In unserer Zweitrezension zur vierten “Picard”-Folge sehen wir uns an, ob die Handlung endlich von der Stelle kommt oder man sich doch wieder in Wiederholungen verliert.
Achtung, Spoiler!

Eine Reihe von Zwischenstopps

Auch die vierte “Picard”-Folge beginnt wieder mit einem Rückblick, wobei man schön das Unwohlsein des Captains vor Kindern aufgreift. Klar ist auch das nur Mittel zum Zweck, denn dass Elnor später noch wichtig wird, wissen wir ja schon aus den Trailern.

Die Folge beginnt dann auch sogleich mit dem Flug nach Vashti, dem Ort, an dem die Romulaner jetzt leben – oder zumindest einige. Picard will noch zusätzlich einen Attentäter anheuern, immerhin geht es gegen den Tal Shiar. Okay, er hat eine Crew vorrangig aus Zivilisten, trotzdem wirkt es schon ein bisschen konstruiert, genau zu diesem Zeitpunkt dahin zu fliegen. Und wie gesagt, am Ende wird es Elnor sein. Wen wundert es? Wäre nicht Worf auch ein akzeptabler Krieger? Dass auch Picard sich hier 14 Jahre lang nicht mehr hat blicken lassen, trotz anderslautendem Versprechen, ist zwar stimmig mit der letzten Folge, so langsam sollte man aber mal mehr über die Hintergründe erfahren. Immer nur wieder die gleichen Wortfetzen vorgesetzt zu bekommen (Synths-Angriff, Flotte wollte nicht mehr und Picard dann auch nicht) hilft da halt nicht wirklich weiter. Ich denke, auch der letzte Zuschauer sollte es inzwischen kapiert haben, dass da etwas schief gelaufen ist.

Picard bei den Qowat Milat-Kriegernonnen (Bild: “Picard” 1×04, CBS/Amazon Prime).

Apropos Vashti: Endlich sehen wir in “Star Trek” mal einen planetaren Schild. “Star Wars” hatte den schon in den 80ern (Hoth), hier wird er anscheinend mit Satelliten aufrecht gehalten. Funktioniert für mich durchaus und wurde auch mal Zeit.

Die Nebenhandlung geht unter

Was in dieser Folge aber grandios scheitert, ist die Nebenhandlung auf dem Borg-Würfel. Nicht nur, dass Hugh nicht mehr anwesend ist, auch die Sache mit der Beziehung zwischen Narek und Soji geht diesmal so völlig in die Hose. Da schlittern sie einfach so durch einen Korridor, was zu einer Quasi-Liebesszene führt, die aber mal so gar nicht zündet und eigentlich total überflüssig ist. Hier wird wirklich mehr als deutlich, dass es zwischen den beiden einfach nicht stimmt, so unpassend war die Szene. Ich hatte die Liebesbeziehung in früheren Rezensionen ja noch akzeptiert, davon ausgehend die beiden kennen sich schon länger und es ist alles geplant. Hier driftet es aber wirklich zunehmend in die Nerv-Schiene ab. Und nein, ich glaube nicht, dass die Borg wirklich ein Ritual haben und Narek das nur so gesagt hat, weil sonst… sonst… denken wir besser nicht drüber nach.

Narek (Harry Treadaway) und Soji (Isa Briones) in “Absolute Candor” (Bild: “Picard” 1×04, CBS/Amazon Prime).

Hoffentlich wird die Zerstörerin nicht wirklich die Galaxis zerstören. Irgendwie kam mir da “Control” aus der zweiten “Discovery”-Staffel in den Sinn. Ich hoffe, hier findet man noch einen passenden Kniff. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Und dann ist da noch Nareks Schwester, die sich diesmal etwas verführerischer an ihren Bruder ranschmeißt. In der letzten Folge hatte das noch Potential, hier nervt es einfach nur. Ist sie nur dazu da, ständig ihren Bruder zu umgarnen und zu bedrohen und ihn daran zu erinnern, dass es die Synths auszuschalten gilt? Und was für eine Beziehung ist das eigentlich? Auch diese Szene war leider total unnütz, bietet nichts Neues und zeichnet die Bösewichter nach üblichem Klischee.

