In der sechsten Episode von “Star Trek: Picard“ verschlägt es Picard auf das Borg-Artefakt, wo er auf Hugh und Soji trifft. Trotz diverser Logiklöcher stellt “The Impossible Box“ die bisher stärkste Episode der Serie dar. Warum dies so ist, klärt unsere ausführliche Zweitrezension.

Vorsicht, die Episodenkritik enthält Spoiler!

S E A S O N   1

Die ersten fünf Episoden von “Picard“ waren bisweilen in etwas holpriger Weise erzählt worden, was der Splittung in zwei verschiedene Hauptplots geschuldet war. Auf der einen Seite begleiteten wir Picard auf seinem langen, beschwerlichen Weg, eine Crew zu rekrutieren und Maddox und Dahjs Zwilling aufzuspüren. Seit der Schlusssequenz der Pilotepisode verschlug es uns aber auch immer wieder auf einen deaktivierten Borg-Kubus, auf dem Romulaner und Verbündete ein sogenanntes Rückgewinnungsprojekt durchführten. Beide Handlungsstränge zogen sich teilweise wie Kaugummi, der Kubus-Plot sicher mehr als der Picard-Handlungsbogen. In “The Impossible Box“ hat diese Zweiteilung nun ein vorläufiges Ende gefunden, denn die Crew der La Sirena hat Soji auf dem Borg-Kubus aufgespürt und setzt nun zu deren Rettung an. Doch vorher muss sich Picard noch einmal seinem alten Borg-Trauma stellen.

Neue kreative Köpfe

Nach Hanelle Culpepper (Episoden 1-3) und Jonathan Frakes (Episoden 4 & 5) nahm für “The Impossible Box“ Maja Vrvilo im Regiestuhl Platz. Das Drehbuch stammt aus der Feder des 34-jährigen Nick Zayas, der in “Picard“ auch als Executive Story Editor fungiert, als “Star Trek“-Drehbuchautor aber sonst ein eher unbeschriebenes Blatt darstellt. Und um es vorwegzunehmen: Sein Drehbuch weist Licht und Schatten auf, gehört aber in meinen Augen zu den besseren der bisher sechs erschienenen Folgen. Zudem bildet seine Story gemeinsam mit der handwerklich einwandfreien Inszenierung von Vrvilo eine filmische Symbiose, die bei mir seit längerer Zeit mal wieder den Eindruck hinterlassen hat, eine gute Episode “Star Trek“ gesehen zu haben. Das dürfte auch der Tatsache geschuldet sein, dass man die inhaltlich sehr vollgepackte Episode dieses Mal nicht in ein 45-minütiges Korsett gezwängt hat, sondern noch einmal gut zehn Minuten obendrauf gelegt hat. Zudem ist das Storytelling in “The Impossible Box“ in weiten Teilen viel substanzieller und zielführender als noch in “Stardust City Rag“. Besonders imponiert hat mir jedoch der gelungene Mix aus emotionalen Charakter-Szenen, die Handlung voranbringenden Dialogen und wohl dosierten Action-Sequenzen – diverse Ausfallerscheinungen natürlich inbegriffen. Aber Perfektion gibt es bekanntermaßen nicht einmal bei den Borg.

In “The Impossible Box” nimmt “Picard” endlich Fahrt auf (Bild: CBS/Amazon Prime Video).

Aus den Augen, aus dem Sinn

Los geht es, wie gewohnt, mit einer Rückblende. Anschließend rekapitulieren Picard, Jurati und Elnor Maddox‘ Tod, um dann auf den Borg-Kubus sowie auf Picards Vergangenheit als “Locutus von Borg” zu sprechen zu kommen.

“The trauma Bruce sustained on Freecloud was…significant. (…) His heart just couldn’t take it.”

