In dieser kleinen Retrospektive sehen wir uns nicht nur die lange Zeit sträflich vernachlässigte Zeichentrickserie an, sondern werfen auch einen kleinen Ausblick auf die noch kommenden. Außerdem fragen wir danach, wie diese in den Kanon passen.

 

Zum bald anstehenden Start der neuen animierten “Star Trek”-Abenteuer wollen wir einen Blick auf die vergessene bzw. wohl eher sträflich vernachlässigte Serie “The Animated Series” (Kurz: “TAS” oder in Deutschland “Die Enterprise”) werfen, welche zwischen 1973 und 1974 entstand und von vielen Fans als das vierte und fünfte Jahr von Kirks ursprünglicher Fünf-Jahres-Mission angesehen wird. Immerhin hat man bei Paramount die TOS-Zeitleiste schon vor Jahren (“Voyager”-Folge “Q²”, 7×18) offiziell angepasst und Kirks Fünf-Jahres-Mission auf bis 2271 gehend geschoben (früher 2269, was “Star Trek – Der Film” nach 2373 schob).

Die Kanon-Definition: Für Fans nix Neues

Dabei wollen wir uns nicht die einzelnen Episoden der Serie in der Kritik anschauen, denn das wurde schon oft genug gemacht. Vielmehr wollen wir uns dem Kanon-Status widmen. Hierbei gilt es zu beachten: In den frühen Siebzigern (genauer 1973, dem Jahr der Erstausstrahlung von “TAS”) war das mit dem Kanon noch nicht so klar definiert, wie das heute der Fall ist. Das kam erst etwas später. 1988, um genau zu sein, als “TNG” langsam abhob, zog man mit der altbekannten Kanon-Definition nach: Nur das, was man auf dem Bildschirm zu sehen bekommt, zählt auch offiziell zum Kanon. Einfach und simpel. Damit waren die Romane schon einmal raus.

Allerdings flimmerte auch “TAS” über die Bildschirme, weshalb hierfür eine eigene Definition her musste. Und die lautete jahrelang, dass “TAS” eben nicht zum offiziellen Kanon gehört. Mit zwei Ausnahmen jedenfalls. Auch das werden die meisten von euch schon wissen, aber man hat sich hier die Rosinen herausgepickt: Was Gut war, konnte man mitnehmen, was schlecht war eben nicht.

Und so wurde die zweite Folge “Das Zeitportal”/”Yesteryear” (TAS 1×02) kurzerhand für kanonisch erklärt. Wir erinnern uns: Spock reist mit Hilfe des “Wächters der Ewigkeit” zurück in die Vergangenheit, um sein jüngeres Ich zu schützen. Hier tauchen einige Aspekte auf, die später zum offiziellen Teil des “Star Trek”-Kanons erklärt wurden, wie etwa Spocks Heimatstadt Shi’Kahr oder der Sehlat.

In der Remastered-Edition von “TOS” hat man eine Aufnahme von Shi’Kahr sogar an die Stadt aus “TAS” angelehnt. Begründet wurde das damit, dass die Episode von Dorothy C. Fontana stammt, die seinerzeit auch bei “Star Trek” federführend mitgewirkt hatte. Außen vor gelassen wurde allerdings, dass auch noch weitere “TAS”-Autoren zuvor schon bei “TOS” aktiv gewesen waren. Ein Schelm, der an dieser Stelle an die Freundschaft zwischen Gene Roddenberry und D.C. Fontana denkt.

 

ShiKahr in “TA”S und “TOS”-Remastered (Quelle: CBS)

 

Aber hatte ich nicht zwei Episoden erwähnt ? Richtig, die zweite ist “Flucht aus einem anderen Universum”/”The Counter-Clock Incident” (TAS 2×06), die letzte Folge der 22-teiligen Zeichentrickserie. Diese hat es zwar nicht in Gänze in den Kanon geschafft, aber der darin vorkommende Robert April als offiziell erster Captain der USS Enterprise (NCC-1701) hingegen schon. Der Name basierte übrigens auf einem ersten Entwurf, den Roddenberry für “TOS” geschrieben hatte. April wurde quasi als eine Art Verbeugung vor dem Originalskript in diese Episode eingeführt.

