Der achtminütige Kurzfilm begleitet zwei rivalisierende Mädchen an einem schicksalhaften Schultag.

Achtung Spoiler (auch für “Star Trek: Picard”)!

Story

Die Schülerinnen Lil und Kima verbindet eigentlich mehr als sie trennt: Beide leben in San Francisco, beide besuchen die gleiche Schule, beide haben Eltern, die für die Flottenwerft Utopia Planitia auf dem Mars arbeiten, beide sind Einzelgänger. Dennoch kommen sie nicht miteinander zurecht. Der Kurzfilm begleitet sie durch einen Tag immer weiter eskalierender Rivalität, bis die beiden Schülerinnen handgreiflich werden und von ihren Lehrern getrennt werden müssen.

Kima und Lil in "Children of Mars" (Szenenbild: CBS)

Kima und Lil in “Children of Mars” (Szenenbild: CBS)

Während die beiden getrennt voneinander im Foyer sitzen (vermeintlich um auf ihre Bestrafung zu warten), ereilt die Schule die Nachricht von einem Angriff auf Mars. Die Lehrer zeigen die Berichterstattung auf großen Hologrammen, und die beiden Mädchen fassen sich ob der verbindenden Tragödie an den Händen.

Dialoge und Figuren

“Children of Mars” ist über weite Strecken eine Collage, die vom David Bowie-Song “Heroes” begleitet wird. Nur am Anfang des Shorts hören wir eine kurze Vorstellung der beiden Protagonistinnen aus dem Off, danach sind die beiden überwiegend stumm. Den beiden Hauptdarstellerinnen gelingt es dabei dennoch, den Zuschauern auch an ihrer inneren Handlung teilhaben zu lassen, und die Charaktere in der kurzen Zeit zu erschließen. So lernen wir die menschliche Lil als eher kalkulierend, statusbewusst und kontrolliert agierend kennen, während Kima (Angehörige einer bisher unbekannten Spezies) mit einer Außenseiterrolle und starken Emotionen kämpft.

Inszenierung

Die Wahl von David Bowies “Heroes” ist durchaus stimmungsvoll, und einer der wenigen Male in “Star Treks”-Filmhistorie, dass ein zeitgenössisches Stück aus der Pop-Musik im Soundtrack auftaucht. Auch wenn der Songtext praktisch antithetisch zum gezeigten Konflikt ist, bereitet er das Finale des Shorts vor und trägt viel zur emotionalen Authentizität der beiden Hauptcharaktere bei.

Lil in "Children of Mars" (Szenenbild: CBS)

Polsterwand in Lils Zimmer in “Children of Mars” (Szenenbild: CBS)

Ebenfalls ein gutes Händchen bewiesen Location Scout und Szenenbild. Die Schule wirkt weitgehend glaubwürdig (bis auf Vorhängeschlösser an den Spinden…) und die vermutlich verteilten Originalschauplätze bilden dennoch ein harmonisches Ganzes. Eine schöne Hommage an “The Next Generation” gelingt am Anfang der Episode, als wir die Unterkünfte von Lia und Kima sehen. Die Wände bestehen aus gepolsterten und kurvigen Elementen, die auch von der Enterprise-D stammen könnten.

Leider enttäuscht in dieser Hinsicht der Rest der Produktion. Insbesondere stechen die visuellen Effekte als störend und anachronistisch hervor. Offenbar hatte das VFX-Department weder Geld, passende Effekte zu entwerfen, noch Zeit, bereits existierende Elemente umsichtig einzusetzen. Zahllose Effekte und 3D-Modelle sind direkt aus “Discovery” entlehnt, teilweise ohne Not. Sehr ärgerlich.

Discovery-Schiffe und -Raumdock in "Children of Mars" (Szenenbild: CBS)

“Discovery”-Schiffe-, -Shuttles und -Raumdock in “Children of Mars” (Szenenbild: CBS)

Rahmenhandlung

Auch wenn “Children of Mars” für sich genommen ein sehenswerter emotionaler Kurzfilm ist, wird er wahrscheinlich die meisten Zuschauer doch mehr in seiner Funktion als Prequel für “Star Trek: Picard” interessieren.

