Wenige Tage vor dem Start von “Star Trek: Picard”  wollen wir noch einmal einen Blick zurück auf “Star Trek: The Next Generation” (“Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert”, 1987-1994) werfen. Was sind die Top und Flop Five Episoden der TrekZone-Redaktion? Heute an der Reihe: Matthias Suzan.

 

Das Serienlogo von “Star Trek: The Next Generation” (Bild: CBS).

 

Aus 178 Folgen von “Star Trek: The Next Generation” eine Auswahl der fünf besten und schlechtesten Episoden zu treffen, ist eine nahezu unlösbare Aufgabe – vor allem dann, wenn “TNG” die absolute Lieblingsserie ist, weil sie einen zum Trekkie gemacht hat. Trotzdem will ich es versuchen.

 

Top 5

1. “Yesterday’s Enterprise” / “Die alte Enterprise” (3×15)

Story: Trent Christopger Ganino & Eric A. Stillwell ; Drehbuch: Ira Steven Behr & Richard Manning & Hans Beimler & Ronald D. Moore ; Regie: David Carson ; Erstausstrahlung USA: 19.02.1990 ; Erstausstrahlung Deutschland: 30.10.1992

Story: Die Enterprise entdeckt einen Spalt im Raum-Zeit-Kontinuum, durch den ein zunächst unbekanntes Schiff fliegt. Es ist die USS Enterprise NCC-1701-C, das unmittelbare Vorgängermodell der Enterprise D. Die Enterprise C ist 22 Jahre in ihre Zukunft gereist und hat dadurch die Zeitlinie verändert. Die Enterprise D ist nun kein Forschungsschiff mehr, sondern ein Kriegsschiff, da sich die Föderation derzeit in einem Krieg mit den Klingonen befindet. Worf ist dementsprechend nicht mehr an Bord, dafür lebt Lt. Tasha Yar noch (eigentlich in Episode 1×23 gestorben). Guinan erklärt Picard, dass diese Zeitlinie falsch sei und dass er die Enterprise C zurück in die Vergangenheit schicken muss, damit die ursprüngliche Zeitlinie wieder hergestellt werden kann (…)

 

Zitat der Episode:

“Let’s make sure history never forgets the name…Enterprise!”

Captain Jean-Luc Picard

 

Kritik: “Yesterday’s Enterprise” ist meine absolute Lieblingsepisode aus “Star Trek”, denn mit ihr hat für mich alles angefangen – sie war meine allererste Begegnung mit dem Franchise. Ich war damals neun Jahre alt und sofort begeistert von dem, was ich sah.

Aber auch jenseits der Tatsache, dass mich “Die alte Enterprise” zum glühenden Star Trek-Fan gemacht hat, ist diese Episode auch rein objektiv betrachtet eine der stärksten Episoden des Franchise überhaupt. Und das hat viele Gründe:

1. Die Episode greift ein typisches Science-Fiction-/Star Trek-Thema auf und macht daraus eine spannende Story, die von Anfang bis Ende fesselt: eine temporale Paradoxie.

2. “Yesterday’s Enterprise” zeigt eindrucksvoll die optimistische Botschaft von “Star Trek”, indem sie die uns bekannte Utopie in einen Kontrast zu einer Dystopie setzt. So können wir beispielsweise sehen, was dieser triste Kriegsalltag mit unseren Helden macht: Picard ist nun kein Forscher mehr, sondern ein ernster Soldat, der im Umgang mit seiner Crew (z.B. Riker) kaum mehr Nähe, geschweige denn Freundschaft zulässt. Menschen sind auch das Produkt ihrer Umgebung und “Yesterday’s Enterprise” zeigt das sehr deutlich auf.

3. Wir bekommen ein kurzes Comeback von Denise Crosby spendiert, die ihren (verfrühten bzw. überstürzten) Ausstieg aus der Serie sicher sehr schnell bereut haben dürfte.

4. Diese Episode bildet die Grundlage für einen weiteren, spannenden Gastcharakter, nämlich Commander Sela, die halbromulanische Tochter von Tasha.

Auch wenn “Yesterday’s Enterprise” in einem kleinen Widerspruch zu “Star Trek IV: Das unentdeckte Land” (Friedensschluss mit den Klingonen) steht, kann die Episode auf sehr vielen Ebenen überzeugen. Die Story ist (für damalige Maßstäbe) innovativ und spannend, die Schauspieler (Stewart, Crosby, Goldberg) spielen stark und die Folge hat tolle Effekte und ein grandioses, actionreiches Finale zu bieten.

 

Captain Picard (Patrick Stewart, Mitte), Cmdr. Riker (Jonathan Frakes, links) und Lt. Yar (Denise Crosby, rechts) in “Yesterday’s Enterprise” (Szenenfoto: CBS).

 

2. “The Drumhead” / “Das Standgericht” (4×21)

Story/Drehbuch: Jeri Taylor ; Regie: Jonathan Frakes ; Erstausstrahlung USA: 29.04.1991 ; Erstausstrahlung Deutschland: 17.03.1994

Story: Im Maschinenraum der Enterprise hat es einen Zwischenfall gegeben, alles deutet auf einen Sabotageakt hin. Wenig später wird ein klingonischer Austauschoffizier als romulanischer Spion enttarnt. Die bereits pensionierte Admiralin Norah Satie kommt mit ihrem Mitarbeiterstab an Bord, um der Angelegenheit tiefer auf den Grund zu gehen. Im Zuge der Ermittlungen gerät der junge Crewman Simon Tarses ins Visier von Satie. Obwohl sich wenig später herausstellt, dass der Vorfall im Maschinenraum in Wirklichkeit nur ein Unfall gewesen ist, startet Admiral Satie eine regelrechte Hexenjagd auf Tarses. Als Picard diesem – seinem Empfinden nach – “Standgericht” ein Ende bereiten will, gerät auch der Captain höchstpersönlich ins Fadenkreuz der nunmehr geradezu besessen wirkenden Norah Satie (…)

 

Zitat der Episode:

“Mit dem ersten Glied ist die Kette geschmiedet. Wenn die erste Rede zensiert, der erste Gedanke verboten, die erste Freiheit verweigert wird, dann sind wir alle unwiderruflich gefesselt.”