 

“TAS” und der Kanon

An dieser Stelle muss man aber ganz klar sagen, dass es durchaus eine fragwürdige Vorgehensweise ist, sich hier nur die “guten Sachen” aus den Episoden herauszupicken. Sicherlich beinhaltete die Zeichentrickserie ein paar kritikwürdige Aspekte, wie etwa die Spezies der Kzinti, die ganz eindeutig aus den Romanen von Larry Niven stammen, der nämlich die entsprechende Folge “Das Geheimnis der Stasis-Box”/”The Slaver Weapon” (TAS 1×14) geschrieben hat. Ursprünglich war dies vermutlich als eine Art Crossover gedacht gewesen. Auch weitere Handlungselemente, wie etwa ein herumschwebender Ari Bem (“Gefährliche Prüfung”/”Bem”, TAS 2×02), sind durchaus kritisch zu sehen. Aber wenn man ehrlich ist: Solche seltsamen Dinge gab es ja zuvor auch schon in “TOS”, man denke nur an die beiden Lazarusse aus “Auf Messers Schneide”/”The Alternative Factor” (TOS 1×20). Wen hat’s wirklich gejuckt?

Die Kzinti, eines der Dinge, die an “TAS” weniger gut waren (Szenenfoto: TAS 1×14 “The Slaver Weapon”, CBS)

Und es ist ja ganz sicher nicht so, als ob alles an “TAS” schlecht gewesen wäre. Da gab es durchaus auch einige gute Episoden, etwa als sich Dr. McCoy mit den Folgen einer vermasselten Hilfsaktion auseinandersetzen musste (TAS 2×04 “Dr. McCoy unter Anklage”/”Albatross”). Natürlich war die Serie eher für ein jüngeres Publikum gedacht, weshalb man  sich auch nicht derart tiefgründig mit einer Thematik auseinandersetzen konnte, wie man es noch einige Jahre zuvor in der Real-Serie (“TOS”) getan hatte. Aber im Rahmen ihrer Möglichkeiten war die Zeichentrickserie durchaus akzeptabel und weitaus weniger übertrieben, wie es heutzutage diverse andere Zeichentrickserien sind.

Im Übrigen hatte “TAS” auch viele kleine Dinge zu bieten, die später Einzug in den Kanon erhalten sollten, was aber vermutlich heute kaum noch jemand weiß. Oder vielleicht doch, sofern man “Memory Alpha” durchstöbert hat. Exemplarisch seien an dieser Stelle ein paar dieser angesprochenen Aspekte genannt:

  • Holodecks: Bereits in “Wüste Scherze”/”The Practical Joker” (TAS 2×03) gibt es einen VR-Raum, den die Crew aufsucht. Hier wird eine virtuelle Umgebung erzeugt. Damit stellt der sog. “Recreation Room” (oder kurz “rec room”) einen Vorläufer des Holodecks dar und zeigt, dass holografische Technik in den Grundzügen auch damals schon vorhanden war (Hallo, “Discovery”… 😉 )
  • Shi’Kahr: Die Stadt Shi’Kahr wurde an anderer Stelle bereits erwähnt, aber auch die “Schmiede” (“The Forge”) wird hier erstmalig erwähnt und fand später den Weg zu “Enterprise” und “Discovery” (als “Glühofen”).
  • Amanda Grayson: Auch der Nachname (Grayson) von Spocks Mutter Amandas fand erst über die Zeichentrickserie den Weg in den Kanon.
  • Tiberius: Kaum zu glauben, aber Kirks vollständiger Name “James Tiberius Kirk” wurde tatsächlich erstmals in “TAS” erwähnt (in der oben angesprochenen Folge “Gefährliche Prüfung”, TAS, 2×02).