Zurück zu Picards Geliebter Vash, ähem Vashti

Nein, aufgrund der RL-Affäre von Hettrick und Stewart wird Vash wohl nicht auftauchen. Aber dafür gibt es auf Vashti ja noch einiges zu tun. Visuell sehen wir hier übrigens Romulaner in einer eher dörflichen Umgebung. Auf den ersten Blick mag das verwirrend sein. Da man aber bislang fast nur den militärischen Zweig selbiger gesehen hat, kaufe ich die Atmosphäre dort einfach mal ab.

Was wiederum schwerer abzukaufen ist, ist zum einen die Weigerung von Elnor. Dass er dann doch für Picard in die Bresche springt, ist nicht nur nach den Trailern klar. Auch der Beginn, in dem er den Captain quasi vergöttert, zeigt bereits, in welche Richtung es gehen wird. Und dann ist da noch die Sache mit der Bar.

Das diskriminierende “Nur Romulaner” ist schon eine Hausnummer für sich, nehm ich aber in dem Kontext auch noch ab. Dass Picard aber nicht damit rechnet, angepöbelt zu werden, ist dann doch schon leicht fahrlässig. Bereits zuvor hätte er ja merken müssen, wie feindselig man ihm teilweise begegnet und die La Sirena hat ja schon Bescheid gegeben, dass fiese Leute unterwegs sind, um ihn zu holen. Auch hier hat man sich das Drehbuch einfach wieder zurecht gebogen, wie man es braucht. Zugegeben, der Dialog mit Picard und dem Ex-Senator geht in Ordnung, was daran liegt, dass hier der integere Picard durchblitzt (“Ich verspreche…“). Aber auch das nutzt nur noch wenig.

Die Romulaner machen Picard für das Versagen der Föderation verantwortlich (Bild: “Picard” 1×04, CBS/Amazon Prime).

Elnor darf Picards Gegner dann sogar köpfen, was durchaus blutiger ist, als wir es von “Star Trek” gewohnt sind. Aber diese Richtung hat auch schon “Discovery” eingeschlagen. Eigentlich ist das Gefecht ja auch unfair, ein Jungspund gegen einen über 90-Jährigen… da kann schon aus realen Gesichtspunkten Picard gar nicht gewinnen. Immerhin wird Elnor (woher wussten die eigentlich, dass sie den auch mit hochbeamen müssen?) danach von Picard dafür abgekanzelt. Zumindest hier bleibt man dem Charakter treu.

Immerhin muss man bei den ganzen Szenen auf Vashti aber zugute halten, dass da durchaus einige schöne Szenen dabei sind. So etwa, wenn die Romulanerin mit Picard spricht und ihm klar zu machen versucht, dass das alles nicht seine Schuld ist bzw. er ja alles versucht hat.

Die Schlacht am Schluss

Am Ende gibt es dann nochmal was fürs Auge. Ein alter “TOS”-Bird-of-Prey der Romulaner und ein schöner Catfight, bei dem auch endlich mal planetare Verteidigung eine Rolle spielt, darf an der Stelle nicht fehlen. Die Inszenierung ist dabei recht gut gemacht, auch wenn vielleicht die Rios-Hologramme mit der Zeit etwas nerven. Andererseits muss man sagen, dass so ein Mann ein Schiff steuern kann – das war ja schon öfter Diskussionspunkt bei “Star Trek” (mit wie vielen Personen kann man ein Raumschiff steuern?). Für mich daher eine konsequente Weiterentwicklung.

Ein alter romulanischer Bird of Prey attackiert die La Sirena (“Picard” 1×04, CBS/Amazon Prime).

Auch die Enthüllung von Seven of Nine ist Nostalgie pur, auch wenn die anderen Charaktere der La Sirena diesmal etwas wenig Screentime haben. Bleibt zu hoffen, dass Seven of Nine nicht das Deus Ex Machina-Device ist, das Picard zum Borg-Kubus führt. Das wäre dann wieder arg konstruiert, auch wenn sie vermutlich wie der Warlord von dem Fahndungsaufruf für Picard auf ihn aufmerksam geworden ist. Übrigens wissen wir nun auch, wie Seven Picard im Weingut aufsuchen kann: Er hat sich auf dem Holodeck die Nachbildung erstellt. Auch das ist eine etwas fragwürdige Sache, vor allem, da die Bemerkung, es wurde 1:1 nach einem echten Scan des Gebäudes erzeugt, mir zu denken gibt. Warum muss man das extra erwähnen? Wird es in den nächsten Folgen noch einen Hinweis von Data geben, der sich in dieser „exakten Kopie“ finden lässt? Ich hoffe ja nicht, aber die Hoffnung… nun, das hatten wir schon.