– Agnes Jurati

Leider krankt “Picard” ähnlich wie zuvor schon “Discovery“ an dem Schwachpunkt, dass dramatische Plot-Twists, die als Cliffhanger fungieren sollen, in der darauffolgenden Episode nur sehr unzureichend aufgearbeitet werden. In diesem Fall gibt sich Picard doch recht schnell mit Juratis medizinischer Erklärung für Maddox’ Herztod zufrieden, quasi nach dem Motto “Aus den Augen, aus dem Sinn“. Denn scheinbar hält es niemand an Bord für nötig, die MedScan-Aufzeichnungen zu überprüfen oder wenigsten das MHN zu befragen. Da Picard derzeit keinerlei Veranlassung hat, Juratis Aufrichtigkeit infrage zu stellen, ist es sicher nicht unplausibel, dass niemand die Daten nachträglich checkt, zumal auch kein weiterer Arzt an Bord ist, der über die entsprechende Expertise verfügt. Es wäre aber schön gewesen, wenn man eine kurze Szene zu sehen bekommen hätte, die zeigt, wie Jurati die Daten löscht oder das MHN manipuliert. So ist mal wieder unsere Fantasie gefragt.

Für all diejenigen, die das Buch zur Serie nicht gelesen haben, dürfte Juratis humanmedizinische Expertise sicher etwas unerwartet gekommen sein, schließlich ist sie uns in der Pilotepisode als Kybernetikerin vorgestellt worden. Hier sei angemerkt, dass Agnes Jurati laut Una McCormacks “Star Trek – Picard: Die letzte und einzige Hoffnung“ ursprünglich über einen Doktorgrad in Medizin verfügt (S. 92), anschließend jedoch eine zweite Promotion im Bereich der Robotik/Kybernetik am Daystrom-Institut beginnt.

Picard wird erneut mit seiner Borg-Vergangenheit konfrontiert (Bild: PIC 2×06 “The Impossible Box”, CBS/Amazon Prime Video).

Borg-Trauma im Schnelldurchlauf

Ein Kernthema der Episode ist zweifelsohne Picards Auseinandersetzung mit seiner schmerzhaften Borg-Vergangenheit. Diese beginnt gleich in den ersten Minuten und ist erst dann abgeschlossen, als er von Hugh die Erfolge des Rückgewinnungsprojekts vor Augen geführt bekommt.

Dieser Rerun, der visuell auch sehr schön mit Szenen aus “The Best of Both Worlds” (TNG 3×26/2×01), “I, Borg” (TNG 5×23) und “Star Trek. First Contact” umgesetzt worden ist, dürfte aber wohl eher für Rookies im “Star Trek“-Universum angedacht sein. Für Alt-Trekkies wirkt Picards Schnelldurchlauf vom verbitterten “xB”, der die Borg pauschal verteufelt und ihnen jedwede Wandlungsfähigkeit abspricht, zum verständnisvollen Borg-Rights-Aktivisten in spe leider nur bedingt kanonisch.

“Changed? The Borg? (…) They don’t change. They metastasize.”

“After all these years, you’re showing what the Borg are underneath. They’re victims…not monsters.”

– Picard

Schließlich liegt Picards Assimilierung im Jahr 2399 nun schon über 30 Jahre zurück. Und das ist nun wirklich eine sehr lange Zeit. Zudem hatten sich bereits in ”The Next Generation“ (“I, Borg“, spielt 2368) und “Star Trek: First Contact“ (spielt 2372) Ereignisse zugetragen, die Picards Verarbeitungsprozess nachhaltig beeinflusst haben. Kann sein, dass er sein Trauma nicht gänzlich überwinden konnte, aber seinen abgrundtiefen Hass und seine engstirnige, pauschalisierende Sicht auf die Borg hatte er sehr wohl hinter sich gelassen. Auch Picards Bemerkung, er hätte nicht gedacht, dass die Wiederherstellung der ehemaligen Borg-Drohnen so umfassend sein könne, wirkt deplatziert und sogar unfreiwillig komisch, da sowohl er selbst als auch Seven of Nine den Beweis hierfür längst erbracht haben.