Richter Aaron Satie (zitiert von Captain Jean-Luc Picard)

 

Kritik: Autorin Jeri Taylor hat mit “The Drumhead” eine grandiose Episode geschrieben, die auch heute noch aktuell ist. Die Story ist tiefgreifend und die Schauspieler spielen exzellent, das gilt sowohl für den gewohnt starken Sir Patrick Stewart als auch für Jean Simmons (Norah Satie).

“Das Standgericht” ist ein Plädoyer für verfassungsmäßig garantierte Grundrechte und eine Warnung, deren Achtung niemals einem vermeintlich höheren Zweck (hier: Sicherheit der Föderation) zu opfern. Vor allem warnt die Episode aber auch davor, sich selbst und die eigene Meinung zu überhöhen und basierend auf dieser Selbstabsolution für sich in Anspruch zu nehmen, anderen Menschen deren Grundrechte absprechen zu dürfen – schließlich sei man ja die Verkörperung des “Guten”. Picard bringt das mit einer sehr treffenden Metapher zum Ausdruck: “Mr. Worf, Schurken, die ihre Schnurrbärte zwirbeln, sind leicht zu erkennen. Diejenigen aber, die sich in gute Taten kleiden, sind hervorragend getarnt.” 

Sehr gelungen ist neben Picards Psycho-Fight mit Satie auch sein Konflikt mit Worf, der am Ende der Episode einsieht, dass er Saties Manipulation auf den Leim gegangen ist. Die Auflösung der Episode ist genial, denn Picard schlägt Satie mit ihren eigenen Waffen, indem er deren Vater, den berühmten Richter Aaron Satie, zitiert, um ihr auf diese Weise klar zu machen, dass ihr amoralisches Vorgehen genau das Gegenteil von dem ist, für was ihr hochgeschätzter Vater einst stand: Prinzip und Integrität.

Wobei das besagte Zitat in Wirklichkeit auf den französischen Komponisten Alfred Éric Leslie Satie (1866-1925) zurückgeht, was die Autorin Jeri Taylor wohl gewusst haben dürfte, denn den Nachnamen Satie hat sie Picards Antagonistin sicherlich nicht zufällig gegeben.

 

Captain Picard (Patrick Stewart) in “The Drumhead” (Szenenfoto: CBS).

 

3. “I, Borg” / “Ich bin Hugh” (5×23)

Story/Drehbuch: René Echevarria ; Regie: Robert Lederman ; Erstausstrahlung USA: 11.05.1992 ; Erstausstrahlung Deutschland: 05.05.1994

Story: Die Enterprise-Besatzung entdeckt auf einem Planeten ein abgestürztes Borg-Aufklärungsschiff, in dem ein überlebender Borg-Jugendlicher “Dritte von Fünf” aufgefunden wird. Dr. Crusher besteht darauf, den vom Hive-Bewusstsein getrennten Borg an Bord zu behandeln. Währenddessen entwickeln Data und La Forge auf Picards Anweisung hin einen Plan, den Borg als “Trojanisches Pferd” zu benutzen, um das Borg-Kollektiv mithilfe einer Art Computervirus aus seinem Inneren heraus zu vernichten. Angesichts des Kriegszustandes zwischen dem Kollektiv und der Föderation sowie der nicht zu leugnenden technischen Unterlegenheit der Sternenflotte sei der geplante Genozid an den Borg zu rechtfertigen, so Picards ungewöhnlich inhumane Argumentation. Es ist offensichtlich, dass Picards Borg-Vergangenheit (“In den Händen der Borg”/”Angriffsziel Erde”, 3×26 & 4×01) das normative Urteil des sonst so moralisch agierenden Mannes gewaltig trübt.

La Forge und insbesondere Dr. Crusher, die von Anfang an gegen diesen fragwürdigen Plan eingestellt ist, arbeiten daraufhin sehr intensiv mit dem jungen Borg zusammen. Im Laufe der Zeit entwickelt “Dritter von Fünf” ein Bewusstsein für Individualität, sodass La Forge und Crusher ihm einen Namen geben: Hugh. Hugh betrachtet La Forge im Laufe der Zeit sogar als seinen Freund und äußert zudem moralische Bedenken hinsichtlich des Bestrebens der Borg, andere Lebensformen gegen deren Willen zu assimilieren. Als sowohl La Forge als auch Guinan dem Captain ins Gewissen reden, den angedachten Plan zu überdenken, sucht Picard schließlich doch das Gespräch mit Hugh. Nach dieser Begegnung setzt beim Captain ein Umdenken ein und er verwirft den ursprünglichen Plan. Stattdessen will man nun versuchen, Hughs Bewusstsein für Individualität auf das gesamte Borg-Hive zu übertragen. Nichtsdestotrotz lässt Picard Hugh die Wahl, bei der Föderation zu bleiben oder ins Kollektiv zurückzukehren. In Anbetracht der damit verbundenen Gefahr für die Enterprise entschließt sich Hugh für eine Rückkehr (…)

 

Zitat der Episode:

“Wenn wir ihn auf diese Weise benutzen, wären wir nicht besser als der Feind, den wir zu vernichten trachten. Also suchen wir eine andere Möglichkeit.”