Seven of Nine kehrt nach fast 19 Jahren auf den Bildschirm zurück (Bild: “Picard” 1×04, CBS/Amazon Prime).

Fazit

Insgesamt bleibt wieder routinemäßige Kurzweil nach dieser Episode zurück. Viel zu viele Info-Häppchen, die sich teils wiederholen und noch immer kein kohärentes Ganzes ergeben, verderben hier etwas den Brei. Routinier Jonathan Frakes kann man hier keinen Vorwurf machen, denn wenn das Drehbuch nicht mehr hergibt, ist halt nicht mehr drin. Ein paar schöne Dialoge kann er dennoch herauskitzeln, vor allem die Szenen auf dem Kubus enttäuschen aber auf ganzer Linie. Nächste Woche ist bereits die Hälfte der Staffel um und Picard hat sich bislang kaum von der Stelle bewegt. Hoffentlich bietet Folge 5 ein bisschen mehr außer Nostalgie und weiteren Wiederholungen bekannter Wissenshappen. Mehr als drei Sterne gibt’s für diese Folge aber trotzdem nicht. Und das nur gerade so aufgrund des Nostalgie-Faktors.

Bewertung

Handlung der Einzelepisode 3 out of 6 stars (3 / 6)
Stringenz des staffelübergreifenden Plots 3 out of 6 stars (3 / 6)
Stringenz des bekannten Kanons 3 out of 6 stars (3 / 6)
Charakterentwicklung 3 out of 6 stars (3 / 6)
Spannung 3 out of 6 stars (3 / 6)
Action & Effekte 4 out of 6 stars (4 / 6)
Humor 2 out of 6 stars (2 / 6)
Gesamt 3 out of 6 stars (3 / 6)

Episoden-Infos

Episoden-Nummer 4 (Staffel 1, Episode 4)
Originaltitel Absolute Candor
Deutscher Titel Unbedingte Offenheit
Erstausstrahlung USA Donnerstag, 13. Februar 2020
Erstausstrahlung Deutschland Freitag, 14. Februar 2020
Drehbuch Michael Chabon
Regie Jonathan Frakes
Laufzeit 45 Minuten

 


4 Kommentare

MiBa · 16. Februar 2020 um 21:00

Was mich bei allen Rezensionen im Netz so irritiert, ist die Tatsache, dass sich alle über dieses vermeintliche Borgritual aufregen. Für mich war beim Schauen der Folge eigentlich klar, dass es sich dabei um eine Erfindung Nareks handelt, um einen Scherz, damit Soji mit ihm “romantisch” schliddern geht. Ich kann der Szene nicht viel abgewinnen, aber dass es sich dabei nicht wirklich um ein Borgritual handelt, wird doch eigentlich deutlich. Sowohl schauspielerisch als auch musikalisch ist die Szene als eine Art romantische Verführungsszene angelegt, die Nähe schaffen soll, um anschließend “den Samen des Zweifels” zu säen. Bisschen platt, aber erkennbar.

    Carol · 17. Februar 2020 um 11:56

    Sehe ich absolut wie MiBa. Es ist DERMASSEN OFFENSICHTLICH, dass das Borgritual völlig erfunden ist. Darüber konnte ich schmunzeln und mehr sollte das Ganze auch nicht sein.

    Dank der Episode wurde wenigstens der Legolas-Romulaner etwas entschärft. Plötzlich macht sogar sein Schwert sind.

    Dennoch reicht es langsam mit Rückblenden und Stillstand. Langsam darf es echt losgehen.

jkm · 18. Februar 2020 um 16:57

Kann mir jemand erklären, was dieses ständige Inzest-Getue zwischen dem Twilight-Romulaner und seiner Schwester soll? Ich glaube, ich bin im falschen Film bzw. der falschen Serie … lol

Arne · 20. Februar 2020 um 0:06

Dass Picard das Schild “Romulans Only” abgenommen hat und darauf rumgetrampelt ist, war Absicht um sich in Gefahr zu bringen, damit Elnor ihn rettet. Ohne Elnor könnte er sowieso gleich nach Hause fliegen, nun baut er Druck auf dass Elnor sich loyal zeigt.

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