Das bringt mich zu einem Punkt, der mich an den “neuen” Borg etwas stört. Die entborgifizierten Ex-Drohen werden in “Picard“ sehr bewusst als Space-Zombies dargestellt, wohl um in Zeiten von “The Walking Dead“ den Horror-Faktor der Serie zu erhöhen. Und um deren Status als Opfer zu betonen. Leider steht dieses Stilmittel im schärfsten Kontrast zu den alten Serien, denn Picard und Seven of Nine sind damals ohne vernarbtes Gesicht und abgetrennte Gliedmaßen davongekommen. Gleiches gilt auch für Captain Janeway und Tuvok, die in “Unimatrix Zero“ (VOY 6×26/7×01) ebenfalls zeitweise assimiliert worden waren. Lediglich die Episode “Unity“ (VOY 3×17) aus der dritten Staffel von “Voyager“ unterstützt die visuelle Umsetzung der Ex-Borg in “Picard“. Ansonsten muss ich meinem Kollegen Christopher Kurtz beipflichten. Was das Make-up der neuen Borg angeht, hat “Star Trek“ hier leider einen Schritt zurück getan. Für mich war das 1996 eingeführte Design der Borg ohnehin nahezu perfekt. Man hätte dieses eventuell mit dem ein oder anderen digital eingefügten Gimmick noch verbessern können.

Ehemalige Borg-Drohnen in “The Impossible Box” (Bild: CBS/Amazon Prime Video).

Locutus allein zu Haus

Picards Ankunft auf dem Kubus und die damit verbundenen Erinnerungen sind sehr schön in Szene gesetzt, zumal man hier auf altes Bildmaterial aus “The Next Generation“ und “Star Trek: First Contact“ zurückgegriffen hat. Gleichwohl wirkt die gesamte Szenerie leicht konstruiert (Gibt es auf dem Borg-Kubus keinen Transporterraum?). Sehr gelungen ist wiederum Picards Zusammentreffen mit Hugh (Jonathan Del Arco), das mich emotional voll abgeholt hat. Das i-Tüpfelchen auf dieser Wiedervereinigung wäre jedoch gewesen, wenn Hugh auch nach seinem Freund Geordi gefragt hätte.

“I don’t know what you’re doing here, but I’ll help you, any way I can.”

– Hugh zu Picard

Schade nur, dass man hier über Hughs Leben in den vergangenen 30 Jahren praktisch nichts erfährt. Er erwähnt nur beiläufig, dass er nun Föderationsbürger sei, mehr jedoch nicht. An dieser Stelle hätte ich mir definitiv mehr Character Building gewünscht. Wieder einmal eine verpasste Chance, einer vielversprechenden Figur mehr Tiefe zu verpassen. Man möge Hugh in den kommenden Episoden bitte vor zu viel Unheil bewahren und ihn vielleicht zur Crew der La Sirena stoßen lassen. Mein Gefühl aber sagt mir allerdings etwas anderes.

Jedenfalls gehören die gemeinsamen Picard-Hugh-Szenen für mich zu den Highlights der Episode. Hugh und Picard sind Leidensgenossen und wissen, welch schwerer Genesungsprozess nun vor den xBs liegt. Picards Sinneswandel, die Borg nun nicht mehr als Monster, sondern als Opfer zu sehen, passt sowohl zu Picard als auch zu “Star Trek”. Aber zu dieser Erkenntnis war Picard, wie ich bereits erwähnte, schon in “The Next Generation” und “Star Trek: First Contact” gekommen. Aber sei’s drum.

Hugh (Jonathan Del Arco) und Picard (Patrick Stewart) treffen sich nach drei Jahrzehnten wieder (Bild: PIC 2×06 “The Impossible Box”, CBS/Amazon Prime Video).

Sidekick & Drama-Queen

Ein Schwachpunkt der Episode ist leider erneut die Charakterentwicklung der La Sirena-Crew. Elnor bleibt mir als Figur weiterhin viel zu eindimensional. Zu mehr als einem Picard-Sidekick mit sich rasch abnutzenden Bonmots und obligatorischen Kampfszenen (“Please, my friends. Choose to live.“) wird es wohl auch in den restlichen Episoden nicht mehr reichen. Schade, dass man diesen jungen Schauspieler so verheizt. Elnor könnte am Ende sogar noch Harry Kim (“Voyager“) und Travis Mayweather (“Enterprise“) den Titel als langweiligster “Star Trek“-Hauptcharakter aller Zeiten streitig machen.

Andererseits erfüllt Elnor in “The Impossible Box” auch eine wichtige und sehr bemerkenswerte Funktion. Wir bekommen nämlich sehr eindrucksvoll vor Augen geführt, dass Picard seine einst unangefochtene Autorität verloren zu haben scheint. Seine Befehle sind jedenfalls nicht mehr Gesetz und werden nicht nur viel häufiger hinterfragt, sondern sogar offen ignoriert.