Captain Jean-Luc Picard

 

Kritik: “I, Borg” – eine Anspielung auf Isaac Asimovs “I, Robot” (1950) – ist wahrlich “Star Trek” pur! Die Episode transportiert eine ganz starke Message, die typisch ist für den Anspruch der Serie, rein utilitaristische Handlungsweisen (“Der Zweck heiligt die Mittel”) zu hinterfragen und stattdessen wertorientierte Handlungsalternativen aufzuzeigen und zur Diskussion zu stellen.

Besonders deutlich wird das an Picard, der hier – nach “Familienbegegnung” (4×02) – ein zweites Mal in sehr drastischer Weise als verletzlich und fehlbar (oder einfach: menschlich) dargestellt wird. Aber Picard ist zugleich auch ein Symbol für den “Advanced Human”, den Roddenberry mit “Star Trek” zu illustrieren versuchte: Zunächst von Scham (nach der Demütigung durch die Borg) und Rachsucht übermannt, setzt bei Picard nach einiger Zeit eine ethisch-moralische Reflexion ein. Der Verstand siegt über das Gefühl, die Moral über die Amoral, sodass am Ende die Erkenntnis steht: Unrecht darf nicht mit Unrecht beantworten werden (siehe Zitat der Episode)! Picard hält die Vernichtung einer ganzen Zivilisation für inakzeptabel, selbst wenn es sich dabei um einen todbringenden Feind handelt. Würde man den ursprünglichen Plan tatsächlich umsetzen, käme dies einem Verrat an den fundamentalen Prinzipien der Föderation gleich. Stattdessen entscheidet sich Picard für einen Alternativplan, dessen Ziel darin besteht, die Borg zum Guten zu wenden, indem man ihnen einen besseren Weg (hier: Individualität und persönliche Freiheit ) aufzeigt. 

Eine weitere Stärke der Episode besteht darin, dass der Erfolg des Alternativplans zunächst offen bleibt und Picards Entscheidung, die Borg nicht zu vernichten, ihm in “Angriff der Borg, Teil 1 & 2” (“Descent, Part 1 & 2”, 6×26 & 7×01) sogar auf die Füße zu fallen droht. Denn als die Borg gut ein Jahr später erneut angreifen, muss sich Picard von Admiral Nechayev den Vorwurf gefallen lassen, seine persönliche Moral über das Wohl der Föderation gestellt zu haben. Und man merkt, dass dieser Vorwurf Picard anschließend enorm ins Grübeln bringt. Womöglich ist das auch der Grund, warum Picards Hassgefühle auf die Borg in “Star Trek: Der erste Kontakt” (“Star Trek: First Contact”, 1996) wieder aufflammen. Picard zahlt für seine moralische Integrität einen hohen Preis. Und dass “Ich bin Hugh”, “Angriff der Borg” sowie “Der erste Kontakt” diese Tatsache nicht verschweigen, ist den Autoren nicht hoch genug anzurechnen. Das Dilemma, dass moralisches Verhalten nicht notwendigerweise auch zu positiven Resultaten führen muss, wird hier nicht verschwiegen, sondern sogar herausgestellt. Dadurch erscheint “Star Trek: The Next Generation” nicht wie eine naiven Utopie, in der moralisch korrektes Handeln auch immer zu den gewünschten Resultaten führt. Vielmehr wird Picards Prinzipienethik hier auch irgendwie zur kritischen Diskussion gestellt. Und genau dieser Aspekt fordert den Zuschauer intellektuell heraus. Einfach toll!

Eine vollständige Auflösung des offenen Endes hat es indes nicht gegeben. Ein Teil der infizierten Borg konnte sich vom Kollektiv lösen, das Borg-Hive selbst blieb jedoch intakt. Sehr wahrscheinlich wird “Ich bin Hugh” in “Star Trek: Picard” von großer Bedeutung sein. Darauf deutet jedenfalls die bereits bestätigte Mitwirkung von Jonathan Del Arco (Hugh) hin. Auch deshalb sei ein Rewatch dieser Episode unseren Lesern wärmstens empfohlen! Die Geschichte scheint noch nicht auserzählt zu sein.

 

Hugh (Jonathan Del Arco, links) und Lt. Cmdr. La Forge (LeVar Burton, rechts) in “I, Borg” (Szenenfoto: CBS).

 

4. “The High Ground” / “Terror auf Rutia-Vier” (3×12)

Story/Drehbuch: Melinda M. Snodgrass ; Regie: Gabrielle Beaumont ; Erstausstrahlung USA: 29.01.1990 ; Erstausstrahlung Deutschland: 09.10.1992

Story: Die Enterprise befindet sich im Orbit von Rutia IV, einem ehemaligen Handelspartner der Föderation. Doch seit geraumer Zeit herrscht ein (asymmetrischer) Bürgerkrieg auf dem Planeten und zwar zwischen dem Staat Rutia und der separatistischen Bewegung der Ansata. Die Ansata verlangen politische Autonomie in Form eines eigenen Staates auf einem der Kontinente des Planeten, was ihnen von der rutianischen Zentralregierung jedoch verweigert wird. Daraufhin verüben die Ansata Terroranschläge primär auf staatliche Einrichtungen (z.B. Polizei), wobei es auch immer wieder zu Kollateralschäden unter der rutianischen Zivilbevölkerung (z.B. Schulbus) kommt. Dank des sogenannten “Inverters”, einem Dimensionsverschiebungstransporters, können die Aktivisten der Ansata aus dem Nichts auftauchen und auch prompt wieder verschwinden. Die ganze rutianische Gesellschaft wirkt chaotisch, paranoid und extrem gespalten. Die Enterprise ist indes auf einer humanitären Mission und liefert den rutianischen Behörden medizinische Güter zur Versorgung der Bevölkerung. Dies wird allerdings von den Ansata als einseitige Parteinahme interpretiert.

