In diesen Tagen bricht – zumindest dem Sprachgebrauch nach – ein neues Jahrzehnt an, das dritte in diesem Jahrhundert. Angesichts der großen Herausforderungen unserer Zeit blicken nicht wenige Menschen mit großer Sorge auf die kommenden 2020er-Jahre. Historische Vergleiche mit den Zwanzigern des vorherigen Jahrhunderts haben in diesen Tagen folglich Hochkonjunktur. Doch in welcher Weise “prophezeit” eigentlich “Star Trek” die kommende Dekade? Unsere dreiteilige Artikelserie gibt eine Antwort auf diese Frage. Teil 1 beschäftigt sich mit der Wiederkehr der “sozialen Frage” in der “Deep Space Nine”-Doppelepisode “Gefangen in der Vergangenheit”/”Past Tense” aus der dritten Staffel.

 

“Schutzzonen” als Antwort auf die “soziale Frage”

Laut Star Trek-Historie (DS9 3×11/12 “Gefangen in der Vergangenheit, Teil 1 & 2″/”Past Tense, Part 1 & 2, 1995”) errichten die USA zu Beginn der 2020er-Jahre in den meisten ihrer Metropolen sogenannte “Schutzzonen” (im Original: “Sanctuary Districts”). Diese Ghettos haben offiziell das Ziel, die grassierende Armut im Land, die Folge einer Massenarbeitslosigkeit, in geordnete Bahnen zu lenken und den Betroffenen eine Grundversorgung (Nahrung und Unterkunft) zu garantieren. Tatsächlich haben diese Distrikte allerdings nur eine Funktion: Sie sollen die Ärmsten innerhalb der Gesellschaft weitestgehend aus dem Stadtbild entfernen, sodass die Mitglieder der Mittel- und Oberschicht die Misere der Unterschicht nicht ständig vor Augen geführt bekommen. Aus den Augen, aus dem Sinn, so die fragwürdige Devise der Regierenden dieser Tage?

San Franciscos “Schutzzone A” im September 2024 (Bild: DS9 3×11 “Past Tense, Part 1”, CBS).

 

Es ist nicht so, dass sie nicht gewollt haben. Sie haben nur aufgegeben. Die sozialen Probleme sind ihnen einfach über den Kopf gewachsen. – Commander Benjamin Sisko

 

Während eine reiche Oberschicht die Annehmlichkeiten des Lebens genießt, sind die Ärmsten der Armen in den Schutzzonen einem Teufelskreislauf ausgesetzt. Wer erst einmal in diesen Distrikten interniert ist, kommt so schnell nicht mehr dort heraus. Die Problematik der Schutzzonen ist derweil dreierlei:

Erstens sind diese Distrikte rechtsfreie Räume, in denen de facto das Faustrecht – das Recht des Stärkeren – regiert. Nicht selten ziehen kriminelle Banden durch die Blöcke, attackieren unschuldige Bürger und rauben diesen deren Essensmarken. Und das, obwohl Kriminellen – auch als “Schatten” bekannt – der Zugang zu den Schutzzonen offiziell nicht gestattet ist.

Die Doppelepisode "Past Tense" thematisiert die 'Soziale Frage' in US-amerikanischen Großstädten wie San Francisco (Szenenfoto: CBS).

Die Doppelepisode “Past Tense” thematisiert die “soziale Frage” in US-amerikanischen Großstädten wie San Francisco (Bild: DS9 3×11, CBS).

Zweitens werden die Menschen, die dort zwangsweise untergebracht sind, in Kategorien eingeteilt – oder besser: in Schubladen gesteckt. Als “Dims” gelten beispielsweise Menschen mit psychischen Problemen, während man unter der Bezeichnung “Gimmie” alle diejenigen Personen zusammenfasst, die als “nützliche Mitglieder der Gesellschaft“ betrachtet werden und denen die Behörden lediglich dabei helfen müssen, wieder eine anständige Arbeit und eine Unterkunft zu finden. Schon anhand dieser utilitaristischen Kategorisierung wird das fragwürdige Menschenbild dieser Zeit ganz deutlich. Eine Differenzierung hinsichtlich individueller Bedürfnisse (z.B. Jobsuche, medizinische bzw. psychologische Betreuung) gibt es nicht. Zudem werden “Dims” und “Gimmies” in den Augen der Sicherheitsbehörden und der Bevölkerung “draußen” mehr oder weniger mit den renitenten “Schatten” in einen Topf geworfen – und das völlig unverschuldet.

Drittens ist die angestrebte Grundversorgung in den Schutzzonen keinesfalls gegeben. Ob der Überbelegung der Schutzzonen mangelt es praktisch an allem, was für ein menschenwürdiges Leben unabdingbar ist: Wohnraum, ausgewogene Mahlzeiten und eine medizinische Grundversorgung.

 

“Wer Menschen einsperrt wie Tiere, wird auch gebissen.“- Biddle Coleridge (“B.C.”)