“Then I release you of the pledge.”

“I decline to be released.”

– Picard und Elnor

Und Patrick Stewart hat Picards Irritation über diesen Umstand wirklich sehr gut gespielt. Für den ehemaligen Captain ist das eine völlig neue Situation, die ihn zweifelsohne fordert. Da seine Autorität gelitten hat, muss Picard nun verstärkt auf sein pädagogisches Geschick vertrauen. Ich bin gespannt, ob er seine “wilde Truppe“ in den Griff bekommen wird. Die Friede, Freude, Eierkuchen-Zeiten auf der Enterprise sind jedenfalls ohne Wenn und Aber vorbei.

Konkurrenz um den Status der größten Drama-Queen in der Trek-Geschichte bekommt wiederum Michael Burnham in Gestalt von Raffi Musiker. Konnte mich die Mutter-Sohn-Szene im Krankenhaus letzte Woche noch abholen (wohl aber nur, weil ich den Roman kenne), muss ich sagen, dass Raffis Sauferei, Kifferei und Selbstmitleid schon jetzt anfängt gewaltig zu nerven. Mich hat schon das extrem überzogene (Pseudo-)Dramatische in “Discovery“ enorm gestört und Raffi ist wirklich drauf und dran, diesbezüglich in Burnhams unrühmliche Fußstapfen zu treten. Allein die Vorstellung, dass Raffis Gejammer sich jetzt noch bis zum Staffelfinale (oder sogar darüber hinaus?) hinziehen könnte, sorgt bei mir für schlechte Laune. Wir haben es jetzt verstanden: Raffi ist emotional und psychisch total kaputt! Die Platte hängt!

Und was macht man mit einer total benebelten Raffi? Genau, man lässt sie bei der Sternenflotte anrufen und um einen Gefallen bitten! What shall we do with the drunken Raffi? Put her at the com-station till she’s sober…! Die gesamte Szene war leider abstrus. Erst zieht Raffi noch einmal ordentlich einen durch, ist dann im Gespräch aber nahezu komplett bei Sinnen, nur um dann nach einem weiteren Schluck aus der Pulle erneut total benebelt zu sein. Und die restliche Besatzung greift nicht ein, sondern applaudiert auch noch. Auch Picard macht hier eine ungewohnt schlechte Figur.

Auch was die von Michelle Hurd gespielte Raffi angeht, sollten die Autoren so langsam mal Stufe 2 zünden: Raffi weiß scheinbar mehr über die Ereignisse auf Romulus und dem Mars, als wir bisher zu sehen bekommen haben. Wenn dieser Charakter vom Zuschauer nicht vorschnell unter der Rubrik “Nervensägen ohne Bedeutung” abgeheftet werden soll, dann braucht Raffi in den kommenden Episoden endlich Szenen und Dialoge, die von Bedeutung für die Haupthandlung sind!

Raffi (Michelle Hurd) ist in “The Impossible Box” alles andere als clean (Bild: PIC 1×06, CBS/Amazon Prime Video).

Wenigstens Rios kann mal wieder punkten, zeigt er sich in dieser Folge doch als fürsorglicher Freund mit viel Empathie. Sein Techtelmechtel mit Agnes kommt aufgrund der Trailer nicht überraschend, vom erzählerischen Standpunkt her betrachtet geht es mir hier aber mal wieder viel zu schnell. Letztendlich haben nur zwei kurze Szenen (Gespräch über Rios’ Roman und Box-Szene) diese Liaison angekündigt. Auch wieder so ein Bug, den man von “Discovery“ zu “Picard“ herübergebracht hat. Mein Tipp an die Autoren: Statt reihenweise Ad-hoc-Beziehungen zu konstruieren, vielleicht einfach mal vom Serienstart weg ein Paar ins Drehbuch schreiben. Hat bekanntlich bei Stamets und Culber ganz gut funktioniert.

“No one gets all of it right, Raff.”

