Kurz vor der Zielgeraden biegt “Picard” nochmal in das charakterliche Feld ab. Wir sehen uns die Folge im Detail an.

Achtung, Spoiler!

Der Rückblick

Wieder einmal beginnt die Folge, wie eigentlich fast alle zuvor, mit einem Rückblick. Diesmal auf den Planeten Aia. Hier sehen wir nicht nur Oh und Rizzo, sondern auch die Romulanerin Ramdha vom Borg-Kubus, die als verrückt gilt. Diese sehen sich eine Vision an, welche den Aufstieg der Androiden zeigt. Wie wir später erfahren, ist das eine Vision der Vergangenheit, was aber schon wieder die ersten Probleme darstellt. Denn wie Picard richtig sagt, wer sagt denn, daas es diesmal wieder so laufen wird. Im Übrigen wirkt dieser Androiden-Aufstand wie aus “Mass Effect“ geklaut, aber vielleicht tut man den Autoren hier auch unrecht.

Im Grunde genommen bleibt aber dasselbe bestehen wie bereits in der letzten Folge: Dass man die Vision nicht anzweifelt und sie vor allem derart stark ist, dass sich einige Leute gleich selbst umbringen, nehme ich der Folge leider irgendwie nicht ab. Hinzu kommt, wie wir ebenfalls gegen Ende erfahren, dass der Planet wohl im Konklave der Acht liegt – und auch das ist problematisch. Wieso ist eine Zivilisation, die Sonnen verschieben kann, von Androiden besiegt worden? Und wo sind all die Androiden dann? Und selbst wenn ich das bis hierhin noch abnehme, warum betreibt man den enormen Aufwand und verschiebt acht Sonnen, nur um eine Warnung zu hinterlassen? Wäre das nicht etwas subtiler gegangen, zumal wenn man eh gerade von Androiden ausgelöscht wird?

Das Geheimnis wird gelüftet: Der Planet Aia begründet den Mythos der Zhat Vash (Picard 1×08, CBS)

La Sirena und die Charakterentwicklung

Dafür gibt es auf der La Sirena einige schöne Charakterszenen zu bestaunen. Nahezu alle Darsteller spielen hier nochmal groß auf. Das beginnt mit Rios und Soji und geht weiter bis zu Jurati und Raffi. Letztere zeigt, das sie durchaus selber in der Lage ist, mit dem Alkohol aufzuhören, hat sie doch die Ausgabe blockiert. Ein paar Andeutungen in der Hinsicht, dass sie es wirklich tut, wären in den letzten Folgen sicher auch nicht verkehrt gewesen. Und auch Raffis Suche nach der Wahrheit über Rios hätte man sicher etwas anders gestalten können. Nachdem sie dreimal hört, er habe sich in seinem Quartier verbarrikadiert, stellt sich doch die Frage, warum sie nicht gleich hingegangen ist.

Aber gut, dafür werden wir mit einer sehr schönen Szene mit fünf Versionen von Rios belohnt, in dem Santiago Cabrera mal zeigen kann, was so in ihm steckt. Die Szene ist witzig und durchaus gelungen. Und auch das MHN ist wieder da und darf den Mord an Maddox bestätigen – schön, dass das nicht vergessen worden ist. Und auch Rios’ Geschichte mit seinem CO beleuchtet seine Hintergründe weiter. Vermutlich steckte Oh ebenfalls hinter seinem Rauswurf.

Eine der gelungeneren Szenen: Rios-Hologramme in “Broken Pieces” (Bild: CBS)

Nebenquests

So oder so, so schön es auch ist, diese Charakterszenen zu sehen, kommen sie fast etwas zu spät. Denn eigentlich ist Eile geboten. Es mutet schon mehr als seltsam an, dass Picard erstmal auf DS12 Verstärkung holen will. Immerhin gibt es eine gute Szene dafür, in der er noch einmal mit Admiral Clancy sprechen darf. Aber wie schon ein paar Folgen zuvor erwähnt, fühlt man sich fast wie in “The Witcher“ oder “Mass Effect 3“. Das Schicksal der Galaxis (oder der Androiden) steht auf dem Spiel – aber wir reden erstmal über andere Dinge, erledigen noch ein paar Sachen auf Deep Space 12 und fliegen erst dann dorthin. Und rein zufälligerweise kommen wir zeitgleich mit den Bösen an.

Schön, die haben es auch nicht eilig, denn wie Rizzo wenig später berichten darf, hat sie erstmal ein Schiff hingeschickt (vermutlich Narek, wie wir am Ende sehen), bis sie mit der Flotte hinzustoßen kann. So richtig will das nicht zu den letzten Folgen passen, wo alles super dringlich war und die Androiden vernichtet werden sollten. Aber… das Drehbuch fordert es eben anders.