 

Change of Heart: “TAS” und die künftigen Serien

Jahrelang sollte “TAS” also im “Kanon-Limbo” vor sich hin driften, bis 2006 schließlich die DVDs erschienen. Hierfür wurde auf startrek.com eine Umfrage gestartet, ob man “TAS” offiziell in den Kanon aufnehmen sollte oder nicht. Eine knappe Mehrheit der Fans stimmte damals mit “Ja” ab. So richtig getraut, auch den letzten Schritt zu machen, hat man sich dann aber am Ende doch nicht. 2010 wurde die Kanon-Definition auf obiger Website zwar etwas aufgeweicht, bis man “TAS” allerdings im Kanon finden konnte, sollte jedoch noch einige Zeit vergehen. Übrigens war die Definition des Kanons dort, neben der bekannten Definition von “alles auf dem Schirm”, dass sich der Kanon von “Star Trek” in einem ständigen Fluss befindet – und dass sich die Dinge demnach auch stets ändern können.

Oder anders ausgedrückt: Es ist durchaus eine Option, dass ausnahmsweise auch mal ein Buch oder Comic den Weg in den Kanon finden könnte (und dann irgendwann wieder verschwindet – der “Countdown”-Comic ist hier ein gutes Beispiel).

Star Trek – Countdown, spätestens seit “Star Trek – Picard” nicht mehr Kanon (CrossCult)

Aber alle Fans der Zeichentrickserie dürfen sich freuen, denn inzwischen ist es geschafft und auch “TAS” ist nun offiziell im Kanon verankert. Auf startrek.com findet sich in der offiziellen Kanon-Datenbank inzwischen auch die Zeichentrickserie, inklusive aller Infos aus ihr – sogar die Kzinti!

Es wäre ja auch reichlich komisch gewesen, die alte Zeichentrickserie nicht kanonisch zu machen, während die neuen Animationsserien (“Lower Decks” etc.), die voraussichtlich 2020 oder 2021 starten werden, dazu gehören sollen.

 

Die Krux an der Sache: Ein persönlicher Trick-Blick

Einen kleinen Haken gibt es dann aber doch. Persönlich habe ich nämlich so meine Probleme mit dem Kanon der neuen Serien. Nicht, weil sie vielleicht nicht gut sind (da die Folgen noch nicht ausgestrahlt wurden, kann das zum jetzigen Zeitpunkt noch niemand sagen). Mein Problem liegt eher darin, dass neue Animationsserien dazu neigen, alles sehr übertrieben darzustellen.

Als Beispiel bemühe ich hier den großen Bruder “Star Wars”, der ja in den letzten Jahren mit Animationsserien nur so um sich geworfen hat. Da bekommt man dann Szenen zu sehen, wie unsere Helden in Sturmtruppenrüstungen Ninja-Moves machen. Hat schon einmal jemand in einer dieser Rüstungen sowas gemacht? Oder eine weitere Szene aus “Forces of Destiny”, in der Leia auf Hoth zwischen den Beinen eines Wampa durchschlittert. Das wäre so, als würde man unter einem Yeti durchschlittern. Das Schlimmste aber ist: Das alles ist Kanon!

Mal probiert, zwischen den Beinen dieses Dings durchzurutschen? Der Wampa-Slide ist seit den Star Wars-Zeichentrickserien Kanon (Bild: Disney/Lucasfilm).

Die Verrenkungen in Sturmtruppenrüstung, Anakins Machtsprünge, die teils übertrieben sind, oder eben der Wampa-Slide: Das alles ist jetzt offiziell passiert! Und damit hab ich so meine Probleme. Denn man muss sich das alles nur mal in einem Realfilm vorstellen. Carrie Fisher unter einem Wampa durch? Luke in Stormtrooper-Rüstung mit Ninja-Kämpfen in “Episode IV”? Ich glaube nicht!

Wenn also in “Star Trek – Lower Decks” die orionische Offizierin über eine Wand laufen und springen würde, um hinter einen Feind zu gelangen, dann wäre das Kanon? Dann könnten Orioner das künftig unter ihren Volksfähigkeiten aufgelistet haben?