– Chris Rios

Apropos Culber: Wenn wir einen Charakter haben, der von Anfang an sympathisch wirkt und daher von uns Zuschauern auch schnell ins Herz geschlossen wird, dann können wir uns wohl schon darauf einstellen, welches Ende Rios nehmen wird. Ich will nichts beschwören, aber für mich steht er nach der Logik moderner Serien (inklusive “Discovery“) ganz oben auf der Liste der Optionen, WTF-Momente zu kreieren. Oder sollten die Autoren tatsächlich aus alten Fehlern gelernt haben? Im Zweifelsfall geht es für Picard und Jurati in Season 2 dann wohl in den Myzelraum auf “Rettungsmission”…

Bei Jurati gibt’s – abgesehen von ihren Verführungskünsten in Bezug auf Rios – sonst auch nicht viel Neues zu berichten. Sie bleibt weiter mysteriös und man weiß nie so ganz, was sie wirklich vorhat. Das birgt ganz sicher einen gewissen Reiz, aber auch hier hoffe ich auf Episode 7 und einen darin vollzogenen Schub für ihre Charakterentwicklung.

Plötzlich ein Paar: Rios (Santiago Cabrera) und Agnes (Alison Pill) beginnen in “The Impossible Box” eine Romanze (Bild: PIC 1×06, CBS/Amazon Prime Video).

Soji und die Siebenunddreißig

Absolut begeistert hat mich hingegen das Writing für Soji und die Performance von Isa Briones.  In den ersten vier Episoden konnte sie ihr zweifellos vorhandenes schauspielerisches Potenzial leider nur bedingt abrufen, was in meinen Augen an der doch recht oberflächlichen Charakterisierung von Soji im Kontext des enorm zähen Borg-Kubus-Plots gelegen haben dürfte. Die gezwungen wirkende Turbo-Beziehung mit Narek überlagerte Sojis Charakterentwicklung ebenso wie die dürftige Belichtung ihrer Tätigkeit im Rückgewinnungsprojekt. Mir hat hier einfach die Einbindung Sojis in den Lebensalltag auf dem Kubus gefehlt. Eine Figuren-Konstellation, die sich nicht zu gefühlten 80 Prozent auf Narek fixiert, wäre Sojis Charakterzeichnung sicherlich zuträglicher gewesen. Mit einem Gegenpol zu Narek hätte man Soji beispielsweise mehr innere Zerrissenheit ins Profil schreiben können. Denn die Naivität (oder ist es einfach nur Vorurteilsfreiheit?), mit der Soji grundsätzlich in die Beziehung mit Narek hineingegangen ist, war so gar nicht Androiden-like. Aber vielleicht bekommen wir hierfür noch eine gute Erklärung präsentiert. Etwas mehr Konflikt auf dem Kubus hätte der Soji-Narek-Storyline bestimmt auch mehr Dynamik verliehen. Ich für meinen Teil bin jedenfalls froh, dass diese pseudo-romantische Schmonzette zwischen Soji und Narek nun ein Ende gefunden hat. Für mich hat dieser Handlungsaspekt zu keinem Zeitpunkt so funktioniert, wie es wohl angedacht war.

Narek (Harry Treadaway) und Soji (Isa Briones) in “The Impossible Box” (Bild: CBS/Amazon Prime Video).

In “The Impossible Box“ wird Soji (und damit auch Isa Briones) nun aber richtig gefordert. Endlich! Erst kommt sie hinter ihre Fake-Identität (was ein Schock!) und dann will sie auch noch ihr Lover um die Ecke bringen – das allerdings TV-klassisch viel zu kompliziert, damit dem Opfer natürlich noch eine Chance auf Flucht offen steht. Aber kann man “Picard“ hier wirklich etwas vorwerfen, das seit Jahrzehnten Tradition in Hollywood hat? Ich denke: eher nicht!

“Narek, what does it mean? (…)”

“It means (…) you’re not real. You never were. (…) Goodbye, Soji.”

– Soji und Narek

Der Handlungsaspekt mit Sojis Träumen ist derweil eine schöne Anknüpfung an Datas Traumdeutungen in “Birthright, Part 1” (TNG 6×16), auch wenn hier zusätzlich etwas “The Ring”-Grusel-Atmosphäre beigemischt worden ist. Es ist nicht wirklich subtil, wie sich “Picard” bei anderen Serien, Filmen und Genres bedient, das muss man schon sagen. Aber man muss im Gegenzug auch zugeben, dass man auf diese Weise eben auch Spannung erzeugt.

