“The End is the Beginning” komplettiert den dreiteiligen Prolog von “Star Trek: Picard”. Wie schon in der vergangenen Woche dominieren auch in dieser Episode die Dialoge, um auf diese Weise das Character Development voranzutreiben. Aber auch die verschiedenen Handlungsstränge gewinnen allmählich an Kontur. Lest hier unsere ausführliche Zweitrezension.

Vorsicht, Spoiler und Spekulation!

 

S E A S O N   1

 

Der Machtlose

“The End is the Beginning” startet nach dem obligatorischen Rückblick auf Episode 1 und 2 abermals mit einer Rückschau ins Jahr 2385, also 14 Jahre vor dem Einsetzen der Haupthandlung. Wir sehen noch einmal den Angriff der Synths auf dem Mars, ehe die Szenerie wechselt und das Starfleet Headquarters in San Francisco zu sehen ist. Admiral Jean-Luc Picard (Sir Patrick Stewart) kommt gerade von einem Meeting der Admiralität und seine Stimmung ist mehr als betrübt. Erwartungsfroh empfängt ihn ein junger Lieutenant Commander: Es ist Raffi Musiker (Michelle Hurd).

 

“I said that either they accept the revised evacuation plan or my resignation. (…) They accepted my resignation.“

– Admiral Picard, 2385

“Hell with them. We’ll figure it out. We’ll find a way.“

– Lt. Cmdr. Raffi Musiker, 2385

 

Patrick Stewart digital verjüngt (Bild: CBS).

Picard berichtet Musiker, dass das Sternenflottenkommando seinen Alternativplan zur Evakuierung einiger romulanischer Welten ziemlich nüchtern abgelehnt hat. Der neue Plan war nötig geworden, da die Synths die ursprünglich angedachte Rettungsflotte vollständig vernichtet hatten. Picard und Raffi, laut “Countdown to Picard”-Comics Picards XO auf dem Admiralsschiff U.S.S. Varity, hatten daraufhin ein Konzept ausgearbeitet, das die Reaktivierung eingemotteter Schiffe und die Bemannung dieser mit Synths des Typs A500 vorsah. Doch die Sternenflotte blieb bei ihrer ablehnenden Haltung.

Als ein erboster Picard das nicht akzeptieren wollte, setzte er den anderen Admirals den Phaser auf die Brust: Entweder der Plan wird angenommen oder er gibt sein Offizierspatent zurück. Doch in seinem Übereifer hatte Picard niemals die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass die Sternenflotte ihn mittlerweile für entbehrlich halten könnte.

Und so endet an jenem Tag Picards ruhmreiche Karriere bei der Sternenflotte nach stolzen 63 Jahren mit einer bitteren Abfuhr für den ehemaligen Captain der Enterprise. Und auch seine treue Unterstützerin Raffi Musiker scheint an diesem Tag mindestens einen Karriere-Knick erlitten zu haben.

 

Nobody is thinking. Nobody is listenting. They’re just reacting. (…) Half of them never wanted to rescue the Romulans in the first place. And the rest are … are just frightened. I never dreamed that Starfleet would give in to intolerance and fear.

– Admiral Picard, 2385

 

Die dritte Episode startet hier mit einer wirklich schönen Szene. Die neu gestalteten Sternenflottenuniformen mit dem altbekannten “Generations”/”Deep Space Nine”/”Voyager”-Kommunikator lassen sofort nostalgische Gefühle aufkommen. Allerdings finde ich die Design-Entwicklung etwas unlogisch. Ich hätte an Stelle der Produzenten die Versionen von 2385 und 2399 getauscht. Patrick Stewart ist für diese Szene scheinbar digital verjüngt worden und tatsächlich sieht er dem Picard aus “Nemesis” wirklich noch etwas ähnlich. Zwischen dem gezeigten Ereignis und dem letzten “TNG”-Film sollen sechs Jahre liegen.

