In unserer Drittrezension zum Einstiegsbuch von “Picard” sehen wir uns unter dem Gesichtspunkt, bereits die ganze Staffel zu kennen, dieses noch einmal an. Achtung, Spoiler zu Staffel 1 von “Picard”!

Inhalt (Klappentext):

“Vor 15 Jahren . . . haben Sie uns aus der Dunkelheit geführt. Sie kommandierten die größte Rettungsarmada aller Zeiten. Dann . . . das Unvorstellbare. Was hat Sie dies gekostet? Ihren Glauben. Ihren Glauben an uns. Ihren Glauben an sich selbst. Erzählen Sie uns, warum Sie die Sternenflotte verlassen haben, Admiral?”

Jedes Ende hat einen Anfang . . . und dieser fesselnde Roman beschreibt detailliert, welche Ereignisse zu dem führten, was in der neuen Star-Trek-TV-Serie erzählt wird und er stellt neue Personen im Leben von Jean-Luc Picard vor – einem der populärsten und einzigartigsten Charaktere der gesamten Science-Fiction.

Buchcover (Cross Cult)

Kritik

Worum es in diesem Buch geht, wurde ja schon zur Gänze in unseren vorherigen Reviews beschrieben. Während meine Kollegen das Buch zum Anfang der Season gelesen haben, können wir nun mit einem Blick auf die komplette erste Staffel “Picard” auf selbiges zurückblicken. Und dabei fällt leider auf, dass all die Unzulänglichkeiten der ersten Staffel auch im Buch selbst vorhanden sind.

Dies beginnt mit der Mission zur Rettung von Romulus, zu der Picard aufbricht. Mag man die Erklärung, warum er nicht die Enterprise nehmen kann, noch akzeptieren, so wird die Crew ziemlich schnell abgefrühstückt. Beverly hat einen kleinen Cameo-Auftritt, der darin besteht, dass sie Picard seine Sachen nachschickt – was nebenher auch erklärt, warum das alles in einer Art Lagerraum landet. Positiv ist hier immerhin (in der deutschen Übersetzung), dass sie sich endlich duzen. Ansonsten hat aber nur noch Geordi eine etwas größere Rolle in diesem Buch, da er zum Mars geschickt wird. Die restlichen Charaktere werden hier nicht weiter beachtet (okay, immerhin wird Worf noch das Kommando zugeschanzt) und es erfolgt auch kein Besuch mehr von Picard zum Abschied auf der Enterprise.

Für ein Buch, das sich in erster Linie an die Fans richten dürfte (der 0815-Zuschauer wird kaum die Vorgeschichte lesen), ist das schon mehr als enttäuschend. Hier hätte man sich gerne etwas Runderes gewünscht, aber dass eine gewisse Hektik vorherrscht, kann man dem Buch nicht abstreiten. Ja, die Mission ist dringlich. Aber so dringlich, dass Picard einfach losfliegt? In der ersten Staffel hatte ich noch das Dringlichkeitsproblem à la “The Witcher“ bemängelt (das Universum steht auf der Kippe und man macht erstmal noch Abstecher überall anders hin), hier wird zwar jetzt der andere Weg gewählt, gerade in der Konstellation passt das aber auch nicht. Zudem erfährt man auch nicht, was die Enterprise die ganzen fünf Jahre über so treibt. Und ja, ich weiß, was viele nun sagen werden: Es ist nicht die Geschichte der Enterprise, sondern die von Picard. Enttäuschend ist es aber, wie erwähnt, trotzdem. Gerade da die Hilfsmission Picard derart mitnimmt, wäre es doch schön gewesen, er hätte ab und an Rücksprache mit seiner alten Crew gehalten. Diese Funktion übernimmt in diesem Buch am ehesten Zani von den Qowat Milat, aber auch diese werden eher nur angekratzt.

Und da wir gerade die beschleunigte Mission erwähnen: Auch die Art, wie Leute wie etwa Raffi an Bord geholt werden, ist viel zu schnell. Mag man noch akzeptieren, dass auch sie dann fix mit von der Partie ist, liest man wenige Seiten später schon, dass sie Picard “JL” nennt. Wie es aber dazu kommt, dass die beiden sich so annähern, wird nicht erwähnt. Gleiches gilt auch für Raffi und ihre Familie. Anfangs verabschiedet sie sich noch kurz von ihnen, über Hundert Seiten später erfährt man dann, dass die Familie sich von ihr trennt, weil sie nie da ist. Zwar kennt man das schon aus der Serie, aber auch diese Entwicklung kommt etwas aus heiterem Himmel und wird im späteren Verlauf auch genauso unter den Tisch gekehrt, wie es in der Serie der Fall war. Charakterentwicklung leider Fehlanzeige, dabei gibt es durchaus Potential, doch dazu kommen wir gleich.

“Die letzte und einzige Hoffnung” erzählt die Vorgeschichte von Raffis und  Picards Freundschaft (Bild: CBS).

Auch nur halbherzig wird darauf eingegangen, warum die Romulaner nicht mehr zur Rettung unternehmen und alles der Sternenflotte überlassen. Und das, wo sie doch so starkes Misstrauen gegen die Föderation hegen. Klar, es fallen in paar Bemerkungen, etwa durch ein ebenso kurzes (und überflüssiges) Spock-Cameo, das die Eliten alle mit den Schiffen geflohen sind. Richtig überzeugend ist aber auch das nicht. Hier hätte einfach mehr Tiefgang über die Situation bei den Romulanern und auch die politischen Entwicklungen hin gehört.