Ein Außenteam bestehend aus Dr. Crusher, Data und Worf befindet sich gerade auf der Oberfläche, als sich in deren direkter Nähe ein weiterer Bombenanschlag ereignet. Als Dr. Crusher medizinische Ersthilfe leistet, wird sie von einem Ansata mithilfe des Inverters entführt. Ansata-Anführer Kyrill Finn braucht Dr. Crushers Expertise, um die negativen zellular-chemischen Folgen des Inverters zu behandeln.

Während ihrer Gefangenschaft führen Crusher und Finn kontroverse Gespräche über das Wesen des Terrorismus, die Ziele und Methoden der Ansata und die Frage, was Terroristen eigentlich von Freiheitskämpfern unterscheidet. Unterdessen arbeitet Commander Riker eng mit der Polizeichefin von Rutia zusammen, um Dr. Crusher aus den Fängen der Ansata zu befreien. Riker hegt Zweifel an den autoritär anmutenden sicherheitspolitischen Maßnahmen des rutianischen Staates, denn er sieht in diesen eine Verschärfung des ohnehin bestehenden Konflikts.

Finn beschließt derweil, die Föderation in den Konflikt hineinzuziehen, um sie anschließend als Druckmittel gegen die Regierung Rutias instrumentalisieren zu können. Ein Bombenanschlag auf die Enterprise verfehlt nur knapp sein Ziel, das Schiff samt Besatzung vollständig zu vernichten. Allerdings gelingt es Finn, Captain Picard zu entführen.

Die Enterprise-Besatzung kann derweil das Versteck der Ansata lokalisieren. Bei einer gemeinsamen Rettungsmission mit der rutianischen Polizei werden Crusher und Picard befreit. Kyrill Finn stirbt durch die Waffe der Polizeichefin. Als ein Ansata-Junge wiederum die Polizeichefin erschießen will, gelingt es Dr. Crusher mit Worten, ihn davon abzuhalten.

Ist die Einsicht des Jungen, dass der Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt endlich unterbrochen werden muss, der Anfang vom Ende des Bürgerkrieges? Oder wird sich auf Rutia IV die Spirale aus Hass und Gewalt ewig weiterdrehen?

 

Zitat der Episode:

Aber ich war niemals ein Verfechter der Theorie, dass politische Macht sich auf einen Gewehrlauf stützt.”

Captain Jean-Luc Picard im Gespräch mit Lt. Cmdr. Data

 

Kritik: “Terror auf Rutia-Vier” war bei der Erstausstrahlung 1990 eine sehr offensichtliche Anspielung auf den Nordirlandkonflikt. Die Tatsache, dass Data in einem (sehr tiefgründigen) Gespräch mit Picard feststellt, dass der Terrorismus in Irland 2024 schließlich zum Erfolg geführt habe (also fiktive 34 Jahre nach Erstausstrahlung der Episode), hatte zur Folge, dass die Episode in Großbritannien lange Zeit nicht ausgestrahlt wurde bzw. nur in geschnittener Form.

Die Episode charakterisiert hervorragend, welche Formen von Terrorismus man unterscheiden kann (hier: Staatsterrorismus vs. substaatlicher Terrorismus) und welche primäre Absicht sich hinter der Anwendung terroristischen Methoden verbirgt – nämlich Angst und Schrecken tief in die Zivilbevölkerung zu tragen. Besonders lobenswert ist aber, dass kritisch hinterfragt wird, ob nicht vielleicht die eigene (subjektiv verzerrte) Perspektive letztendlich darüber entscheidet, ob man jemanden als “Terroristen” oder “Freiheitskämpfer” wahrnimmt. So hält Finn beispielsweise Dr. Crusher und der gesamten Föderation (und damit metaphorisch auch den USA) nicht ganz unberechtigt den Spiegel vor, indem er feststellt, dass die Föderation nun hochmütig über die Ansata urteile, ihre eigene Geschichte aber geprägt sei von etlichen blutigen Revolutionen und Unabhängigkeitskriegen.

Autorin Melinda M. Snodgrass, die zu dieser Zeit bereits mit “Wem gehört Data?” (“The Measure Of A Man”, 2×09) eine der großartigsten Episoden von “Star Trek” geschrieben hatte, stellt in dieser Episode die Objektivität des Begriffs “Terrorismus” zur Diskussion, ohne jedoch eine komplett neutrale Position diesbezüglich einzunehmen (Ihre persönliche Unterscheidung zwischen “Terrorist” und “Freiheitskämpfer” ist aus einer Aussage von Dr. Crusher herauszulesen, die Kyrill Finn den Unterschied zwischen ihm und George Washington erläutert).