Dennoch gibt es an dieser Szene auch einiges zu bemängeln. Mein erster Kritikpunkt bezieht sich auf die Tatsache, dass man dem Zuschauer hier den Disput zwischen Picard und der übrigen Admiralität nicht zeigt, sondern – wieder einmal – nur davon erzählt. Das ist eine große Enttäuschung, denn eine solche Gesprächskonstellation wäre eigentlich prädestiniert für Picard gewesen – und für Patrick Stewart. Stattdessen bekommt der Zuschauer leider nur einen müden, macht- und kraftlosen Picard zu sehen und eben nicht den rhetorischen Tiger, den wir aus der Serie und den Kinofilmen kennen. Zudem stellt sich die Frage, ob Picard damals wirklich der einzige Admiral gewesen ist, der für eine neue Rettungsmission war. Was ist mit Admiral Janeway? Und außerdem zeigt sich auch hier das alte Problem: Wer macht in der Föderation eigentlich die Politik? Anscheinend die Sternenflotte, obwohl das eigentlich die Aufgabe von Föderationsrat und Föderationspräsident wäre.

Schade, an dieser Stelle hat man definitiv eine Chance auf eine großartige Szene in guter, alter “The Next Generation”-Tradition verpasst. Daher bleibt alles wie gehabt: Wir bekommen in “Star Trek” primär politischen Output, aber leider keine politischen Entscheidungsfindungsprozesse zu sehen.

Etwas irritiert hat mich auch die enorme Vertrautheit zwischen Picard und Raffi. Picard ist Vier-Sterne-Admiral und sie ist “nur” ein Lt. Commander, nennt ihn aber beim Vornamen “JL”. Selbst nach einer gemeinsamen Dienstzeit von 15 Jahren pflegten beispielsweise Picard und Riker auch noch in “Nemesis” einen im Vergleich dazu viel förmlicheren Umgang. Den Händedruck zum Abschied nach dem letzten gemeinsamen Abenteuer fand ich stets unpassend, da viel zu emotionslos. Raffi kann Picard zu diesem Zeitpunkt höchstens vier bis sechs Jahre kennen, aber sie nimmt sich heraus, ihn “JL” zu nennen? Ich weiß nicht…

Zudem ist mir in dieser Szene auch nicht ganz klar geworden, was letztendlich zum Zerwürfnis zwischen Raffi und Picard geführt hat. Sicher, Raffi fühlt sich von ihm allein gelassen, aber ihre “Kündigung” macht doch keinen Sinn – zumindest nicht in dem angedeuteten Kontext. So wie ich die bisherigen Aussagen von Picard und Raffi deute, muss es im Anschluss an diese Abfuhr von der Sternenflotte noch eine unautorisierte Rettungsmission gegeben haben. Hoffentlich erfahren wir dazu in der nächsten Episode noch etwas mehr. Ansonsten hilft wohl nur der Roman “Star Trek – Picard: Die letzte und einzige Hoffnung” von Una McCormack.

Wichtiges Detail des Gesprächs: Die Aggression der Synths wird auf einen “fatal code error” zurückgeführt, sodass die Sternenflotte in dieser Frage nicht weiter ermittelt. Raffi deutet hingegen eine Beteiligung des romulanischen Tal Shiar an. Vierzehn Jahre später will sie sogar Beweise für eine Konspiration innerhalb der Sternenflotte haben.

Während Admiral Clancys Argumentation hinsichtlich der fehlenden Kapazitäten in der letzten Folge noch nachvollziehbar erschien, stellt sich die Lage nun völlig anders da: Picard und Musiker bringen eine Ersatzflotte aus ehemals eingemotteten Schiffen ins Spiel. Dass die Sternenflotte diesen Plan ablehnt, macht misstrauisch. Ich hoffe, man wiederholt hier nicht einfach nur die Story von “Star Trek VI: Das unentdeckte Land”. Das wäre doch recht einfallslos.

 

Raffi Musiker (Michelle Hurd) und Picard (Sir Patrick Stewart) im Jahr 2385 (Bild: CBS).

 