Was es mit den 37 Monaten auf sich hat, die Soji angeblich alt sein soll, ist derzeit schwer zu sagen. Eine besondere Bedeutung dürfte diese Zahl (übrigens eine Primzahl) sicherlich besitzen. In der pseudowissenschaftlichen Numerologie symbolisiert die Zahl 37 u.a. Erforschung, Selbstbeobachtung, Kreativität, Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Selbstausdruck.

“Probable age: 37 months.”

– Sojis Scanner

Wie könnte es jetzt mit Soji weitergehen? Meine Internetrecherche hat ergeben, dass der Name “Asha“ indischen (Sanskrit) und afrikanischen (Swahili) Ursprungs ist und “Erwartung“, “Hoffnung/Hoffnungsvolle“ oder auch “Leben“ heißen kann. Ein Vorgriff auf das, was noch kommen wird?

Es ist in den vergangenen Wochen im Fandom viel über Gene Roddenberrys “Advanced Human“ diskutiert worden. Wo ist dieser in “Picard“ noch zu finden? Ich würde behaupten: In Soji! Sie ist bisher als sehr kluge, empathische und vorurteilsfreie Person charakterisiert worden. In dieser Hinsicht gleicht sie tatsächlich unserem lieben Data. Wäre es nicht vielleicht möglich, dass sich Soji gerade nicht als die angebliche Zerstörerin, sondern in Wirklichkeit als die Retterin der Galaxis – die Hoffnung (“Asha“!) für diese dunkle Welt – herausstellen wird? Nun ja, wir werden sehen.

Soji (Isa Briones) macht in “The Impossible Box” eine für sie schockierende Entdeckung (Bild: PIC 1×06, CBS/Amazon Prime Video).

Die Geschwister Evil

Was die Antagonisten betrifft, so ist Nareks Entwicklung zwar stringent, aber leider auch etwas vorhersehbar. Narissa Rizzo ist und bleibt derweil die stereotype “Miss Sexy Evil“ wie auch schon in den Episoden zuvor. Da ist einfach null Entwicklung erkennbar! Auch wenn ihr Dialog mit Narek dieses Mal etwas mehr Inhalt zu bieten hat, nervt ihr ständiges “Das bringt nichts, ich mach‘ das jetzt auf die alte Art…“-Gelaber einfach nur. Unglaublich, wie man einem Charakter über fünf Episoden hinweg so wenig Profil zugestehen und die ewig gleichen Sätze in den Mund legen kann. Ihre Dialoge erinnern mich so langsam an die “TNG”-Episode “Déjà-vu” (TNG 5×18). Und Commodore Oh? Die ist leider erneut in keiner einzigen Sekunde zu sehen. Folglich kann man auch diesen Charakter nicht weiter erforschen.

Bis jetzt sind die Gegenspieler leider nur Stückwerk. Es wird höchste Zeit, dass sie hier etwas tut!

Auch Nareks alte Romulaner-Zeremonie, das “Zhal Makh”, war mir irgendwie viel zu platt. Oh wow, ein Raum mit Holzboden und Lampen, wo man barfuß durchläuft und sich dadurch an Träume erinnert. Super! Ehrlich, wie kann eine solche Zeremonie ohne telepathische Verbindung oder nennenswerte Hypnose bei einem Androiden überhaupt funktionieren? Auch Meditation braucht sowohl eine gewisse Vorbereitungszeit als auch ein entsprechendes Ambiente und nicht nur das “motivierende” Geschwätz einer Person. Diese Szene ist sicherlich der dunkelste Fleck im Drehbuch von “The Impossible Box”.

Das unentdeckte Land

Aber zum Glück nimmt “Picard” in den Schlussminuten von “The Impossible Box” richtig Fahrt auf, sodass ich doch recht zuversichtlich bin, dass die restlichen Folgen mit einer nennenswerten Qualitätssteigerung daherkommen könnten.

Rizzo und Narek sprechen immer wieder von einem ganzen “Nest“ voll mit Androiden. Hat Maddox noch weitere Asha-Exemplare konstruiert? Oder ist er gar in den Besitz des Androidenduplikators von Exo III gelangt?