Diese sehr kontroverse und somit differenzierte Auseinandersetzung mit dem Phänomen “Terrorismus” – die vielleicht differenzierteste, die ich bisher in Film und Fernsehen zu diesem Thema gesehen habe – manifestiert sich auch im englischen Originaltitel, dessen Mehrdeutigkeit leider im Deutschen verloren gegangen ist. Denn “The High Ground” kann schlicht mit “Das höhere Terrain” übersetzt werden, was sich wiederum darauf bezieht, dass die Ansata unter der Oberfläche leben, während die Regierung und Sicherheitsbehörden von Rutia auf der Oberfläche beheimatet sind. Gleichzeit kann man aber auch mit “Die höhere Position” (in Bezug auf die soziale oder politische Stellung in der Gesellschaft) oder eben auch mit “Die überlegene Position” übersetzen, was wiederum auf eine “moralische Überlegenheit” (der Föderation) abzielt. Der Episodentitel ist wirklich hervorragend gewählt und steht symbolisch für eine ganz, ganz starke (da enorm gesellschaftskritische) Folge von “Star Trek”!

 

Data (Brent Spiner, links) und Dr. Crusher (Gates McFadden, rechts) in “The High Ground” (Szenenfoto: CBS).

 

5. “The Arsenal of Freedom” / “Die Waffenhändler”  (1×21)

Story: Maurice Hurley & Robert Lewin ; Drehbuch: Richard Manning & Hans Beimler ; Regie: Les Landau ; Erstausstrahlung USA: 11.04.1988 ; Erstausstrahlung Deutschland: 16.02.1991

Story: Die Enterprise fliegt auf der Suche nach der USS Drake den Planeten Minos an. Die Zivilisation, welche diesen Planeten einst bewohnte, ist seit langer Zeit ausgestorben. Scheinbar wurde diese im Zuge der vor langer Zeit stattfindenden “Ersalrope-Kriegen” vernichtet. Commander Riker beamt mit einem Außenteam auf die Planetenoberfläche, um nach der Besatzung der Drake zu suchen. Doch auf dem Planeten wird das Außenteam von feindlichen Kampfdrohnen angegriffen. Währenddessen wird auch die Enterprise im Orbit attackiert und muss sich einem unsichtbaren Feind erwehren. Für Acting-Captain Lieutenant La Forge wird dieses Katz-und-Maus-Spiel zu seiner ultimativen Feuerprobe (…)

 

Zitat der Episode:

“Ihr armen Narren! Eure eigene Errungenschaft hat euch umgebracht.” 

Captain Jean-Luc Picard zum holografischen Waffenverkäufer auf Minos

 

Kritik: Auch wenn “The Arsenal of Freedom” aus dem Jahr 1988 stammt, ist diese Folge aktueller denn je. In der damaligen Zeit dürfte sich die Botschaft der Episode allgemein gegen Massenvernichtungswaffen (besonders Atomwaffen) gerichtet haben. Gegenwärtig kann die Folge auf die Thematiken “Künstliche Intelligenz” beziehungsweise “Drohnenkrieg” hin interpretiert werden. “Die Waffenhändler” ist eine Warnung an die Menschheit, keine Waffensysteme zu entwickeln, die sich eines Tages unserer Kontrolle entziehen könnten. In gewisser Weise ist hier eine Parallele zur Botschaft von “Terminator” und dessen “Skynet” erkennbar.

Auch hinsichtlich des Unterhaltungswerts gefällt mir “The Arsenal of Freedom” sehr gut. Wir erleben Captain Picard auf einer Außenmission, was in “TNG” nicht allzu häufig der Fall ist. Außerdem wird die Figur des Geordi La Forge sehr gut weiterentwickelt. Das Gefecht zwischen der Enterprise und der nicht lokalisierbaren Kampfdrohne erinnert an einen U-Boot-Thriller. Mit moderner Tricktechnik wäre die Episode sicherlich auch heute noch ein echter Knaller.

“The Arsenal of Freedom” ist eine typische “Planet der Woche”-Episode im altbekannten “TOS”-Stil. Mir gefällt’s, sodass die Folge für mich das absolute Highlight der Premierenstaffel darstellt.

 

Das Außenteam auf Minos (v.l.n.r.): Picard (Patrick Stewart), Crusher (Gates McFadden), Riker (Jonathan Frakes), Yar (Denis Crosby) und Data (Brent Spiner) in “The Arsenal of Freedom” (Szenenfoto: CBS).

 

 


Flop 5

1. “Manhunt” / “Andere Sterne, andere Sitten” (2×19)

Story/Drehbuch: Terry Devereaux ;  Regie: Rob Bowman ; Erstausstrahlung USA: 19.06.1989 ; Erstausstrahlung Deutschland: 22.05.1992

Story: Die Handlung der Episode ist schnell erzählt. Trois Mutter Lwaxana Troi ist – wie der Titel schon verrät – auf Männerjagd und hat es dabei primär auf Captain Picard abgesehen. Außerdem steht noch eine wichtige interstellare Konferenz auf dem Planeten Pacifica an (…)

 

Zitat der Episode:

“Also, indem ich Pi ins Quadrat erhob und dann mit der dritten Potenz von 9 multiplizierte, war ich in der Lage, die Entfernung zwischen dem Omicron-System und dem Krabbennebel zu berechnen – auf den Millimeter genau. ”

Lt. Commander Data im Tischgespräch mit Captain Picard und (einer sichtlich genervten) Lwaxana Troi.

 

Kritik: Sicherlich, die Episode hat ihre witzigen Momente (siehe u.a. “Zitat der Episode”), aber mir ist die Story einfach zu flach und mit zuviel Klamauk versehen. Bei einer Anzahl von 26 Episoden pro Staffel, was damals noch üblich war, muss man einer Serie auch solche schwachen Folgen zugestehen. Bei einem “TNG”-Rerun kann man diese Episode aber getrost überspringen.