Die Eremitin

Apropos Raffi Musiker: Michelle Hurds Charakter konnte mich bisher nicht wirklich überzeugen. Ebenso wie viele andere Charaktere in der neuen Serie (dazu gleich mehr) ist mir auch diese Figur einfach viel zu stereotypisch angelegt. “Kaputte” Charaktere sind in Filmen und Serien schon seit einiger Zeit voll im Trend, gibt es doch heute beispielsweise kaum noch einen “Tatort”-Ermittler, der nicht irgendwie ein massives privates Problem hätte. Das mag modernes Story Writing sein, ich bräuchte dieses Handlungselement aber nicht zwingend. Man kann Charaktere sicher auch auf andere Weise interessant anlegen, ohne dass diese zwangsläufig drogenabhängig, neurotisch oder auch depressiv sein müssen. Zumal insbesondere Raffis Vita für die irdischen Verhältnisse des ausgehenden 24. Jahrhunderts total unglaubwürdig erscheint. Die Erde dieser Zeit wurde in “Star Trek” fast ausnahmslos als paradiesischer Ort dargestellt, wo allgemeiner Wohlstand und grenzenlose Solidarität herrschen. Wie kann es dann sein, dass Raffi ein demütigendes Leben in Armut und Isolation beklagen muss? Wo ist der “Advanced Human” geblieben, wenn es die Gesellschaft des 24. Jahrhunderts nicht einmal schafft, einen (scheinbar) unehrenhaft entlassenen Offizier der Sternenflotte aufzufangen und von dessen Rauschmittelsucht zu befreien. Ich weiß nicht, aber Raffi ist mir dann doch einfach viel zu zeitgenössisch angelegt.

 

“My entire life for the past 14 years has been one long slide into humiliation … and rage.“

– Raffi Musiker, 2399

 

Hinzu kommt, dass ihre Wut auf Picard einerseits verständlich ist, ihr Turnaround dann aber viel zu schnell kommt. Sicherlich ist auch diese Figur wieder so angelegt, dass die Zuschauer darüber spekulieren sollen, ob eine desillusionierte Raffi sich mittlerweile vielleicht doch eher dem Eigennutz verpflichtet fühlt und weniger der guten Sache. Das birgt logischerweise enormes erzählerisches Potenzial.

Wenn ich aber ehrlich bin, dann gefällt mir Laris als Charakter besser. Wobei ich auch deren und Zhabans Wandlung von Tal Shiar-Killern zu Lunchpaket zusammenstellenden Haushältern etwas konstruiert finde. Leider konnte mich auch Michelle Hurds Schauspielerei (im Gegensatz zu jener von Orla Brady) nur bedingt begeistern. Es ist ihr zweifellos gelungen, die verschiedenen Wesensmerkmale von Raffi zu verdeutlichen: Sie ist klug; sie ist (offensichtlich) sehr loyal und hat das Herz am rechten Fleck; sie hat eine harte Schale, aber auch einen sehr weichen Kern. An einigen Stellen fand ich ihre Performance aber etwas überzogen, das sah fast schon nach Overacting à la William Shatner aus.

 

Raffi Musiker (Michelle Hurd) hat offensichtlich ein Drogenproblem (Bild: CBS).

 

Der Mysteriöse

Absolut begeistert bin ich hingegen von Hughs Rückkehr. Jonathan Del Arco ist es gelungen, dem einstigen Borg-Teenie eine mysteriöse Note hinzuzufügen, die definitiv Lust auf mehr macht. Dieser Hugh hat eine Aura, die mich irgendwie an den frühen Garak (“Deep Space Nine”) erinnert. Wir kennen zwar die grundlegende Hintergrundgeschichte des Charakters, wissen  aber nicht wirklich etwas darüber, was Hugh heute antreibt. Welcher Spezies gehört Hugh an? Was ist nach den Ereignissen in “Angriff der Borg” (“TNG” 6×26/7×01) mit ihm passiert? Wir reden hier immerhin von einer Zeitspanne von drei Jahrzehnten. Und wie ist er eigentlich in den Dienst der Romulaner gekommen? Ist er loyal oder verfolgt er als leitender Direktor der Einrichtung nicht vielleicht sogar eine ganz eigene Agenda?

 

“There’s no more despised people in the galaxy than the xBs. People either see us as property to be exploited or as a hazard to be warehoused. Our hosts, the Romulans, have a more expansive vision. They see us as both.“

– Hugh

 

Überhaupt stellt sich die Frage nach dem Schicksal des Borg Hive. Sind die angesprochenen “XBs” nur eine Minderheit oder ist das Kollektiv nach 2378 tatsächlich flächendeckend zerfallen? Scheinbar waren die Spekulationen im Fandom, die Borg könnten so etwas wie die neuen “Outlaws” der Galaxie geworden sein, zumindest partiell zutreffend. Dieser Handlungsstrang hat meines Erachtens großes Potenzial und Hugh wird hoffentlich nicht so schnell seines Mysteriums beraubt werden.