 

Die “Bell-Unruhen” im Herbst 2024

Dementsprechend kommt es in der ersten Septemberwoche des Jahres 2024 dann auch zu zivilen Unruhen, die als “Bell Riots” in die (Star Trek-)Geschichte eingehen und zu den gewaltsamsten zivilen Unruhen der amerikanischen Geschichte zählen.

Die “Schutzzone A” in San Francisco versinkt in Anarchie und Chaos. Im zentralen Verwaltungsgebäude kommt es zudem zu einer Geiselnahme durch mehrere “Schatten”. Als die Verhandlungen zwischen den Aufständischen und der Polizei scheitern, ordnen die Behörden die Erstürmung des Verwaltungsgebäudes durch die Nationalgarde an. Der Aufstand endet mit einem Blutbad, zahlreiche Menschen, darunter einfache Zivilisten, verlieren ihr Leben. Dank des beherzten Einsatzes von Gabriel Bell (alias Benjamin Sisko), der bei der Erstürmung (laut offizieller Aussage) getötet wird, überleben jedoch alle im Verwaltungsgebäude festgehaltenen Geiseln die Unruhen.

Im Anschluss an diesen Vorfall in San Francisco und in Anbetracht der vielen Todesopfer kippt die öffentliche Meinung, sodass die Legitimität der Schutzzonen nun massiv infrage gestellt wird. Die Distrikte werden schließlich abgeschafft und die Vereinigten Staaten beginnen endlich, sich den enormen sozialen Problemen im Land ernsthaft zu stellen.

 

Die “Bell-Unruhen” im Jahr 2024 in San Francisco (Bild: DS9 3×11, CBS).

 

“Europa wird auseinanderbrechen.” – Ein Mitglied der amerikanischen Oberschicht im Jahr 2024

 

Studentenunruhen in Europa

Soziale Probleme scheint es in der ersten Hälfte der 2020er-Jahre derweil nicht nur in Nordamerika zu geben. Denn in “Gefangen in der Vergangenheit” erfährt der Zuschauer, dass es im Herbst 2024 auch in Europa – allen voran in Frankreich –  zu anhaltenden zivilen Unruhen gekommen ist. Weder den Gaullisten (Vertreter einer eher konservativen Politik, Anm. d. Verf.) noch den sogenannten “Neo-Trotzkisten” (der “Trotzkismus” proklamiert die weltweite “permanente Revolution” basierend auf einer “proletarischen Internationalen”, Anm. d. Verf.) ist es dort gelungen, den sozialen Frieden in Frankreich wiederherzustellen und die dortigen Studentenunruhen zu besänftigen.

Mehr erfährt der Zuschauer über die weltpolitische Lage dieser Zeit allerdings nicht, nur dass das vereinigte Europa in der Mitte der 2020er-Jahre an der ungelösten sozialen Frage zu zerbrechen droht.

 

Die ignorante Oberschicht verschließt die Augen vor den sozialen Problemen des Jahres 2024 (Bild: DS9 3×11, CBS).

 

Parallelen zur Gegenwart?

Wenn man ehrlich ist, dann muss man an dieser Stelle festhalten, dass die “soziale Frage” niemals wirklich zufriedenstellend gelöst worden ist, wenngleich es in den vergangenen Jahrzehnten glücklicherweise auch Phasen gab, in denen diese weniger imminent zu sein schien. Doch in den letzten Jahren ist die soziale Frage wieder verstärkt in den Fokus gerückt, sowohl in den USA als auch in vielen anderen Ländern.

Die voranschreitende Digitalisierung wird die Arbeitswelt zudem enorm verändern, sodass eine neue Massenarbeitslosigkeit, wie sie in “Gefangen in der Vergangenheit, Teil 1 & 2” als einer der Gründe für die schwierigen sozialen Verhältnisse der fiktiven frühen 2020er-Jahre angeführt wird, leider durchaus ein realistisches Szenario werden könnte, sofern der Übergang in die neue Arbeitswelt von der Politik nicht sorgsam vorbereitet wird.

Wie in “Deep Space Nine” befindet sich das vereinte Europa momentan tatsächlich in einer Krise, wobei diese derzeit nicht existentiell zu sein scheint. Die zivilen Unruhen in Europa, die in der besagten Episode als “Studentenunruhen in Frankreich” charakterisiert werden, finden zumindest in Ansätzen eine reale Parallele in den “Gelbwesten-Protesten” und der “Fridays for Future”-Bewegung.

Werden die Politiker der 2020er-Jahre eine Lösung für diese enormen Herausforderungen finden? Oder werden ihnen die sozialen Probleme – so wie von Sisko in “Past Tense” angenommen – einfach über den Kopf wachsen?

Man kann nur hoffen, dass uns in der Realität ein ähnliches Szenario, wie das im fiktiven Jahr 2024 in “Deep Space Nine”, erspart bleiben wird.

 


1 Kommentar

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ZeroAcid · 1. August 2020 um 8:36

Vor dem Hintergrund der gerade stattfindenden weltweiten Corona Pandemie und der anhaltendenden Unzufriedenheit über die immensen soziale Ungerechtigkeiten, vor Allem in den U.S.A. ist das alles gar nicht mehr so unwahrscheinlich. Und bis 2024 haben wir ja noch’n bisschen…

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