“I need to identify a planet with two red moons and constant electrical storms.”

– Rizzo

Fakt ist, dass die (vermeintlichen) Zhat Vash-Agenten Narek und Rizzo drauf und dran sind, dieses Nest zu finden, wohl um es anschließend trocken zu legen. Der Planet Nepenthe, zu welchem Picard und Soji am Ende dank der “Star Trek“-Version des Stargate reisen (übrigens ein genialer Rückgriff auf den Kanon!), sieht da aber weitaus einladender aus. Leben Riker und Troi dort? Es scheint so!

Nepenthe (“gegen Kummer“) ist übrigens ein Begriff aus der griechischen Mythologie und steht für ein Medikament, das als “Droge der Vergesslichkeit“ bekannt ist und Leiden, Angst und Krankheit vergessen lassen soll. Das passt zu Picard und Soji gleichermaßen.

Der Planet Nepenthe in “Nepenthe” (Bild: PIC 1×07, CBS/Amazon Prime Video).

Fazit

“The Impossible Box“ hat mir zusammen mit dem Auftakt “Remembrance“ als Einzelepisode bisher am besten gefallen. Aufgrund der enormen Spannung und der sehr ausgewogenen Mischung aus Dialogen, Charakter-Momenten und Action-Sequenzen würde ich die Episode vielleicht sogar noch einen Deut besser einschätzen als den Pilot. Die größte Stärke der Episode ist ganz sicher die Zusammenführung der beiden Hauptplots. Die Story wird deutlich übersichtlicher, dynamischer und somit auch geradliniger, da man sich von so einigem narrativen Ballast (Narek-Soji-Romanze, Borg-Kubus) befreit zu haben scheint. Dass die Episode nicht in das übliche 45-Minuten-Korsett gezwängt wurde, war indes eine weise Entscheidung. Auch die Einbindung (visuell und erzählerisch) des bekannten Kanons hat mir sehr gut gefallen, denn nur sehr wenig davon ist ausschließlich unter die Rubrik “Fan-Service” einzuordnen. Picards Borg-Trauma-Rerun ist ganz sicher ein Zugeständnis an die neuen Zuschauer und somit in meinen Augen auch ausreichend entschuldigt.

Ein großes Manko ist und bleibt jedoch die teils oberflächliche oder sich im Kreis drehende Charakterentwicklung. Elnor und Raffi treten auf der Stelle, Rios und Agnes bekommen einfach zu wenige gemeinsame Szenen, um ihre Beziehung stringent wirken zu lassen, und Hugh ist bis jetzt leider auch nur ein Fan-Service-Spezial. Gerade bei diesem Charakter hätte ich mir noch viel mehr Background-Infos gewünscht. Und die Antagonisten ziehen leider weiterhin unermüdlich ihre stereotypen Bahnen. Hier ist noch ganz viel Luft nach oben!

Auch diverse Plot Holes trüben leider etwas den Gesamteindruck der Episode. Die La Sirena-Besatzung geht viel zu schnell über Maddox’ plötzlichen Tod hinweg und Nareks Zhal Makh ist die Art von Plot Device, die in über 53 Jahren “Star Trek” wahrlich überstrapaziert worden ist.

Allen Schwachpunkten zum Trotz haben mich die 54 Minuten “The Impossible Box” wirklich gut unterhalten. Ich hoffe, wir haben hier die Initialzündung für einen mitreißenden und zufriedenstellenden Staffel-Endspurt gesehen!

Bewertung

Handlung der Einzelepisode 5 out of 6 stars (5 / 6)
Stringenz des staffelübergreifenden Plots 5 out of 6 stars (5 / 6)
Stringenz des bekannten Kanons 4.5 out of 6 stars (4,5 / 6)
Charakterentwicklung 4 out of 6 stars (4 / 6)
Spannung 6 out of 6 stars (6 / 6)
Action & Effekte 5 out of 6 stars (5 / 6)
Humor 2 out of 6 stars (2 / 6)
Dialoge 5 out of 6 stars (5 / 6)
Intellektueller Anspruch 4.5 out of 6 stars (4,5 / 6)
Gesamt 5 out of 6 stars (5 / 6)