Nun, ich hoffe natürlich nicht, dass das passiert. In der heutigen “Star Trek”-Welt ist aber (leider) alles möglich. Bis dahin bleibt wohl nur, sich überraschen zu lassen und zu hoffen, dass man es bei den “Star Trek”-Zeichentrickserien nicht derart übertreibt, wie es teilweise in heutigen Trickserien üblich ist.

Pray for Canon: Zeit, das diese außergewöhnliche Buchreihe in den Kanon aufgenommen wird. Alles was auf dem Schirm ist… ihr versteht?


5 Kommentare

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Kira · 19. Januar 2020 um 21:05

Für mich war TAS schon immer Kanon, spätestens seit der vollständigen VÖ auf Blu-ray. Wenn man sich auf Zeichentrick einlassen kann, bekommt man eine echt gute Serie präsentiert, die TOS würdig fortführt. Bei den neuen Serie bin ich aber auch eher skeptisch, lasse mich aber gern positiv überraschen.

Wieso ist der Comic Countdown nicht mehr Kanon?

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    Thomas Götz · 20. Januar 2020 um 7:09

    Hallo Kira,

    geht man strikt nach der Kanon-Definition von CBS waren Bücher und Comics ja noch nie Kanon ;).
    Was den Countdown-Comic angeht: warte einfach auf unseren Artikel “Die Literatur von Picard”, der in den nächsten Tagen erscheinen wird :). Hier sehen wir uns die Widersprüche an.

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      Kira · 20. Januar 2020 um 15:05

      Soweit ich das mitbekommen habe, sind alle Comics in der Kelvin-Timeline Kanon. Das merkt man besonders bei Into Darkness, da sie sich dort öfter auf die Comics beziehen, z.B. mit dem Shuttle vom Mudd-Zwischenfall (wird sogar erwähnt) oder die Streitereien zwischen Spock und Uhura, die weit vor dem Film ihren Anfang nehmen. Daher wundert es mich, daß jetzt schon wieder alles anders sein soll.
      Selbst sämtliche Bücher, die NACH den Serien spielen, sollen Kanon sein. Stimmt das etwa nicht?
      Ich bin gespannt auf den Artikel…

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mrspock · 20. Januar 2020 um 15:27

Wenn alles was auf dem Bildschirm zu sehen ist Kanon ist, dann müssten auch die Star Trek Computerspiele Kanon sein. Diese sind aber auch nie in Widersprüche zu bestehenden Kino/TV Produktionen gewesen und für mich daher auf jeden Fall Kanon. Was den Picard-Comic “Countdown” und so betrifft: Ich werde diese Comics nun weggeben da sie eh durch ihre Nichtdazugehörigkeit endgültig entwertet sind. Interessant ist ja auch die Sichtweise dass der Kanon im Fluss ist. Für mich sind Filmreihen in denen die Schauspieler gewechselt werden auch nicht mehr Kanon. Ich bin deshalb auch allenfalls vielleicht noch etwas an Star Trek Picard interessiert (nicht mehr aber an Short Treks, Pike-Filmen oder Discovery…die gehören für mich nicht mehr dazu)

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    Thomas Götz · 20. Januar 2020 um 21:23

    Spock/Kira:

    Ja, das hat es mal geheißen, das die Kanon sind, wie es das jetzt bei dem Picard-Countdown auch wieder ist. Das hat die Serienmacher aber noch nie daran gehindert, Bücher und alles weitere zu ignorieren, wenn es ihnen genehm war (das ist Star Trek und nicht Star Wars, da ist es etwas anders ;)).

    Leider muss man da sagen, das es wohl durchaus auch eine Verkaufsmasche ist. Aber das ist eben auch der erwähnte Fluss: wenns passt (oder verkauft werden soll) machen wir es einfach so ;).

    Im Grunde ist es wohl so, wie es schon seit 50 Jahren ist: jeder macht sich seinen persönlichen Kanon. Für die einen gehören die Bücher dazu, für die anderen nicht :).

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