Wenn wir die Anachronismen bei den visuellen Effekten einmal ausblenden, gibt es insbesondere im Nachrichten-Feed, der den Angriff zeigt, einiges an Details zu entdecken. Die Lauftexte verraten einiges:

  • In der Tat sehen wir einen Angriff auf Mars. Dies sind die selben Szenen, die Picard in den Trailern als Flashbacks plagen.
  • Zum Zeitpunkt der Übertragung wird mit 3000 Toten gerechnet.
  • Die Angreifer werden als “Rogue Synths”, als “abtrünnige Synthetische [Lebensformen]” identifiziert. Es ist nahe liegend, dass es einen direkten Bezug zu Dr. Juratis Arbeit und den Reihen von Soong-Typ-Androiden im “Picard”-Trailer gibt.
  • Admiral Picard scheint eng in die Bewältigung der Krise eingebunden, jedenfalls gibt er für die Sternenflotte eine Stellungnahme ab, in der er den Angriff als “verheerend” bezeichnet.
  • Eventuell sehen wir hier das “unvorstellbare” Ereignis, dass letztlich Picards Ausscheiden aus der Sternenflotte besiegelt.
Angriff auf Mars in "Children of Mars" (Szenenbild: CBS)

Angriff auf Mars in “Children of Mars” (Szenenbild: CBS)

Beobachtungen

  • Die Utopia-Planitia-Werft besteht aus Versatzstücken, die von “Discovery” recycelt wurden. Das Modell des Raumdocks stammt aus der letzten Folge der zweiten Staffel “Discovery”, wo es im Orbit über der Erde die Enterprise beherbergt. Die Schiffe im Raumdock scheinen ebenfalls “Discovery” entliehen. Klar erkennbar ist die U.S.S. Shran, die im Kampf um den Binärstern in “Discoverys” Piloten mitkämpfte. Das ist umso enttäuschender, als wir in einem “Picard”-Trailer bereits die holographische Version der Enterprise-D gesehen haben. Demnach existiert also ein 3D-Modell, das hier leicht hätte verwendet werden können.
  • Lil hat ein Poster in ihrem Zimmer, auf dem “Bajoran” zu lesen ist und darunter eine medizinische Darstellung zeigt.
  • Das Schul-Shuttle ist eindeutig eine modifizierte Variante der Discovery-Shuttles, nicht ein der Epoche angemessenes Modell. Eine ähnliche Beobachtung haben wir auch in einem “Picard”-Trailer gemacht und damals noch einen Platzhalter-Effekt vermutet.
  • Beim Start des Shuttles rotiert dessen Stutzen der Luftschleuse ohne erkennbaren Grund.
  • Das Kraftfeld, das Kima vom Startfeld des Schul-Shuttles aussperrt, verwendet die Ästhetik aus “Discovery”, nicht den bekannten Effekt der “Next-Generation”-Ära.
  • Eine logische Weiterentwicklung der Technik des 24. Jahrhunderts: Die Charaktere verwenden durchgehend keine PADDs und Terminals mit Bildschirmen, sondern stattdessen holographische Emitter unterschiedlicher Größe.
  • Diese Geräte zeigen jedoch keine LCARS oder logisch daraus weiterentwickelten Grafiken, sondern ziemlich generisches (und unplausibles) Hollywood-UI.
  • Wir sehen fast keine bekannten Aliens. Nur einer der Lehrer ist klar als Vulkanier zu erkennen.
  • Die Episode spielt an einem 5. April, es ist First Contact Day. Auf der SDCC wurde 2384 als Jahr genannt (15 Jahre vor “Star Trek: Picard”, das 2399 spielt).
  • In der Nachrichtenübertragung wird das 150-Jahre-alte Föderationsemblem aus “Discovery” gezeigt. Kimas Mutter und Lils Vater tragen Schutzhelme, die das zeitlich angemessene Logo zeigen.
  • Als erster “Short Trek” zeigt “Children of Mars” für seine Titelgrafik den Font “Crillee”, den auch “The Next Generation” für seine Episodentitel verwendete.
  • Als erste “Star Trek”-Produktion überhaupt weist der Abspann “Children of Mars” als basierend auf “Star Trek: The Next Generation” von Gene Roddenberry aus. Alle Serien und Filme seit TNG haben bislang “Star Trek” als Grundlage angegeben. Es wird spannend, zu sehen, ob “Star Trek: Picard” ebenfalls den direkten “Next Generation”-Bezug herstellt.