 

Hugh (Jonathan Del Arco) ist der Direktor des Wiedergewinnungsprojektes auf dem Borg-Kubus (Bild: CBS).

 

Der Weltraum-Einsiedler

Neben Musiker und Hugh wird auch ein dritter, neuer Charakter eingeführt: Cristóbal Rios. Im Gegensatz zu Michelle Hurd fand ich Santiago Cabreras Darstellung (bitte unbedingt auf Englisch ansehen!) sehr erfrischend. Vor allem das Spiel mit sich selbst, also den beiden holografischen Notfallprogrammen, hat mir sehr gut gefallen.

 

“I already had one grand heroic captain in my life. (…) Ten years on, I still can’t close my eyes at night without seeng the last one’s blood and brain splattered all over a bulkhead.“

Cristóbal Rios

 

Was den Charakter als solchen betrifft, bin ich noch unentschlossen. Eher weniger gefallen hat mir die abermals stereotype Konzeption der Figur (Pilot) als cooler Einzelgänger mit Hang zum Materialismus. Die Parallelen zu “Star Wars” oder auch anderen Science-Fiction-Produktionen sind hier einfach zu offensichtlich. Das zeugt leider nicht wirklich von Kreativität im Writers Room. Und auch an dieser Stelle hat man wieder auf einen weiteren “kaputten” Charakter zurückgegriffen. Sicher, das schärft den Kontrast zu Picards “braver” Crew aus “The Next Generation”; nur sollte man auch aufpassen, dass man ein Stilmittel nicht überreizt.

Gleichwohl finde ich Rios’ Background-Story ganz sicher nicht uninteressant. Was ist damals auf der U.S.S. ibn Majid passiert, dass er sich auch zehn Jahre später immer noch schuldig fühlt? Und warum war die Existenz dieses Schiffes geheim? Welche psychologischen Auswirkungen hat sein Eremitendasein auf seinen Umgang mit den neuen Kameraden?

Auch dieser Charakter hat zweifelsohne Potenzial, solange man nicht allzu sehr ins Klischee abrutscht. Diese Gefahr sehe ich allerdings als gegeben, was die völlig übertriebene Szene von Rios’ Einführung belegt. Wie kann man sich auf einem kleinen Frachtschiff eine solch massive Verletzung zuziehen? Wäre es hier nicht vielleicht auch eine Nummer kleiner gegangen?

 

Cristóbal Rios (Santiago Cabrera) hat eine bedrückende Vergangenheit (Bild: CBS).

 

Der Heimatlose

Eine sehr schöne Szene in “The End is the Beginning” zeigt Picards Abschied von seinem Weingut und von seinen treuen Gefährten Zhaban und Laris. Obwohl ich deren wundersame Wandlung von Tal Shiar-Agenten zum Hauspersonal – wie bereits erwähnt – für eher unglaubwürdig halte (man stelle sich vor, James Bond würde seinen Job beim MI5 an den Nagel hängen und stattdessen als Haushälter bei einem Rentner anfangen 😉 ), mag ich diese beiden Charaktere grundsätzlich doch sehr gerne.

Leider hat uns “Picard” das Schicksal von Picards Schwägerin Marie ebenso verschwiegen wie die Antwort auf die Frage, wie Picards Ankunft im Château nach Jahrzehnten der Abstinenz genau ausgesehen hat. Das hätte ich sehr gerne gesehen.

 

“I tried my best to belong to this place. But I don’t think I ever truly felt at home here.“

“I suppose you always had one eye on the stars.“

– Picard und Laris

 

Die Szene zeigt aber sehr deutlich, dass Picard ein Kind des Weltraums ist, dessen Heimat trotz allen Bemühens nicht mehr die Erde, sondern ein Raumschiff ist. Und dass er sich seit seinem Abschied aus dem Weltraum heimatlos fühlt. Die Reminiszenz an die zweite Episode der vierten “TNG”-Staffel “Familienbegegnung” (Sternschnuppe!) ist dann auch noch das i-Tüpfelchen auf dieser sehr bewegenden Szene. Ein großes Lob gebührt hier auch Komponist Jeff Russo, der an dieser Stelle erneut bewiesen hat, dass er ein beeindruckendes Gespür für solche Szenen besitzt.

 

Picard zieht es wieder zu den Sternen (Bild: CBS).

