Das in diesem Monat angelaufene Sequel “Terminator: Dark Fate” ist nur ein weiteres Beispiel für den Trend, Altbekanntes für Film und Fernsehen neu zu interpretieren. Dieser Artikel betrachtet den (nicht mehr ganz so aktuellen) Reboot-Wahn Hollywoods etwas genauer und versucht, die Irren zu entwirren und kritisch zu reflektieren.

 

Es hat in den letzten Jahren in Hollywood um sich gegriffen, das sogenannte “Rebooten” oder “Reimaging” (Neuinterpretation) eines Franchises. Nach dem Kinostart von “Terminator: Dark Fate” wollen auch wir einen Blick auf dieses neue Unding von Hollywood werfen.

 

Ausprägungsformen der Neuinterpretation

1. Der vollständige Reboot

Ein bekanntes Phänomen im TV: Da ist eine Serie mehr oder weniger erfolgreich gelaufen, aber mit der Zeit wurden die Schauspieler einfach zu teuer oder es gab andere Gründe, die letztendlich zu einer Einstellung der Serienproduktion geführt haben. Und das, obwohl man – sprich das Filmstudio – die Kuh eigentlich gerne noch weiter gemolken hätte. Oder auch anders herum: In der Retrospektive wird erkannt, dass in einem vorher sträflich vernachlässigten Franchise vielleicht doch noch weitaus mehr Potential gesteckt hätte, wenn man die ganze Sache etwas anders angegangen wäre. Und flugs werden die alten Ideen wieder ausgekramt und filmisch neu interpretiert.

Im ersteren Fall kann es sein, dass man die gleiche Serie nach nur wenigen Jahren noch einmal an den Start gehen lässt, dieses Mal nur eben mit einer anderen Besetzung und einer modifizierten Story. Im Idealfall werden auch noch diverse Fehlern, die man beim Original noch gemacht hatte, nachträglich korrigiert. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Serie “Charmed” (2019), die nun – nur etwa zwölf Jahre nach dem Ende des Originals – in einer Neuinterpretation vorliegt.

Als Beispiel für den zweiten der oben beschriebenen Fälle kann die Serie “Battlestar Galactica” aus den Jahren 2003 bis 2009 angeführt werden. Dieses Reboot entstand mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Original (1978-1980) und bot ebenso eine komplett neue Interpretation der damaligen Serienhandlung.

In diesen Serien sind Referenzen oder gar Schauspieler (welche den Reboot zuvor noch verurteilt hatten!) aufgetaucht, um auch die alten Fans abzuholen. Aktuell ist sogar eine Fortführung des “Battlestar Galactica”-Franchise im Gespräch.

Auch bei Horrorfilmen wie “Freitag der 13.”, “Halloween” oder “Nightmare on Elm Street” gab es neue Filme, welche die alte Story einfach neu erzählten. Doch auf eines dieser Franchises werden wir später noch genauer eingehen.

Kritik

Ob diese Serien nun gut oder schlecht sind, sei an dieser Stelle mal dahingestellt. Die Frage, ob man diese Reboots wirklich braucht, kann man wohl nur für sich selbst beantworten. An dieser Stelle sei nur Robert Zemeckis erwähnt, der Erschaffer von “Zurück in die Zukunft.” Dieser wehrt sich bis heute gegen eine Neuverfilmung seiner Geschichte, da er sie als zeitlosen Klassiker erachtet.

So gut man die Argumentation der Hollywood-Studios, alte Klassiker für ein neues Publikum schmackhaft zu machen, auch nachvollziehen kann, so muss man aber auf der anderen Seite auch bedenken, dass es womöglich manche Klassiker gibt, die eben wirklich für sich allein stehen – mit der Folge, dass eine Neuinterpretation von vornherein unnötig oder auch schlicht nicht umsetzbar ist. Oder will jemand ernsthaft “Vom Winde verweht” neu verfilmen?

