. Andererseits hätte die Föderation hier womöglich auch etwas weniger stur und ignorant agieren können. Ein Aussetzen der Forschungsmissionen in den Gamma-Quadranten für unbestimmte Zeit hätte den Konflikt womöglich deeskaliert. Weitere diplomatische Initiativen hätten dann womöglich zu einem Umdenken bei den Gründern geführt. Mit Odo hätte man sogar den perfekten Unterhändler in den eigenen Reihen gehabt. Daher bleibt festzuhalten: Die Föderation hat hier nicht unbedingt klug agiert und die Flinte zu früh ins Korn geworfen, was die Diplomatie betrifft.

Im Gegenteil: In den kommenden Jahren dringt die Sternenflotte dann sogar immer weiter in den Gamma-Quadranten vor und mischt sich – trotz Oberster Direktive – in die inneren Angelegenheiten des Dominion ein. Dr. Bashir bekämpft das ‘Quickening’ (4×24 “Hoffnung”), was aus humanitärer Sicht auch absolut richtig ist. Aber sein Agieren fordert eben auch das Dominion heraus, auch wenn die besagte Welt dort kein Mitglied ist. Gleiches gilt auch für die weiterhin gepflegten Wirtschaftsbeziehungen mit den Karemma (4×07 “Das Wagnis”). Dem könnte man entgegnen, dass sich das Dominion zu dieser Zeit (4. Staffel) auch sehr intensiv in die Angelegenheiten des Alpha-Quadranten allgemein (4×01 “Der Weg des Kriegers”) und in die der Föderation im Speziellen (4×11 “Die Front”/” 4×12 Das verlorene Paradies”) einmischt. Allerdings muss man hier fragen: Ist es wirklich klug, stets Gleiches mit Gleichem zu vergelten?

Hinzu kommt, dass Admiral Leytons versuchter Coup d’État in “Die Front”/”Das verlorene Paradies” den Argwohn der Gründer gegenüber der Föderation sogar noch bestätigt. Die Sternenflotte erscheint hier als Wolf im Schafspelz, dem ein schwacher Föderationspräsident in Wirklichkeit nichts entgegenzusetzen hat.

Die Föderation will mithilfe der Ferengi Handelsbeziehungen mit den Karemma etablieren. Für das Dominion eine Provokation? (Szenenfoto: CBS).

Cardassianer, Romulaner, Klingonen und Breen

Die aggressiven Aktionen des Obsidianischen Ordens (Cardassianer) und des Tal Shiar (Romulaner) in “Der geheimnisvolle Garak, Teil 1 & 2” (3×20/21) tragen dann natürlich in besonderem Maße zur Eskalation des Konflikts bei. Auch die Klingonen, die es unabhängig von Fake-Martok wieder nach mehr Krieg und Ruhm dürstet, haben ihren Anteil daran, dass sich die negative Wahrnehmung der Gründer weiter verstärkt. Zu allem Überfluss sind die übermäßig stolzen und durch die Bajoraner, den Maquis und dann auch durch die Klingonen gedemütigten Cardassianer schließlich das letzte Puzzleteil in der Eskalationsspirale. Auch wenn der Angriff auf die Heimatwelt der Gründer vom Dominion selbst initiiert wurde, bleibt doch festzuhalten, dass sowohl die Cardassianer als auch die Romulaner sehr schnell zur Überreaktion neigen, wenn sie sich bedroht sehen. “Quod erat demonstrandum”, dürften die Gründer hier konstatiert haben. 

Zudem spielen die verschiedenen Geheimdienste eine entscheidende Rolle. Nahezu alle Geheimdienste der Großmächte im Alpha-Quadranten führen ein Eigenleben und entziehen sich fast durchgängig einer politischen Kontrolle durch die jeweiligen Regierungen. Der romulanische Tal Shiar macht sein eigenes Ding, was wir schon aus der “The Next Generation”-Episode “Im Gesicht des Feindes” (TNG 6×14) wissen. Gleiches gilt auch für den Obsidianischen Orden, auf den das Zentralkommando bzw. die zivile Regierung von Cardassia praktisch keinen Einfluss hat, siehe “Defiant” (3×09). Später kommt dann auch noch die politisch nicht legitimierte Sektion 31 der Sternenflotte ins Spiel (6×18 “Inquisition”).

Fehlen noch die Breen, die vor dem Dominion-Krieg im Alpha-Quadranten nur von geringer politischer Bedeutung gewesen sind. Für sie ist dieser Konflikt eine Chance, ihren Einfluss in einem multipolaren interstellaren System durch die Anbindung an das Dominion (Bandwagoning) zu vergrößern. Dabei hegen sie wohl – ähnlich wie die Cardassianer unter Gul Dukat – die (naive) Hoffnung, zunächst die Föderationsallianz zu besiegen und sich anschließend auch des Dominions zu entledigen, um am Ende als einzig verbliebener Hegemon im Alpha-Quadranten ungestört herrschen zu können (Unipolarität).