 

Die Schicksalhafte

“The End is the Beginning” baut nicht nur neue Charaktere auf, sondern entwickelt auch bereits eingeführte Figuren weiter. So erfahren wir, dass Soji (Xeno-)Anthropologin ist und im Rahmen des Wiedergewinnungsprojektes auf dem deaktivierten Borg-Kubus die psychologischen Folgen der Ent-Borgifizierung studiert. Zu welcher Behörde sie gehört oder wie sie dort hingekommen ist, bleibt indes weiter unklar; ebenso wie die Identität ihrer angeblichen Mutter, die mehr Kontrolle über Soji zu haben scheint, als dieser bewusst ist. Und die Soji unverblümt belügt. Soji wird als sehr warmherzig, sozial und wissbegierig dargestellt und man hat an einigen Stellen wirklich den Eindruck, in ihr könnte eine “Essenz von Data” stecken.

 

“I remember you from tomorrow. (…) I know who you are. You are Seb-Cheneb. You are the Destroyer!“

– Ramdha

 

Im Verlauf der sich abwechselnden Szenen auf dem Kubus und auf Picards Weingut stellt sich heraus, dass Soji und Dash in den Augen einiger Romulaner, namentlich vor allem der Zhat Vash, existentielle Bedrohungen darstellen. Ramdha (Rebecca Wisocky), eine romulanische “xB”, befragt in diesem Zusammenhang ein mystisches Kartenorakel (Pixmit), das ihr nicht nur von Dahjs Tod berichtet, sondern auch Soji als verbliebene “Seb-Cheneb” identifiziert: Die junge Frau ist die “Zerstörerin”!

Auch dieser Story-Arc nimmt langsam Fahrt auf und schürt die Erwartungen. In fand die romulanische Kultur schon immer sehr interessant und war daher nie ein Freund davon, dass man Romulus in “Star Trek” (2009) zerstört hat. Auch nach über 50 Jahren “Star Trek” wissen wir eigentlich nicht wirklich viel über die Romulaner und ich hoffe, dass “Picard” diese Lücke in kreativer Weise angehen wird. Die “Seb-Cheneb-Prophezeiung” ist jedenfalls schon einmal ein sehr vielversprechender Ausgangspunkt hierfür.

 

Soji (Isa Briones) wird von den Romulanern gefürchtet (Bild: CBS).

 

Die Zwielichtigen

Wenig Neues bietet “The End is the Beginning” hingegen in Bezug auf die romulanischen Antagonisten. Diese stellen für mich bisher den absoluten Tiefpunkt der ersten drei Episoden dar, denn alle drei – sowohl Narek (Harry Treadaway) als auch “Narissa Rizzo” (Peyton List) und vor allem Commodore Oh (Tamlyn Tomita) – sind extrem klischeehaft und überzeichnet konzipiert. Ganz schlimm haben es die Autoren mit der Figur “Rizzo” getrieben, die natürlich in Catwoman-Manier mit ledernem Catsuit durch die Gegend laufen muss, um dort ihren verruchten Sexappeal zu versprühen. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Gab es das nicht erst kürzlich in einer anderen “Star Trek”-Serie?

Überhaupt hat der Dialog zwischen Narek und “Rizzo” wirklich extrem seltsam gewirkt. Ich habe mich etwas an die “Friends”-Episode “The One With the Inappropriate Sister” (5×10) erinnert gefühlt. Auch stilistisch (dunkler Raum, rotes Hintergrundlicht) hat man hier wirklich kaum ein gängiges Villain-Klischee ausgelassen. 

 

“Doctor Jurati? “(…) I’d like to talk about your two recent visits with Admiral Picard.”

– Commodore Oh zu Dr. Jurati

“You have to take me with you.“

– Dr. Jurati zu Picard

 

Commodore Oh trägt Sonnenbrille (Bild: CBS).

Wirklich peinlich wird es dann bei Commodore Ohs Kurzauftritt in Okinawa. Eine Sonnenbrille? Ernsthaft?! Die Vulkanier kommen von einem extrem heißen und sonnigen Planeten und trotzdem läuft da niemand mit Sonnenbrille durch die Gegend – was wohl auch daran liegen dürfte, dass Vulkanier ein inneres Augenlid besitzen. Und selbst wenn Oh in Wirklichkeit Romulanerin sein sollte, müsste sie dann nicht ebenfalls über ein solches anatomisches Merkmal verfügen?