Klar, es gibt heutzutage andere Sehgewohnheiten als früher und manche alten Schinken mögen das moderne Publikum eventuell abschrecken. Der Sinn einer Neuverfilmung steht aber auch in diesem Fall zur Diskussion.

Ein möglicherweise richtiger Ansatz sind hier die Realverfilmungen von “Disney”. Mag man darüber unken, wie man will (“Fällt denen nichts Neues mehr ein?”), so bleibt unzweifelhaft, dass man auf diese Weise bekannte Zeichentrick-Klassiker einem neuen Publikum (sprich: einer neuen Generation) zeigen kann, ohne die Story zu verwässern.

Auch so ein prominentes “Reboot-Opfer”: Der Serie “Battlestar Galactica”, 2003-2009 (Foto: Sky)

 

2. Der “softe” Reboot

Unser aller Lieblingsfranchise “Star Trek” hat es vor zehn Jahren getroffen, als J.J. Abrams 2009 mit der sogenannten “Kelvin-Zeitlinie” eine neue Geschichte rund um Captain James T. Kirk (nun von Chris Pine gespielt) und die Crew der USS Enterprise NCC-1701 erschaffen hat. Diese Neuinterpretation stellt allerdings keinen vollständigen Reboot dar, immerhin gibt es noch eine Verbindung zum “Prime-Universum” sowie diverse andere bekannte Elemente. Man könnte in diesem Fall also von einem “soften” Reboot sprechen. Grundelemente sind noch vorhanden, werden aber teils komplett uminterpretiert. Auch die ursprünglichen Charaktere gibt es noch und sie sind als solche auch weiterhin erkennbar. So ist etwa der nun von Karl Urban gespielte Dr. “Pille” McCoy weiterhin der emotionale und wenig diplomatische Kerl, den wir schon aus dem Original (damals von DeForest Kelley gespielt) kennen. Im zweiten Teil der neuen Filme (“Star Trek Into Darkness”) wird die Parallelität der verschiedenen Stamm- und Gastcharaktere noch einmal sehr viel deutlicher.

Blieben auch von einem soften Reboot nicht verschont: Kirk und Spock (Star Trek (2009) (Paramount))

Selbst die “X-Men” erhielten mit “Zukunft ist Vergangenheit” eine Art soften Reboot, als sich die zuvor etablierte junge Generation mit der alten traf und eine neue Zeitlinie entstand, die ihrerseits auch schon diverse Auswüchse angenommen hat. Insgesamt ist dieses Phänomen allerdings nicht so weit verbreitet, wie die beiden anderen Ausprägungsformen.

Kritik

Beim weichen Reboot gilt es zu bedenken, dass man bei dieser Art der Neuinterpretation eine Synthese aus den Stärken des alten Klassikern und der Innovation der Neuinterpretation anstrebt. Ob dieser Mix immer gut geht, sei hier einfach mal dahingestellt, denn das würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Aber auch diese Form kann funktionieren, um einerseits Altfans abzuholen und andererseits Neufans zu gewinnen. Das ist sicher ein Drahtseilakt, der auch mal böse nach hinten losgehen kann.

Der große Bruder von “Star Trek”, das “Star Wars”-Franchise, ist bis jetzt übrigens von einem derartigen Reboot verschont geblieben, sieht man von der Löschung des alten Buch-Kanons mal ab. Denn hier existieren die alten Klassiker neben den neuen Filmen.

“Erinnerst du dich an die Sache auf der Freiheitsstatue Logan?” “Ja, aber das war doch in einer anderen Zeitlinie.” “Egal, das fällt bei diesem Mischmasch eh nicht mehr auf!” Charles Xavier (Patrick Stewart) und Logan (Hugh Jackman) in “Logan” (Foto: FOX)

 

3. Das Ignorizing

Wahre Auswüchse nimmt in letzter Zeit aber das sogenannte “Ignorizing” an. Damit bediene ich mich eines Begriffes des geschätzten Kollegen Markus Rohde, der diesen einmal in einer Ausgabe des “Geek” gebraucht hat. Mit “Ignorizing” ist ganz simpel das Ignorieren bestimmter Filme bzw. Episoden eines Franchises gemeint.