Über weite Strecken dümpelt der Roman so eher vor sich hin, da er nicht in der Lage ist, die fünf Jahre Handlungszeit, die er zu überbrücken sucht, adäquat darzustellen. Irgendwie ist man sich des Verlaufs der Zeit gar nicht richtig bewusst und ehe man sich recht versieht, ist man im Jahre 2385 und somit schon am Ende der Geschichte. Dieses Ende liegt beim Angriff auf den Mars, der immerhin den Bogen zur Serie schlägt. Sicher, es werden keine Details verraten, das kommt erst in der Serie, aber Szenen wie der Angriff selbst oder Picard, der seinen Admiralsposten niederlegt, sind ebenso vorhanden wie in der Serie bzw. leiten zu diesen über. Das geht generell in Ordnung, ist aber im Gesamtkontext auch etwas zu wenig.

Und wo wir gerade bei den Androiden sind (die hier übrigens NICHT Synths genannt werden): Auch diese werden eher halbherzig eingeführt. Ja, Bruce Maddox ist mit von der Partie und erhält den Auftrag, Androiden zu bauen. Auch diese laufen dann wenig später einfach so vom Band. Das er nebenher weiter an Data-Androiden forscht oder auch eine Beziehung mit Agnes eingeht, läuft eher “unter ferner liefen“. Zu unbedeutend sind die Szenen darüber, zu kurz und eher nebensächlich, um von Bedeutung zu sein. Selbst Agnes spielt eigentlich nur eine Nebenrolle.

Dass der Roman auch anders kann, wird in einigen schönen Szenen bewiesen, die aber leider viel zu rar gesät sind. Da ist zum einen etwa die Handlung um Olivia Quest, ein Föderationsratsmitglied, dem gewählt zu werden wichtiger ist, als die Rettung der Romulaner. Klar mag man jetzt attestieren können, dass dies nicht mehr zu “Star Trek” passe. Es ist aber durchaus auch realistisch. Auch dass sich langsam Ressentiments gegen die Romulaner entwickeln und Welten sogar mit dem Austritt drohen, ist in der Hinsicht gut rübergebracht.

Auch auf Romulanerseite gibt es zumindest Ansätze von politischen Entwicklungen. Etwa wenn Vritet, ein romulanischer Wissenschaftler, mundtot gemacht wird oder Romulaner gezeigt werden, die Picard nicht glauben. Das spiegelt den Geist dieses Volkes wider und hätte gern noch ausgebaut werden können. Kleines Highlight an dieser Stelle sind zweifellos zwei Szenen, die “Star Trek”-Flair versprühen. So wird die Evakuierung von Nimbus III etwa von den Romulanern übernommen, die mal eben kurzerhand alle Nicht-Romulaner niedermetzeln. Dies führt zu einer schönen moralischen Szene, in der eine von Picards Helferinnen die Kündigung einreicht. Das ist einfach gut beschrieben, weist ein Dilemma auf und davon hätte es gerne mehr geben können.

Ähnliche Szenen wiederholen sich dann noch ein paarmal, etwa wenn Romulaner zwar gerettet, dann aber in Baracken zurückgelassen werden müssen. Oder wenn ein weiterer Senator lieber seine Angestellten selber umbringt, statt sie mit der Föderation ziehen zu lassen. Hier zeigt sich mehr als deutlich, wie viel mehr man aus diesem Buch hätte herausholen können, wenn man mehr dieser Szenen eingebaut, den Charakteren mehr Raum gegeben hätte, statt einfach nur eine Rettungsmission durchzupeitschen, die an vielen Stellen – wie die Serie leider auch – in der Belanglosigkeit versinkt.

Una McCormack ist dabei eigentlich als Autorin bekannt, die gute “Star Trek”-Bücher schreiben kann. Inwieweit ihr das Ganze anzulasten ist, wird vermutlich nicht geklärt werden können. Vor allem gegen Ende des Buches fällt auf, das immer mehr Schimpfwörter wie “Fuck you” in den Roman eingeflochten wurden. An und für sich habe ich kein Problem damit und will an der Stelle auch gar nicht darüber diskutieren, ob dies noch “Star Trek”-typisch ist. Die extreme Häufung im letzten Drittel ist aber schon auffallend, fast so, als wäre der “Befehl“ gekommen, mehr dieser Wörter einzubauen und den Bogen zur Serie zu schlagen.

Dabei ist es durchaus legitim, dass manche Sachen eben nicht im Buch, sondern eben erst in der Serie aufgelöst werden (ob das der Fall ist, ist natürlich Thema für eine andere Stelle). Warum es hier aber derart schief ging, dass der Roman über weite Strecken eher uninspiriert vor sich hin dümpelt, bleibt mir ein Rätsel. So traurig es an der Stelle auch ist, aber viele der anderen Romane, die durch dieses Buch nun aus dem Literatur-Kanon gelöscht werden, waren besser – und dabei war da auch nicht immer das gelbe vom Ei dabei.

Fazit

An vielen Stellen blitzt im Roman durch, was man hätte aus dem Setting machen können: Die politischen Wirren in Föderation und bei den Romulanern. Die Themen werden aber meist nur angekratzt und nicht weitergehend behandelt, was schade ist, versinkt der Roman so in einer Rettungsmission, deren Szenen sich im Verlauf der fünfjährigen Handlung allzu oft wiederholen und dabei ein gutes Stück Langeweile aufkommen lassen. Das muss (und geht!) auch besser!

Bewertung: 2.5 out of 5 stars (2,5 / 5)

Information: Ein Exemplar dieser Ausgabe wurde dem Autor vom Verlag zum Zwecke der Rezension kostenlos überlassen.

Quick-Infos

Autorin: Una McCormack
Originaltitel: Star Trek: Picard – The Last Best Hope
Jahr der Veröffentlichung (Original): 2020
Übersetzerin: Stephanie Pannen
Seitenanzahl: 405
Preis: 15 €
ISBN: 978-3-86425-863-3
Verlag: Cross Cult

 


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