Immerhin passen die Szenen um Jurati, deren Verrat hier offenbar wird – wobei man sich eine kleine Hintertür à la “Sie wurde doch von Oh via Verschmelzung gezwungen” nicht ganz verkneifen konnte. Ansonsten wird ihre Läuterung aus der letzten Folge konsequent weitergeführt und ja, diese Szenen nehme ich ihr ab. Auch die Annäherung von Soji und dem Rest der Crew ist durchaus gelungen, auch wenn sie hier und da einige Ösen aufweist. Schön auch, das es eine Diebstahlsicherung für die La Sirena gibt, auch wenn ich bislang dachte, in einen Transwarpkanal kann man nur mit einer Transwarpspule einfliegen.

Auch Picards Szenen, vor allem, als er im Stuhl Platz nimmt und eingestehen muss, er hat keine Ahnung von der Bedienung, lädt zum Schmunzeln ein.

Jurati wird im Gespräch mit Picard geläutert. (Bild: CBS)

Der Kubus

Die Handlung auf dem Kubus fällt nun nicht mehr ganz so stark ab wie noch in den Vorwochen. Die erwähnte Tante von Rizzo wirkt allerdings ein wenig wie ein störendes Überbleibsel aus vorherigen Folgen, denn so richtig ins Bild passt sie nicht wirklich. So löblich es auch ist, Rizzo mehr Tiefe verpassen zu wollen. So wird sie als Hauptbösewicht die nächsten zwei Folgen wohl nicht überleben, daher kommt auch das leider zu spät. Das ist insofern schade, als dass die Figur durchaus Potential gehabt hätte, sie aber viel zu lange links liegen gelassen wurde. Schade.

Genauso inkonsequent ist leider auch die geheime Waffe der Königin, die zuvor erwähnt wurde. Diese erweist sich einfach als neues Mini-Kollektiv, wobei man zugeben muss, dass Sevens Auftritt durchaus Laune macht (auch wenn man wohlwollend darüber hinwegsehen muss, dass ihr Hinüberbeamen von keinem bemerkt worden ist und sie ganz alleine kommt). Für einen kurzen Moment sieht es sogar so aus, als würden sich die Fantheorien bestätigen und Seven werde die neue Königin. Aber zum Glück ist man davon dann doch abgerückt. Keine Borg-Invasion 2.0 oder ein Borg-Bürgerkrieg in Staffel Zwei.

Dass sich der Borg-Kubus regenerieren kann, wurde übrigens schon in “TNG” gezeigt, hier sieht man den Effekt optisch an die heutige Zeit angepasst. Muss man nicht mögen, ist aber wie die Enterprise-Brücke in “Discovery” ein passables Upgrade. Übrigens können die Borg genau genommen seit “First Contact“ im All überleben, daher wirkt der Aufschrei hier etwas inkonsequent. Aber vielleicht gilt das ja nur für dauerhaft mit dem Kollektiv verbundene Borg.

Rizzo macht sich übrigens wieder aus dem Staub, wie schon in der Folge zuvor. Scheinbar weiß irgendwer immer, wann es Zeit ist, sie herauszuholen. Bleibt am Ende nur noch Elnor zu erwähnen, der hier zwar wieder etwas naiv erscheint, dessen Szenen vor allem mit Seven am Schluss aber darauf hindeuten, dass er ihr neuer Ziehsohn werden könnte. Es wird spannend sein zu sehen, ob sie in den nächsten Folgen mit fliegenden Fahnen und dem Kubus als Retterin in der Not auftreten wird.

In “Broken Pieces” zeigen die Romulaner keine Gnade für die Borg (Bild: CBS).

Fazit

Die Folge hat zwar ein paar größere Mankos als die der Vorwoche, vor allem wird der langsame Fortschritt der Dringlichkeit der Situation so gar nicht gerecht, rein vom charakterlichen Standpunkt wird hier aber wieder schön aufgespielt und selbst die Szenen auf dem Kubus vermögen zu überzeugen.