 

Captain Picard (Patrick Stewart, links) und Lwaxana Troi (Majel Barrett) in “Manhunt” (Szenenfoto: CBS).

 

2. “Qpid” / “Gefangen in der Vergangenheit” (4×20)

Story: Randee Russell & Ira Steven Behr ; Drehbuch: Ira Steven Behr ; Regie: Cliff Bole ; Erstausstrahlung USA: 22.04.1991 ; Erstausstrahlung Deutschland: 16.03.1994

Story: Vash, Picards kurzzeitige Urlaubsromanze aus “Picard macht Urlaub”/”Captain’s Holiday” (3×19), kommt an Bord der Enterprise, was Picard sehr unangenehm ist, da er nicht möchte, dass seine Besatzung zu viele Details über sein Privatleben erfährt. Da Vash Picards Leuten gegenüber aber sehr auskunftsfreudig ist, kommt es zwischen ihr und Picard zum Streit. Als dann auch noch Q auf dem Schiff auftaucht, ist Picards schlechte Laune auf einem Höhepunkt. Q bekommt sehr schnell mit, was sich gerade zwischen Picard und Vash abspielt, sodass er beschließt, Picard zu helfen – auf seine ganz besondere Q-Art wohlgemerkt. Daraufhin finden sich Vash, Picard und seine Crew im England des 12. Jahrhunderts wieder, genauer gesagt in der legendären Geschichte von “Robin Hood”. Während Vash in die Rolle von Lady Marian schlüpft (oder besser gesagt: schlüpfen muss), obliegt es Robin Hood alias Captain Picard, diese aus den Fängen von Sir Guy von Gisbourne zu retten (…)

 

Zitat der Episode:

“Jean-Luc, wie wundervoll Sie wiederzusehen. Wie wär’s mit einem Begrüßungskuss? ”

Q zu Captain Picard

 

Kritik: Sicherlich, die Episode hat ihre lustigen Momente und vor allem der Theaterschauspieler Patrick Stewart konnte in dieser Episode mal wieder eine völlig andere Seite zeigen, zumal man sich an dessen Kurzauftritt als König Richard in “Robin Hood – Helden in Strumpfhosen”/”Robin Hood: Man in Tights” (1993) erinnert fühlt. Mir ist es aber dann doch ein wenig zu viel seichter Kitsch. Zudem mangelt es der Episode einfach an einem glaubwürdigen Spannungsbogen, da man ohnehin weiß, wie die Geschichte ausgeht. Man muss der Folge aber zugestehen, dass sie durchaus kreativ ist, was schon der englische Originaltitel “Qpid” beweist, der eine Anspielung auf das Wort “cupid” ist, was “Amor” bzw. “Cupido” (römischer Liebesgott) entspricht.

 

Picard und seine Crew müssen in “Qpid” (TNG 4×20) die Abenteuer von “Robin Hood” bestehen (Szenenfoto: CBS).

 

3. “Frame of Mind” / “Phantasie oder Wahrheit” (6×21)

Story/Drehbuch: Brannon Braga ; Regie: James L. Conway ; Erstausstrahlung USA: 03.05.1993 ; Erstausstrahlung Deutschland: 15.06.1994

Story: Commander Riker spielt in Doktor Crushers Theatergruppe die Hauptrolle in einem Bühnenstück, das sich um einen psychisch kranken Mann dreht, der in einer psychiatrischen Anstalt von einem sadistischen Therapeuten gefoltert wird. Nur kurzer Zeit nach der Premiere des Bühnenstücks soll Riker auf eine geheime Undercover-Mission nach Tilonus IV aufbrechen. Doch die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit scheinen immer mehr zu verschwimmen, als sich Riker plötzlich in der Nervenklinik aus dem Bühnenstück wiederfindet. Er ist dort ein des Mordes angeklagter Psychatriepatient. War das Leben des Sternenflotten-Offiziers William T. Riker die ganze Zeit über nur die Illusion eines geistig verwirrten Mannes? (…)

 

Zitat der Episode:

“Commander, ich muss Ihnen zur Ihrer Vorstellung heute Abend gratulieren. Ihre Improvisation war eine effektive Methode, dem Publikum die Zwangslage Ihrer Figur nahezubringen. Sie zeigten eine sehr realistische Interpretation von Multiinfarktsschwachsinn.”

Data (unbeabsichtigt taktlos) zu Commander Riker

 

Kritik: Die Episode hat durchaus ihre Stärken, wirkt auf mich aber an vielen Stellen zu vorhersehrbar und zu konstruiert. Der Twist, dass Commander Rikers Identität nur eine Illusion gewesen sein soll, ist zu keinem Zeitpunkt glaubwürdig. Zudem ist mir das Story-Konstrukt “böse Aliens entführen einen Sternenflotten-Offizier und foltern ihn psychisch” auch schon einfach viel zu oft in “Star Trek” umgesetzt worden. Wenngleich man feststellen muss, dass “Frame of Mind” hier noch eine der früheren “Star Trek”-Episoden mit diesem Konzept war. Es folgten noch diverse andere Episoden dieser Art, wie etwa “Die zweite Haut” (DS9 3×05), “Strafzyklen” (4×19) oder auch “Die Augen des Toten” (VOY 1×08). Grundsätzlich bin ich kein Freund solcher Psycho-Folgen, wobei “Strafzyklen” wenigstens noch eine interessante gesellschaftskritische Fragestellung (Straftheorien) in den Raum wirft. Bei “Frame of Mind” fehlt mir das ein wenig. Objektiv gesehen, ist die Folge ganz sicher nicht schlecht. Aber mich kann sie einfach nicht so recht begeistern.