Leider wirkt Commodore Oh hier – wie schon in “Maps and Legends” – extrem stereotypisch – so wie man sich einen Nullachtfünfzehn-Geheimagenten eben vorstellt. Mich würde es daher nicht wundern, wenn sich Oh am Ende als Doppelagentin herausstellen sollte. Ihre so offensichtlich zur Schau gestellte Schurken-Attitüde macht mich irgendwie argwöhnisch.

Auf eine bestimmte Fährte versucht man uns wohl auch in Bezug auf Dr. Jurati zu locken. Auch hier ist das Drehbuch leider wenig subtil. Dass man uns Juratis Gespräch mit Oh nicht zeigt, weckt bereits den ersten Verdacht. Dass sie dann auch noch genau im richtigen Moment auf dem Château eintrifft, verstärkt den Verdacht weiter. Dass Musiker später auch noch ganz explizit erwähnt, dass Jurati nicht einmal einen Sicherheitscheck durchlaufen musste, ist dann schon etwas zu auffällig. Entweder Jurati ist wirklich eine Art “Schläferin” – womöglich sogar selbst ein Androide – oder sie ist tatsächlich so harmlos, wie sie wirkt.

Auch hier wiederholt sich leider ein Story-Arc, den wir nur zu gut aus “Discovery” kennen. Ehrlich gesagt, finde ich das schon sehr enttäuschend. Etwas mehr Abenteuer und etwas weniger Mystery-Thriller-Gedöns dürfte es dann doch schon sein.

 

Narek und “Rizzo” planen irgendetwas mit Soji (Bild: CBS).

 

Das unentdeckte Land

An dieser Stelle möchte ich etwas spekulieren: Wie könnte es in den kommenden Episoden weitergehen? Wer ohne jedwedes Gedankenspiel in die weiteren Folgen gehen möchte, sollte dieses Kapitel demnach besser überspringen.

Musiker hat Maddox auf “Freecloud” lokalisiert und nun will sich Picard mit seiner neuen Crew dort hinbegeben. Unterwegs scheint er aber noch woanders Halt zu machen, darauf deutet jedenfalls der Trailer zu Episode 4 hin.

 

Picard 1×04: “Absolute Candor”

Auf dem Planeten Vashti existiert eine Kolonie von Romulanern, die sich nach der Zerstörung von Romulus dort eine neue Heimat aufgebaut haben. Scheinbar gibt es dort auch einen religiösen Orden. Picard wird dort auf Elnor treffen.

 

“Bruce Maddox is on Freecloud.“

– Raffi Musiker zu Picard

 

“Freecloud” (übersetzt: “freie Wolke”) ist in “Star Trek” noch ein unbeschriebenes Blatt. Meine erste Assoziation war die “Wolkenstadt” auf Merak II aus “The Cloud Minders” (“TOS” 3×19). Meine zweite Assoziation war eine Art “Server-Planet”, ein galaktisches Kommunikationszentrum. Von dort aus könnte Maddox (oder ein anderer Akteur) womöglich die Synths gesteuert haben.

 

Die La Sirena macht sich auf den Weg nach Freecloud (Bild: CBS).

 

Fazit

Viel mehr als eine 3+ kann ich der dritten Episode von “Star Trek: Picard” leider nicht attestieren. Grundsätzlich bin ich ein Freund von dialoglastigen “Star Trek”-Episoden, dies sollte aber kein Selbstzweck sein. Bei einer Staffel von lediglich zehn Episoden hat mir der dreiteilige Prolog einfach viel zu lange gedauert. Die Handlung nimmt nur sehr langsam Fahrt auf, viele Dialoge wirken unnötig in die Länge gezogen und wiederholen sich teilweise auch inhaltlich. Einige Story-Arcs, wie etwa der Hugh-Borg-Handlungsbogen oder auch die Geschichte um Dahj, Soji und Maddox, haben mich absolut abgeholt. Hier habe ich wirklich Lust auf mehr. Auf andere Subplots, wie etwa die Konspiration um Commodore Oh, Narek und Rizzo, hätte ich jedoch sehr gut verzichten können. Das wirkt alles doch recht klischeehaft und abgedroschen.