Bewertung

Handlung der Einzelepisode 4.5 out of 6 stars (4,5 / 6)
Stringenz des staffel- und serienübergreifenden Handlungsstrangs 5 out of 6 stars (5 / 6)
Stringenz des bekannten Kanons 4 out of 6 stars (4 / 6)
Charakterentwicklung 4 out of 6 stars (4 / 6)
Spannung 4 out of 6 stars (4 / 6)
Action & Effekte 4 out of 6 stars (4 / 6)
Humor 3 out of 6 stars (3 / 6)
Gesamt 4.5 out of 6 stars (4,5 / 6)

Episoden-Infos

Episodennummer 8 (Staffel 1, Episode 8)
Originaltitel Broken Pieces
Deutscher Titel Bruchstücke
Erstausstrahlung USA Donnerstag, 12. März 2020
Erstausstrahlung Deutschland Freitag, 13. März 2020
Drehbuch Michael Chabon
Regie Maja Vrvilo
Laufzeit 56 Minuten

 


5 Kommentare

Alex1605 · 14. März 2020 um 20:26

Mit der Rezension mit Masse einverstanden, mit der Bewertung so gut wie:-). Danke dafür. Der Text der Rezension scheint mir allerdings „kritischer“ wie eine 4,5, aber das ist sicherlich typisch deutsch.
Eine der besten Folgen von Picard. Mir gefällt die Erzählgeschwindigkeit von Picard, ich habe da auch keine „Eile“ empfunden. Ganz im Gegenteil, richtig spannend. Mal wieder richtige Star Trek Dialoge und Fragen. Ist Dr Jurati schuldig? War sie beeinflusst. Kann man das verstehen? Trau ich einem Androide, den ich nicht kenne. Ist mir die Gemeinschaft der Crew wichtig usw. Umweg über DS 12 damit Dr. Jurati „kassiert“ wird und das Geschwader verstärken kann.
Raffie, einfach Klasse. Entwickelt sich, nicht nur äußerlich, zu dem guten No 1, der sie ist. Klasse, die Gespräche mit den MHN. „ Schieß mir in den Kopf“. Slapstick wie Data oder das MHN der Voyager. Rios, richtiger Mann. Verkriecht sich in seiner Höhle, führt ein gutes Gespräch mit einem Freund und kommt gestärkt raus und ist wieder Captain. So geht das. Soji akzeptiert die Gruppe. Borg Kubus, ja. Darüber ist genug geschrieben.
Alles in allem eine Folge, bei der mir als altem Trekkie das Herz lacht. Der Humor, auch mit Picard im Captains Chair, entwickelt sich. Mit diesem Ansatz von Star Trek habe ich mich voll angefreundet, genieße ihn und mag „JL“, trotz kleiner Mängel. Ich bin ja damit einer von drei (One oder Two oder Three of Three) 🙂

5 von 6

    Steve · 15. März 2020 um 13:52

    Da stimme ich dir zu. Ob Jurati schuldig ist, ist eine gute Frage. Hat mir gut gefallen, aber leider wird damit irgendwie naiv umgegangen. Indem sie sagt, jetzt gehts mir gut, scheint sie über jeden Zweifel erhaben zu sein. Genausogut könnte sie noch immer unter dem Einfluss der Gedankenverschmelzung stehen. Spricht aber niemand an. In einem Rechtssystem gehörte sie in Untersuchungshaft.

      Alex1605 · 15. März 2020 um 15:00

      Stimme dir auch zu. Die “Untersuchungshaft” auf der La Sirena istfür mich die Ansage von Dr. Jurati und die Aussage von JL, dass sie auf DS 12 den Behörden übergeben wird. Mal sehen, wie das weitergeht, sie fliegen jetzt ja zum Androiden-Planeten.

oz_ · 14. März 2020 um 21:43

Was für eine Überraschung, auch in dieser Episode wieder ein Frauenüberschuss :o)