Der Konflikt hat dementsprechend auch sehr viel mit Machtpolitik und den damit verbundenen Kalkulationen der verschiedenen Großmächte des Alpha-Quadranten (Cardassianer, Breen, Romulaner, Klingonen, Föderation) zu tun.

Eine gemeinsame Streitmacht des Obsidianischen Ordens und des Tal Shiar greift in “Der geheimnisvolle Garak, Teil 2” (3×21) die Heimatwelt der Gründer an (Szenenfoto: CBS).

Der ‘Animus dominandi’ der Gründer

Sicher, die Hauptschuld liegt ganz eindeutig bei den Gründern. Diese leiden unter Paranoia und unterliegen einem aggressiven Kontrollwahn. In der Philosophie spricht man diesbezüglich vom Animus dominandi, der bei den Gründern sehr stark ausgeprägt ist. Dementsprechend haben sie ein autoritäres, interstellares Imperium geschaffen, das seine Mitglieder unterdrückt und teilweise sogar mit Drogen (Jem’Hadar) und genetischer Manipulation (Vorta) gefügig macht. Völker, die sich dem Machtanspruch des Dominion widersetzen, werden mit harter Hand bestraft. Dabei schrecken die Gründer auch nicht vor Genozid zurück (4×24 “Hoffnung”, 7×25 “Das, was du zurücklässt”).

Und dennoch muss man auch hier die Frage stellen, ob die Angst der Wechselbälger vor den ‘Solids’ tatsächlich unbegründet ist. Denn auch Odo wird in den ersten beiden Staffeln (also schon vor Entdeckung seines Volkes) sehr oft angefeindet. Und diese Feindseligkeiten sind nicht immer nur auf seine Funktion als Sicherheitsoffizier zurückzuführen. Xenophobie hat hier also durchaus eine gewichtige Rolle gespielt. Gleichwohl rechtfertigt dies natürlich in keiner Weise das Vorgehen der Gründer. Aber deren Psyche ist womöglich ein Ansatzpunkt für eine längerfristige Konfliktlösungsstrategie.

Die Gründer (hier: Salome Jens) wollen alle ‘Solids’ in der Galaxie kontrollieren (Szenenfoto: 7×25 “What We Leave Behind”, CBS).

Fazit

Der Dominion-Krieg ist nicht monokausal zu erklären, sondern dieser Konflikt hat viele Ursachen. Zuvorderst ist das Bedrohungsgefühl der Gründer zu nennen, das auf frühere – teils massive – Erfahrungen mit Xenophobie und Gewalt zurückzuführen ist. Gleichwohl hat das Volk der Gründer diese schlimmen Erfahrungen wohl nie vollständig aufgearbeitet. Die Folge: Eine handfeste Paranoia in Kombination mit einem grundsätzlichen Argwohn gegenüber allen ‘Solids’ sowie einem krankhaften Kontrollwahn.

Die Föderation wiederum hat die Bedrohungsperzeption der Gründer erst enorm unterschätzt und anschließend in naiver, teils selbstgerechter Weise ignoriert. Zudem hatte die Sternenflotte wohl nicht auf dem Schirm, dass auch friedliche Forschungsexpeditionen (mit zum Teil hochgerüsteten Schiffen wie der Defiant) sowie das Auftreten als wirtschaftlicher Akteur auf fremden Märkten unter ganz bestimmten Umständen als Bedrohung empfunden werden können. Womöglich wäre eine etwas zurückhaltendere Politik gegenüber dem Dominion mit noch intensiveren diplomatischen Bemühungen (Stichwort: Vertrauensbildung) hier die bessere Alternative gewesen (was allerdings nicht in die Dramaturgie der Serie gepasst hätte).

Die Romulaner und Cardassianer haben mit ihrem konspirativen Verhalten die (zaghaften) diplomatischen Bemühungen der Föderation konterkariert und die Klingonen haben mit ihrer Rückkehr zu alten kriegerischen Traditionen dann auch noch Öl ins bereits lodernde Feuer gegossen. Die Breen haben in diesem Konflikt die einmalige Chance gesehen, von einer Mittelmacht in einem multipolaren System zum einzig verbliebenen Hegemon in einem unipolaren System aufzusteigen.

Am Ende war dieser Krieg dann wohl unvermeidlich. Den vielen Schlafwandlern sei Dank…

Die letzte Schlacht aus "What You Leave Behind" ("Deep Space Nine" 7x25, Render: the IRML, YouTube)

Der Krieg ist am Ende unvermeidbar: Hier die Schlacht um Cardassia in “What You Leave Behind” (7×25), Render: the IRML, YouTube).

 

Wäre der Dominion-Krieg vermeidbar gewesen? Welche Verantwortung trägt die Föderation? Diskutiert mit, indem ihr die Kommentar-Funktion nutzt!


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