Auch die in “The End is the Beginning” neu eingeführten Charaktere überzeugen bei weitem nicht in Gänze. Während der “neue” Hugh in meinen Augen enormes Potenzial besitzt, entsprechen mir Raffi Musiker und Cristóbal Rios viel zu sehr altbekannten und teilweise auch überstrapazierten Charakter-Archetypen: Musiker als die stereotype Inkarnation einer “kaputten” Existenz unserer Zeit – isoliert, wütend, drogenabhängig. Rios als der lässig-cool wirkende Draufgänger-Pilot, der seine verletzte Seele hinter klischeehaften Männer-Attitüden (“harter Hund”, Whisky-Trinker, Zigarrenraucher) unserer Zeit zu verbergen versucht.

Diese Charaktere passen vielleicht zu einer in unserer Zeit angesiedelten Drama-Serie; für die Menschheit des ausgehenden 24. Jahrhunderts im “Star Trek”-Universums wirken diese Figuren-Konzeptionen jedoch höchst anachronistisch. Zudem fehlt mir bei all den Menschen, Romulanern und Androiden auch etwas die Vielfalt in Picards neuer Crew. Mir ist bewusst, dass man hier ganz bewusst einen Kontrast zu “TNG” herstellen wollte, aber etwas weniger Klischee und Serien-Mainstream hätte ich mir dann doch gewünscht.

Eine herbe Enttäuschung stellen für mich die Antagonisten dar – zumindest nach drei Episoden. Commodore Oh und Rizzo hätte man kaum klischeehafter schreiben und darstellen können, Narek umgibt zumindest noch eine in Ansätzen geheimnisvolle Aura. Allerdings ist auch dieser Charakter mit Stereotypen versehen, die erst kürzlich in “Discovery” Verwendung gefunden haben. Ein neuer Gul Dukat ist in “Picard” bisher leider ebenso wenig in Sicht wie eine neue Kai Winn.

Als Abschluss eines dreiteiligen Prologs ist “The End is the Beginning” sicherlich funktional und hat darüber hinaus auch einen gewissen Unterhaltungswert. Eine nennenswerte Steigerung zu “Maps and Legends” kann ich allerdings nicht erkennen. Zu schleppend, zu träge schreitet die Handlung voran; und zu klischeehaft, kraftlos und uninspiriert wirken viele der Charaktere auf mich – inklusive Picard.

In Episode 4 sollte jetzt wirklich das Tempo verschärft, die Handlung vertieft und die Charaktere herausgefordert werden. Bisher war nur Impulsantrieb, nun wird es Zeit für Warp-Geschwindigkeit. Engage!

 

Bewertung

Handlung der Einzelepisode 3 out of 6 stars (3 / 6)
Stringenz des staffelübergreifenden Plots 5 out of 6 stars (5 / 6)
Stringenz des bekannten Kanons 4 out of 6 stars (4 / 6)
Charakterentwicklung 5 out of 6 stars (5 / 6)
Spannung 3 out of 6 stars (3 / 6)
Action & Effekte 3 out of 6 stars (3 / 6)
Humor 2 out of 6 stars (2 / 6)
Intellektueller Anspruch 3 out of 6 stars (3 / 6)
Gesamt 3.5 out of 6 stars (3,5 / 6)

 

Episoden-Infos

Episoden-Nummer 3 (Staffel 1, Episode 3)
Originaltitel The End is the Beginning
Deutscher Titel Das Ende ist der Anfang
Erstausstrahlung USA Donnerstag, 06. Februar 2020
Erstausstrahlung Deutschland Freitag, 07. Februar 2020
Drehbuch James Duff & Michael Chabon
Regie Hanelle M. Culpepper
Laufzeit 43 Minuten

 

 

 

 


2 Kommentare

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Breen · 11. Februar 2020 um 0:09

“Die dritte Episode startet hier mit einer wirklich schönen Szene. Die neu gestalteten Sternenflottenuniformen mit dem altbekannten “Generations”/”Deep Space Nine”/”Voyager”-Kommunikator lassen sofort nostalgische Gefühle aufkommen. ”

Ich gucke ST nicht wegen Nostalgie, sondern, weil ich dieses Franchise für qualitativ hochwertige Scince-Fiction halte – oder besser gesagt, bisher gehalten habe.

Frage an den Autor dieser Rezension: Wie alt bist du? Was war dein erstes Star-Trek-Erlebnis? Weil ich kann nicht verstehen, wie ein echter, langjähriger Fan mehr als einen Stern vergeben kann, ist STP doch ein Schlag in das Gesicht all jener Menschen – auch von Nicht-Fans – die ein Minimum an Qualitätsansprüchen haben.