Fazit

“Children of Mars” könnte ein stimmungsvoller und emotionaler Einstieg in der Welt von “Star Trek: Picard” sein, und viele Teile machen auch einen entsprechend guten Eindruck. Leider wird das Vorhaben zumindest für Kanon-Kenner durch einen gedankenlosen Einsatz von anachronistischen visuellen Effekten völlig konterkariert. Trotz aller “Next Generation”-Easter-Eggs und gar dem ersten Wiedersehen mit Jean-Luc Picard (wenn auch nur als Archivphoto) dominiert “Discovery” ungewollt dank billig und schnell entliehener Effekte weite Teile des Kurzfilms.

Somit ist “Children of Mars” leider nicht mehr als ein gut gemeinter Appetitanreger für “Star Trek: Picard” mit einer tollen Besetzung und einem atmosphärischen Soundtrack.

Kima und Lil in "Children of Mars" (Szenenbild: CBS)

Kima und Lil in “Children of Mars” (Szenenbild: CBS)

Bewertung

Handlung der Einzelepisode 4 out of 6 stars (4 / 6)
Stringenz des staffel- und serienübergreifenden Handlungsstrangs abzuwarten
Stringenz des bekannten Kanons 2 out of 6 stars (2 / 6)
Charakterentwicklung 4 out of 6 stars (4 / 6)
Spannung 3 out of 6 stars (3 / 6)
Action & Effekte 5 out of 6 stars (5 / 6)
Humor 4 out of 6 stars (4 / 6)
Intellektueller Anspruch 4 out of 6 stars (4 / 6)
Gesamt          3 out of 6 stars (3 / 6)

Episoden-Infos

Episodennummer 11 (Staffel 2, Episode 6)
Originaltitel Children of Mars
Deutscher Titel Bisher unbekannt
Erstausstrahlung USA Donnerstag, 9. Januar 2020
Erstausstrahlung Deutschland Bisher unbekannt
Drehbuch Kirsten Beyer, Jenny Lumet, Alex Kurtzman
Regie Mark Pellington
Laufzeit 8 Minuten


Christopher Kurtz

Christopher Kurtz

Seit den frühen 2000ern ist Christopher Redakteur im TrekZone Network. Wenn er nicht in den unendlichen Weiten nach kritisch rationalem Humanismus Ausschau hält oder sich über die Plausibilität fiktiver Technologien und Gesellschaftsformen den Kopf zermartert, findet man ihn meistens in der Nähe von Spielen der geselligen Art, egal ob analog oder digital, ob als Mitspieler oder Gelegenheitsautor.

2 Kommentare

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Dave · 30. Januar 2020 um 7:50

Hi.
Wo kann ich mir den Kurzfilm anschauen?
Finde ihn nirgendwo!
Lg
Dave

    Avatar

    Thomas Götz · 30. Januar 2020 um 8:47

    Hallo Dave,

    im Moment kann man den Short Trek nur auf CBS All Access sehen, eine deutsche Veröffentlichung gibt es noch nicht.

    Da die Short Treks zu Discovery gezählt werden und man bereits vor dem Deutschlandstart der letzten Staffel die Short Treks bei Netflix sehen konnte, hoffen wir, das dies auch mit den “neuen” Short Treks der Fall sein wird.
    Offiziell bestätigt ist das aber auch nicht.

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