In “Terminator: Dark Fate” zeigt sich dieser Ansatz etwa in der Tatsache, dass der Film nach dem zweiten Teil der Filmreihe, “Terminator 2: Judgement Day” (1991), ansetzt und den dritten Teil “Terminator 3: Rise of the Machines” (2003) schlichtweg ignoriert.

Im Fall von “Alien” hatte man ein solches Vorgehen auch schon in Erwägung gezogen, die Idee dann aber (zum Glück) wieder fallen gelassen, auch wenn Ridley Scotts weitere Filme dann auch nicht so pralle waren. Auch Scotts Filme ignorieren genau genommen die “Alien vs. Predator”-Filme, aber dies fällt nicht weiter ins Gewicht, da diese auch für sich allein stehen können.

Für die “Terminator”-Reihe sähe das Ignorizing grafisch dargestellt wie folgt aus:

 

Die “Terminator”-Timeline (ohne Serie)

 

Nach “Terminator 3” geht es in die Zukunft, während es in Terminator 5 (“Genisys”) wieder in die Vergangenheit geht. Allerdings startet der Film in der Zukunft, weswegen er sich in diese Reihe einfügt. Durch das ganze Zeit-Wirrwarr kann man aber Teil 6 auch getrost nach Teil 5 ansiedeln, denn da blickt ja ohnehin keiner mehr durch. Und dabei sind die ganzen einzelnen Zeitebenen der Filme noch gar nicht berücksichtigt, ebenso wenig wie die (nur kurzlebige) Fernsehserie “Terminator: The Sarah Connor Chronicles” aus den Jahren 2008 und 2009.

Raucht der Kopf schon? Keine Sorge, es wird noch besser!

Nehmen wir doch ein anderes, bekanntes Franchise, etwa. “Superman”: Es gab vier Teile, wobei der vierte schon eine Art softer Reboot war, wiederholte er doch Teile von Supermans Vergangenheit (das verschwindende Schiff). Es folgte “Superman Returns”, der die Teile 3 und 4 ignoriert, gefolgt von “Man of Steel”, der eigentlich alle vorhergehende Teile ignoriert – obwohl eigentlich in “Justice League” angedeutet wurde, dass es doch irgendwie darauf basiert.

Zumindest wird angedeutet,das Batman eine Fortsetzung des 80er/90er-Jahre “Batman” ist. Dann ist da aber noch das “Arrowverse”, das in der “Crisis on Infinite Earths” gekonnt mit diesen Zeitebenen spielt.

Schon verwirrt? Alles gut, hier ist die Grafik:

Die “DC-Timeline” u.a. mit “Batman” und “Superman”

 

Immer noch nicht genug? Keine Sorge, einen gibt’s noch!

Zugegeben, oben handelt es sich um ein Comic-Universum, da gelten vielleicht andere Regeln. Und in der obigen Grafik ist alles aus Darstellungsgründen ein wenig gebogen und gestreckt. Wenn man das “Arrowverse” noch weiter aufdröseln würde, würde das Bild sowieso noch um einiges anwachsen. Aber das entspricht ja nicht wirklich einem Ignorizing, es ist eher auch ein Mix mit einem soften Reboot.

Der ganzen Sache setzt an der Stelle aber die “Halloween”-Reihe die Krone auf. Ihr wisst schon, die Horrorfilm-Reihe, die 1998 mit “H20” eine Fortsetzung (Teil 7) spendiert bekam, die alle Teile ab Teil 2 ignorierte. Hier wurde quasi eine neue Reihe gestartet, die dann auch wieder aus zwei Filmen bestand, die aber genauso gut auch noch neben der normalen hätte bestehen können.
Dann aber kam 2018 der nächste “Halloween”-Film raus (wäre dann eigentlich “H40”, oder?), der wieder einmal alle Teile außer den ersten Teil ignoriert. Logisch, denn Laurie ist ja eigentlich im achten Teil gestorben, nun ist sie aber quicklebendig. Ach ja, und dann sind da noch die beiden kompletten Reboots von 2007 und 2009, die aber eigentlich mit der neuen alten Reihe gar nichts mehr am Hut haben, zu der man dann wieder zurückgeschwenkt ist.