 

Riker (Jonathan Frakes) dreht in “Frame of Mind” durch (Szenenfoto: CBS).

 

4. “The Most Toys” / “Der Sammler” (3×22)

Story/Drehbuch: Shari Goodhartz ; Regie: Timothy Bond ; Erstausstrahlung USA: 07.05.1990 ; Erstausstrahlung Deutschland: 04.08.1993

Story: Der Händler Kivas Fajo fingiert Datas Tod, um diesen einzigartigen Androiden in seine Hände zu bekommen und seiner umfangreichen Privatsammlung hinzuzufügen. Data kann sich mit seinem neuen Schicksal nicht abfinden und es kommt zu Diskussionen zwischen ihm und Fajo über Moral und über den Respekt vor dem Wert der individuellen Freiheit. Währenddessen findet die Enterprise-Crew heraus, dass Datas Shuttle-Unfall fingiert gewesen sein muss. Daraufhin ändert die Enterprise den Kurs, um Data zu befreien (…)

 

Zitate der Episode:

“Lululululu…”

Data beim Füttern eines Lapling

 

“Ich wurde geschaffen mit einem fundamentalen Respekt für Leben in all seinen Formen. Und einer starken Hemmung, Lebewesen Schaden zuzufügen.”

Data zu Fajo

 

Kritik: Die Episode krankt meiner Ansicht nach vor allem an der extremen Überzeichnung des Sammlers Kivas Fajo, der vom ersten Moment an einfach enorm nervig wirkt. Hinzu kommt leider ein eher billiges Make-up, die deutlich erkennbare Wiederverwendung bereits existierender Sets (Sternenflotten-Replikator, Türen romulanischer Schiffe) und natürlich das “Narren”-Kostüm des Bösewichts. Auch der Spannungsbogen weiß nicht wirklich zu überzeugen.
Sicherlich transportiert die Episode eine durchaus relevante gesellschaftskritische Botschaft (Gier, Selbstdefinition über Besitz, Missachtung der Freiheit anderer Lebensformen), aber in der Gesamtheit kann mich die Episode auch nach all den Jahren nicht wirklich abholen. Einzig das moralische Dilemma Datas am Ende der Episode ist wirklich gut umgesetzt worden.

 

Data (Brent Spiner, links) und Kivas Fajo (Saul Rubinek) in “The Most Toys” (Szenenfoto: CBS).

 

5. “Code of Honor” / “Der Ehrenkodex” (1×04)

Story/Drehbuch: Katharyn Powers & Michael Baron ; Regie: Russ Mayberry ; Erstausstrahlung USA: 12.10.1987 ; Erstausstrahlung Deutschland: 28.09.1990

Story: Die Enterprise fliegt den Planeten Ligon II an, um mit den dort lebenden Ligonianern über eine Lieferung des Impfstoffes “Vakzin” zu verhandeln, der auf dem Föderationsplaneten Styris IV dringend benötigt wird. Die Ligonianer sind eine patriarchische Zivilisation, die sich stark an dem sogenannten “Ehrenkodex” orientiert. Technisch können sie mit der Föderation nicht mithalten und ihre gesamte Kultur wirkt hinsichtlich ihrer Gesellschaftsstruktur und in Bezug auf ihre Bräuche archaisch. Als eine Delegation des ligonianischen Herrschers Lutan die Enterprise besucht, kommt es zu einem Zwischenfall: Lutan lässt Lt. Tasha Yar entführen, um durch eine Heirat mit ihr an den Besitz seiner aktuellen “Hauptfrau” Yareena zu gelangen. Diese wiederum fordert Lt. Yar erwartungsgemäß zu einem Kampf um Leben und Tod heraus, den die Sicherheitschefin der Enterprise akzeptieren muss, um an den dringend benötigten Impfstoff zu gelangen (…)

 

Zitat der Episode:

“Wir vom Planeten Ligon sind bisher Fremden gegenüber sehr zurückhaltend gewesen. Wir sind technologisch nicht so fortgeschritten wie Sie.”

Lutan, Anführer der Ligonianer

 

Kritik: Diese Folge hat meiner Ansicht nach zwei Hauptschwächen. Der erste Schwachpunkt besteht in der Tatsache, dass die Enterprise wohl überhaupt keinen Kontakt mit den Ligonianern hätte herstellen dürfen, da diese Zivilisation scheinbar noch nicht warpfähig ist, wie u.a. das obige Zitat belegt. Jedenfalls drängt sich hier die Frage nach der Obersten Direktive auf. (Die gleiche Frage habe ich mir auch bei “Das Gesetz der Edo”/”Justice” [1×08] gestellt.) Die Notsituation auf Styris IV kann hier kein Argument sein, denn sonst würde der Zweck stets die Mittel heiligen und die Föderation könnte sich die Oberste Direktive dann auch gleich sparen, denn Notsituationen dürfte es in der riesigen Föderation wohl zuhauf geben. Da wäre es aus Sicht der Sternenflotten-Regularien fast schon vertretbarer gewesen, das “Vakzin” einfach ohne das Wissen der Ligonianern an Bord zu beamen.