Episoden-Infos

Episoden-Nummer 6 (Staffel 1, Episode 6)
Originaltitel The Impossible Box
Deutscher Titel Die geheimnisvolle Box
Erstausstrahlung USA Donnerstag, 27. Februar 2020
Erstausstrahlung Deutschland Freitag, 28. Februar 2020
Drehbuch Nick Zayas
Regie Maja Vrvilo
Laufzeit 54 Minuten

 


Matthias Suzan

Matthias Suzan

Matthiasˈ Leidenschaft für "Star Trek" begann im zarten Alter von neun Jahren mit "The Next Generation". Anfänglich waren es noch die Raumschiffe und die Technik, die ihn faszinierten. Später weckten vor allem die anthropologischen, gesellschaftlichen und politischen Themen des Trek-Universums sein Interesse, sodass er sich seither für Politik- und Geisteswissenschaften interessiert. Nach knapp zwei Jahrzehnten als treuer TrekZone-Leser stieß er Ende 2017 mit dem Start von "Discovery" zur TZN-Redaktion.

6 Kommentare

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Alex1605 · 2. März 2020 um 19:26

Mit der Rezension weitgehend mit der Bewertung voll einverstanden.
Es wäre schon, wenn die Zitate aus der Folge auf Deutsch wären, ist ja auch eine deutsch Rezension.
Den Auftritt von Raffi fand ich stimmig hinsichtlich der Charakterdarstellung der Crew. „Suchtszenen“ sollten aber langsam weniger werden. Elnor find ich gut platziert, seine Fragen erinnern mich immer an den frühen Data, das hatte auch so was Slapstickmäßiges. Narek fand ich diesmal recht gut.
Es lebe Star Trek Picard!

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Kuskus · 2. März 2020 um 20:01

Die schriftliche Rezension und die tatsächlich vergebenen Sterne driften meiner Ansicht nach auseinander. Ich habe hier wieder einmal den Eindruck, als ob ein Rezensent seine Kritik damit gut machen möchte, indem er für eine Kategorie mehr Sterne vergibt, als diese seinen eigenen Ausführungen nach eigentlich verdient.

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    Alex1605 · 3. März 2020 um 10:14

    @Kuskus: Geb ich dir recht. Liegt aber, glaube ich daran, das bei den meisten Kommentaren und Rezensionen über Negativ-Punkte schreiben. Eben typisch deutsch.
    Die Folge verdient 5 Sterne.

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      Erwin · 3. März 2020 um 20:49

      [Entfernt, verzichte bitte auf Unterstellungen – TZN]

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Sten · 4. März 2020 um 17:03

Das sehe ich genauso wie du. Wie oft hört man in diversen Rezensionen, dass es sich um eine herausragende Folge handelt und wenn du dann weiter liest geht es nur um negative Punkte. Das ist so typisch Deutsch wie zu schreiben der wurde “nur zweiter” wenn es um einen Sportler bei Olympia geht…traurig. Ich würde mir wünsche, dass zuerst die positiven Aspekte der Folge hervorgehoben werden und am Ende auf die negativen eingegangen wird. Der Artikel sollte ausgewogen das wiedergeben was die Sternebewertung darstellt und anders herum. Mir ist das leider bei Trekzone Network in letzter Zeit öfter aufgefallen, schade.

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Sten · 4. März 2020 um 17:11

Ergänzend hierzu sollte vielleicht noch erwähnt werden, dass wir den Jurati Handlungsbogen (wie so viele andere) zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollumfänglich beurteilen können. Ich denke das der Fall mit dem kurzen Gespräch zwischen Picard und Jurati zu Beginn der Folge noch nicht abgeschlossen ist. Da wird sicher noch mehr kommen. Aber angesichts der bevorstehenden Ankunft am Borgwürfel war vielleicht auch nicht die Zeit den Todesfall näher zu untersuchen und aktuell hat ja auch keiner Grund an ihr und ihren Aussagen zu zweifeln. Davon abgesehen gibt es weder einen Sicherheitsdienst noch weiteres medizinisches Personal oder eine Ingenieur an Bord der den Fall oder eventuelle Manipulation am MHN untersuchen könnte. Im weiteren Verlauf müsste dann aber schon noch geklärt werden, was z.B. mit dem MHN passiert ist.

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