Verwirrt? Na gut, hier die Grafik:

“Halloween 3” befindet sich eigentlich außerhalb der Reihe, sei der Vollständigkeit halber hier aber erwähnt.

 

Und da ist er wieder, der aktuelle Ignorizing-Fall (Foto: Paramount Pictures, 20th Century Fox, Skydance Media u.a.)

Kritik

Wir sehen, es kann munter weitergehen, auch in anderen Franchises. Wie sinnig ein solches Vorgehen am Ende allerdings ist, bleibt an dieser Stelle ebenso fragwürdig wie diskutabel. Denn das Ignorizing ist vor allem eines: verwirrend. Nicht nur für langjährige Fans, auch für Neueinsteiger. Der nächste Film knüpft vielleicht an Teil 4 der Reihe an und springt nach Teil 6, der nächste knüpft wieder an Teil 2 an – und so weiter und so fort…

 

Fazit: Wohin soll das denn alles führen?

“Der Erfolg gibt den Titeln doch Recht”, mögen nun einige einwenden. Und in manchen Fällen ist das sogar unbestrittene Tatsache. In anderen Fällen wiederum sind jedoch zahlreiche Flops die Folge gewesen, die sowohl bei den Kritikern als auch bei den Kinobesuchern gnadenlos durchgefallen sind. So oder so wird es für die Zuschauer nur weiter verwirrend, je mehr auf dieser Schiene gefahren wird. Mag ein Reboot gelegentlich durchaus sinnvoll gewesen sein, so ist ein Rumspielen in der Zeitleiste des Franchise grundsätzlich eher keine tolle Idee.

Letztlich muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden, ob ihm das Gezeigte zusagt oder nicht. Allerdings ist auch an den Worten von Robert Zemeckis, alte Filmklassiker einfach mal Klassiker sein zu lassen, etwas dran. Wären neue Ideen nicht besser, als die x-te aufbereitete Version einer bekannten Story zu sehen?

Wie ist eure Meinung dazu? Nutzt die Kommentarfunktion, um mitzudiskutieren! 


1 Kommentar

Kira · 18. November 2019 um 22:13

Zu Halloween habe ich eine andere Meinung. In Halloween Resurrection sieht man Laurie in ein Blätterdach fallen, aber nicht sterben. Der Fall wurde durch Äste abgebremst, sie landete weich auf einem Blätterteppich und hat überlebt. Michael wurde am Ende mit Verbrennungen ins Krankenhaus gebracht und bevor er wieder zu Kräften kam, in die Klapse gebracht. Daher macht für mich der letzte Teil von 2018 NUR in Zusammenhang mit den anderen Filmen Sinn. Denn nun ist Laurie wirklich sauer, weil Michael sie wiederholt nicht in Ruhe läßt und sie erkennt, daß es nur über seinen Tod geht. Daher die jahrelange Aufrüstung. Einfach 2-3 genannte Zahlen der Unwissenheit der Reporter zuschieben (ist ja heutzutage nix neues) und schon funktioniert der neue Film bestens in der kompletten Filmreihe.
Würde man alle Filme ignorieren, käme nur Unsinn heraus. Michael war im ersten Teil verschwunden, wie sollte er also in der Klapse sein? Laurie hat schlimmes erlebt, aber deshalb 40 Jahre auf einen Ausbruch zu warten, ist Blödsinn. Sie war zarte 17! Sie hätte entweder eine Therapie gemacht oder sich irgendwann umgebracht, wenn sie DIE Nacht nicht verarbeiten könnte. Niemand verkorkst so lange sein Leben aufgrund einer einzigen dramatischen Situation.

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