    Avatar

    Matthias Suzan · 11. Februar 2020 um 10:07

    Hallo Breen,

    zunächst einmal vielen Dank für das Feedback.
    Zu deinen Fragen: Ich bin 35 Jahre alt und mein erstes Star Trek-Erlebnis war 1994 die TNG-Episode „Die alte Enterprise“.

    Da wir viele Kommentare zu unseren Rezensionen bekommen, möchte ich erst einmal zwei Dinge klarstellen:
    1. Rezensionen sind immer subjektiv, da es keine wissenschaftlichen Aufsätze oder Studien sind, sondern eben Meinungsbeiträge. Zudem ist Objektivität ohnehin ein Ideal. Ich erhebe daher auch keinen Anspruch auf Objektivität.
    2. Wir versuchen unsere Rezensionen allerdings so transparent wie möglich zu gestalten. Dafür haben wir – neben dem eigentlichen Text – einen tabellarischen Kriterienkatalog hinsichtlich der Bewertung von Einzelaspekten entworfen, den du am Ende jeder Episoden-Rezension zu “Picard“ einsehen kannst. Außerdem versuchen wir auch immer möglichst positive wie auch negative Aspekte einer Episode zu benennen. Manchmal überwiegen die positiven, manchmal die negativen Aspekte. Und manchmal gleichen sich beide auch aus.

    Und jetzt zu deinem Kommentar: Also den latenten Vorwurf, ich würde kein Minimum an Qualitätsansprüchen an “Picard“ stellen, kann ich so nicht stehen lassen. Ich denke, wer meine Rezensionen aufmerksam liest (und sich nicht nur Einzelsätze herauspickt), wird feststellen, dass ich sehr wohl hohe Ansprüche an die neuen “Star Trek”-Serien stelle, die auch weit über den Nostalgie-Faktor hinausgehen (Nostalgie ist mir aber auch wichtig bei “Picard”). In dieser Rezension habe ich beispielsweise ganz sicher nicht mit Kritik an diversen Charakter-Konzeptionen gegeizt. Auch die zweite Episode hat von mir nur 3,5 von 6 Sternen bekommen.

    Dass dir “Picard” so überhaupt nicht gefällt, tut mir sehr leid für dich. Geschmäcker sind nun einmal verschieden, ebenso wie Bewertungskriterien. Ich werde “Picard” ganz sicher nicht nach Maßstäben bewerten, die denen der 90er-Jahre entsprechen. Serie werden heute eben anders gemacht als früher, weil sich auch die Sehgewohnheiten geändert haben. Das sollte man bei der Bewertung einfach berücksichtigen, denn jeder Text – und damit meine ich auch Narrationen in Serien oder Filmen – muss aus der Zeit heraus betrachtet und bewertet werden, aus der er stammt. Und “Picard” ist ein Produkt des Jahres 2020 und nicht der Jahre 1987-1994. Wenn es nach mir gegangen wäre, dann hätte man “Picard” – ähnlich wie “The Next Generation” – als Serie mit weitestgehend abgeschlossenen Einzelepisoden konzipiert. Und es wäre – wie früher – mehr um Abenteuer, moralische Fragen und gesellschaftskritische Aspekte gegangen und weniger um Konspirationen, Mysterien und dunkle Charaktere. Es geht aber nicht nach mir und das muss und kann ich auch akzeptieren. Die Serie ist vor allem auch das Produkt der Wünsche von Patrick Stewart bzw. dessen Bedingungen für eine Rückkehr als Jean-Luc Picard.

    Bei aller berechtigten Kritik an “Picard” finde ich die Unterstellung, die Serie hätte praktisch gar keine Qualität, schon überzogen. Ich finde nach 3 Episoden (!), dass die Serie ganz sicher nicht perfekt ist, aber eben auch keine Vollkatastrophe. Aber jeder darf seine eigene Sichtweise haben und diese auch kommunizieren. Mir (oder auch anderen Rezensenten) aber einen grundsätzlichen Mangel an jedweden Qualitätsansprüchen zu unterstellen, finde ich unfair. Ich denke, unsere bisherigen Rezensionen (neue wie alte) sowie unsere Podcasts beweisen das Gegenteil.

    Live long and prosper!

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