Der Zweite Kritikpunkt an der Episode wiegt indes weitaus schwerer. Schon früh nach der Ausstrahlung wurde der Episode ein rassistischer Unterton unterstellt. Und diesem Vorwurf muss man leider auch absolut zustimmen. Eine primitive und martialische Kultur ausschließlich mit afroamerikanischen Schauspielern zu besetzen, ist absolut fragwürdig und entspricht so überhaupt nicht dem gewohnten liberalen Duktus von “Star Trek”. Auch die beteiligten Schauspieler haben diese Episode damals als “racist piece of shit” (Jonathan Frakes) – oder etwas weniger drastisch – als “just a racist episode” (Brent Spiner) kritisiert. Für Garrett Wang, Harry Kim in “Voyager”, ist sie sogar “the worst written episode of Star Trek”.

Wobei das Drehbuch von Katharyn Powers und Michael Baron wohl weniger das Problem ist, sondern viel eher die visuelle Umsetzung der Story. Der Fehler liegt meiner Ansicht nach beim Regisseur Russ Mayberry sowie bei den Produzenten (auch Gene Roddenberry als Executive Producer). Diese hätten schon beim Lesen des Drehbuchs, beim Begutachten der Kostümentwürfe und spätestens beim Casting-Prozess feststellen müssen, dass hier etwas gewaltig schiefläuft.

Dabei hat die Episode auch einige Stärken: Die Geschichte ist eigentlich recht spannend , es gibt tolle Action und der Konflikt wird am Ende von der Enterprise-Crew wirklich clever und Trek-like gelöst. Zudem sehen wir hier erstmals Captain Picards grundsätzlichen Respekt allen fremden Kulturen gegenüber – selbst den archaischen. Mit einer ethnisch diverseren Besetzung der Ligonianer sowie Kostümen, die nicht so dermaßen an afrikanische Traditionen angelegt sind, hätte diese Episode wenigstens durchschnittlich werden können. So, wie die Story aber visuell umgesetzt worden ist, ist “Code of Honor” leider einer der Tiefpunkte – wenn nicht sogar der Tiefpunkt schlechthin – aus über 170 Episoden “Star Trek: The Next Generation”.

 

Captain Picard (Patrick Stewart, links) und Lutan (Jessie Lawrence Ferguson, rechts) in “Code of Honor” (Szenenfoto: CBS).

 


Matthias Suzan

Matthias Suzan

Matthiasˈ Leidenschaft für "Star Trek" begann im zarten Alter von neun Jahren mit "The Next Generation". Anfänglich waren es noch die Raumschiffe und die Technik, die ihn faszinierten. Später weckten vor allem die anthropologischen, gesellschaftlichen und politischen Themen des Trek-Universums sein Interesse, sodass er sich seither für Politik- und Geisteswissenschaften interessiert. Nach knapp zwei Jahrzehnten als treuer TrekZone-Leser stieß er Ende 2017 mit dem Start von "Discovery" zur TZN-Redaktion.

3 Kommentare

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mrspock · 18. Januar 2020 um 18:00

Ich habe keine Sekunde irgendwie an Rassismus gedacht bei “Der Ehrenkodex”. Leider ist die Welt heute sehr kompliziert geworden. Bei den Marvel Filmen muss die Walküre heutzutage eine dunkle Haut haben obwohl das eigentlich nicht passt.

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Wes · 28. März 2020 um 21:54

Bei der Kritik zu “Der Ehrenkodex” empfinde ich es als rassistisch, hierin Rassismus zu sehen. Der Autor der Episode hat lediglich ein Volk beschrieben, welche Eigenschaften hat, die halt durch farbige Schauspieler am besten verkörpert werden konnten. Sieht man es denn in Filmen über Kung Fu auch als rassistisch an, dass die meisten Akteure von Asiaten gespielt werden?
Um deutlicher zu machen, worin hier der Irrtum besteht, zitiere ich hierzu Morgan Freeman: „Hört auf, über Rassismus zu reden. Ich höre auf, Sie einen weißen Mann zu nennen und bitte Sie, mich nicht mehr als schwarzen Mann zu bezeichnen.“
Man begegnet dem Rassismus zuallererst damit, dass man aufhört, ihn in allem zu sehen. Wie zum Beispiel in dieser Episode. Das ist völlig fehl am Platz.

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    TrekZone Network · 29. März 2020 um 12:44

    Lieber Wes,
    danke für deinen Kommentar. Allerdings finde ich deine Bemerkungen problematisch. Vielleicht liegt hier ein Verständnisproblem vor, was “Rassismus” bedeutet.

    Ligon II ist ein fiktiver Ort, und kein historischer Kontext verlangt, dass die Bewohner aussehen müssten wie dunkelhäutige Menschen. Wenn man schwarzen Schauspielern besondere Eignung für die Rollen in “Der Ehrenkodex” bescheinigt, dann macht man bestimmte charakterliche Eigenschaften an der Hautfarbe fest. Genau das ist das Problem, das Matthias hier diagnostiziert, und schwer bestreitbar eine gute Definition von Rassismus.

    Platt gesagt: “Der Ehrenkodex” wiederholt und verfestigt Ressentiments und Vorurteile über die Unterlegenheit afrikanischer Kulturen bzw. Menschen entsprechender Abstammung. Das schädlichste Klischee dabei ist sicherlich, dass persönliche Ehre mehr gewertschätzt würde, als anderer Menschen Leben (insbesondere Frauen).

    Diese und andere Formen von Rassismus werden m.E. weder besser, erträglicher, noch verschwinden sie gar, wenn man sie ignoriert. Ich bin sehr froh, dass Matthias in seiner Rezension auf diese Problematik hinweist. Es gehört zu einer ehrlichen, kritischen Auseinandersetzung mit “Star Trek” dazu, solche Aspekte deutlich anzusprechen.

    In diesem Sinne noch viel Spaß im TrekZone Network,
    Christopher

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