Nach dem bisher nur weiblichen Führungspersonal der Sternenflotte und dem romulanischen Kriegernonnenorden ist auch die Geheimorganisation, die dem Zhat Vash zugrunde liegt, rein weiblich. Und natürlich steht im Zentrum der ganzen Handlung mit Soji immer noch eine Frau, nicht etwa Picard, der der Serie den Namen gibt. Wäre ja noch schöner…
Eigentlich ist “Picard” eine Mogelpackung. Man hat den alten Herrn wohl einfach mit reingenommen, weil man geahnt hat, dass eine Serie, die sich nur um die tröge Soji dreht, ähnlich unbeliebt wie STD mit Burnham sein wird. Hauptsache Frau als Star ist eben doch nicht genug. Aber nicht, dass Patrick Stewart “Picard” retten kann – die dokumentierte Talfahrt bei den Quoten und dem allgemeinen Interesse bezeugt nämlich, dass sich dann doch viele Seher nicht so einfach veräppeln lassen. Von ein paar *hust* “Fans” einmal abgesehen, die sich in Nibelungentreue dem Franchise verschrieben haben (ihr habt natürlich jedes Recht, das Zeug zu mögen, ich erlaube mir aber, euren Geschmack in Zweifel zu ziehen).
Auch interessant: Es ist in Star Trek nun nicht mehr standardmäßig von “Androiden” die Rede, sondern von “synthetischen Lebensformen” / “Synths”. Warum das interessant ist? Naja, als Absolvent eines humanistischen Gymnasiums hatte ich Altgriechisch. Deshalb habe ich mich daran erinnert, dass “Androide” sich u.a. aus dem altgrischischen Wort für Mann ableitet. Na, klingelts? Man könnte noch viele weitere Beispiele nennen, z.B. das Picards und Rios’ große Vorbild bei der Sternenflotte eine Frau war…was auch sonst?! :o)
Jeder der oben genannten Punkte für sich alleine genommen wäre unauffällig und unproblematisch, aber in dieser zusammengeballten Form muss man schon ein ziemlicher Schelm sein, die tumbe Propaganda-Intention dahinter zu bestreiten.
Freilich, das was die Macher von Picard da treiben ist ja nicht einmal ernst gemeinter Feminismus, sondern bloß zeitgeistiges Signalisieren von Tugend, um in der eigenen sozialen Bubble (= Hollywood und Journaille) Pluspunkte einzusammeln.

Findet dieses auffällig sexistische Muster der Serie, dieses permanente Überhöhen der Frau (die auch weibliche Fans längst lachhaft finden), möglicherweise irgendwann einmal in einer Rezension Erwähnung? Oder fürchtet man sich bei Trekzone davor, damit den politisch korrekten Meinungskorridor zu verlassen? Funktioniert vielleicht auch die Schere im Kopf der Rezensenten schon so gut, dass man es nicht einmal mehr in Erwägung zieht, das zu thematisieren? Euer “vobeirezensieren” daran ist auf jeden Fall auffällig, wenn ich das an dieser Stelle einmal so sagen darf. Wenn ihr dazu eine Meinung habt, und euch auch traut, diese zu äußern, dann bin ich ganz Ohr.

    Alex1605 · 14. März 2020 um 22:20

    @Oz: Interessanter Aspekt. Erst einmal gehöre ich zu den Fans, die Picard gut finden und zwar ohne Hust und „“ und „Nibelungentreue“ Manche von euch „Kritischen“ tun sich einfach schwer, andere Meinungen zu akzeptieren!
    Talfahrt von Quoten, wo? Picard war in der letzten Woche aus Platz 1 der VoD Charts, diese Woche auf Platz 6. Talfahrt?
    Aber zum (numerischen?) Frauenüberschuss. Ich gehe da mal ohne Vorurteil drauf ein.
    Sternenflottenoffiziere weiblich und teilweise überzeugend. Die Bösen mit Masse weiblich und wenig überzeugend bis auf Narek. Bei der Sternenflotte sind, wie bei Militär so üblich, eher Männer bei höheren Dienstgraden zu erwarten. Auch bei den „Bösen“. Gem. Wiki sind ungefähr 5% der Inhaftierten Frauen, ein Hinweis dass „Böse sein“ eher eine männliche Eigenschaft ist. Also „verschobenes“ Genderbild bei Picard oder Freiheit der Autoren???
    Aber mal zu den Hautdarstellern, der Crew. Picard, klar der König. Rios, cooler männlicher Captain. Gut überzeichnet und ein Ausgleich zu den weinerlichen Gestalten von anderen Serien. Elnor: noch etwas jugendhaft, kann kämpfen, Slapsticks a la Data, überzeugend.
    Nun die Frauen Raffie „Vielgescholtene“ Alkoholikerin, die aus meiner Sicht eine gute Rolle spielt. Ein Klasse No. 1, die sich hochkämpft und „auch“ als Frau zu akzeptieren. Dr Juratti: das naive Mauerblümchen, das sich der dunklen Seite stellt. Fast überzogen in den Emotionen aber gut gespielt. Und Soji: Androide, wie auch genannt von der Tochter von Rikers. Ja eine Frau, aber Data hatte eben eine (Androiden-) Tochter und keinen Sohn.
    Als numerisch 1:1. Aus meiner Sicht eine ausgewogene Verteilung bei den Hautdarstellern, die Rollen sind stimmig und darauf kommt es meiner Meinung nach an, nicht auf das Geschlecht.
    Aber bei den „Nebendarstellern“ gebe ich dir recht. Da fehlen ein paar Männer.
    Ich selbst finde das nicht so störend bei Picard, weil es gute männliche Rollen gibt. Dieser Fakt hat mich bei STD tatsächlich gestört.
    Als Antwort von einem, dem Picard gefällt! 🙂

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