Im Review der zweiten Staffel klären wir, ob “James Who” und seine Laserschuhe auch weiter für großes Kino sorgen. Achtung, Spoiler!

Ein Absturz mit Folgen

Die Folge beginnt gleich an der Stelle, an der es in der Vorwoche geendet hatte. Und es ist schön, dass der Flugzeugabsturz hier thematisiert wird und gezeigt wird, wie die “Gang” überlebt. Und das geschieht alles auf durchaus pfiffige Weise, die erst am Schluss aufgelöst wird (zum Glück wird es überhaupt aufgelöst!). Wobei man sich hier höchstens fragen kann, ob man ein Flugzeug ohne Cockpit überhaupt steuern kann – oder wo sitzt der Steuerungscomputer dann, wenn nicht dort? Immerhin ist es aber keine derartig an den Haaren herbeigezogene Erklärung wie der tiefe Fall des Doctors in der ersten Folge von Staffel 11, den dieser ohne Erklärung überlebt.

Aber sei’s drum. Die Companions wollen dann gleich gegen Barton vorgehen, der dreht den Spieß aber um und macht sie mit Fake News kurzerhand selber zu Gejagten – ein durchaus netter Twist und eine Anspielung auf die heutige Welt. Dabei wird die kurze Fluchtpause von der “Gang” dann für ein paar schöne Charaktergespräche genutzt, die klar machen, dass man nicht auf der Stelle tritt, sondern die Entwicklungen der Vorstaffel mit übernimmt (als Graham eingesteht, dass Ryan recht hat).

Die Flucht vor den Aliens nimmt dann allerdings schon fast “Game of Thrones“-artige Züge an. Zwar hat Graham noch den Bond’schen Laserschuh, die eigentliche Flucht aus der Umzingelung wird dann aber nicht gezeigt, sondern die Gang dreht dann den Spieß um und kann Barton, wieder mit Hilfe des Schuhs, doch weiter verfolgen. Zwar ist das Ganze durchaus gut gespielt und vor allem Bradley Walsh hat sichtlich Spaß in seiner Bond-Rolle, aber leicht überstrapaziert wird der Laserschuh auch hier. Betrachtet man diese Passagen aber – wie schon im Vorgänger – nicht so bierernst und als Bond-Persiflage, dann machen sie aber durchaus wieder Spaß.

Gefangen in der Kasaavin Dimension (“Doctor Who” 12×02, BBC/FOX)

Eine Reise durch die Zeiten

Dass der Doctor aus der Zwischendimension der Kasaavin entkommt, ist nach Yaz’ ähnlicher Erfahrung in der Folge davor schon fast zu erwarten gewesen. Im Jahre 1834 landet der Doctor zunächst und zwar auf einer Wissenschaftsausstellung. Schnell wird klar: Die Aliens verfolgen ihren eigenen Plan und der Master verfolgt den Doctor. Das führt zu einer recht zwiespältigen Szene.

Denn als der Master zu den Wissenschaftlern hereinstürmt und munter “herummordet” (auch hier mit Anleihen an frühere Episoden aus der Classic-Zeit mit der bereits in der Folge zuvor verwendeten Schrumpfwaffe), erreicht er das, was er eigentlich schon immer wollte (und auch schon ein- oder zweimal erreicht hat): Die Demütigung des Doctors, der vor ihm knien muss. Dass der Doctor dies tut, um die Menschen zu retten, ist an der Stelle auch über jeden Zweifel erhaben.

Indes, und das erwähnte ich ja schon in der Kritik zur vorherigen Folge, passt das Gebaren nicht zur Charakterentwicklung des Masters, der sich in seiner letzten Inkarnation als Missy dem Doctor wieder annäherte und sichtlich zweifelte, ob man nicht besser mit ihm zusammenarbeiten und die alte Freundschaft wieder aufleben lassen sollte. Hier hat man wieder den Master vor dieser Entwicklung, ja eigentlich sogar den Classic-Master, bis hin zur “Besiegt-Szene” (doch dazu später mehr). Ja, Sacha Dhawan ist ein guter Master und man nimmt ihm in jeder Szene seine böse Arroganz ab. Aber in Bezug auf den Charakter des Masters ist seine Version an dieser Stelle ganz klar ein Rückschritt. Schade eigentlich!

Besuch auf der Erfindermesse (“Doctor Who” 12×02, BBC/FOX)

Der Trip geht weiter in das Paris des Jahres 1943 – und einem weiteren Kurzzeit-Companion, diesmal in Form von Noor Inayat Khan.

Historische Persönlichkeiten

Dass Doctor Who historische Persönlichkeiten in seine Stories einbaut, ist nicht neu und wurde bereits in der allerersten Staffel 1963 zelebriert, damals in Form der verschollenen Episode rund um Marco Polo. Ursprünglich als Lehrmöglichkeit für Schulkinder angedacht, ließ man im Laufe der Zeit die Idee wieder fallen. Sie erhielt aber in “New Who” (ab 2005) wieder ein kleines Revival, das ich gerne “Soft-Historie” nenne. Die Einbindung historischer Persönlichkeiten erfolgt nun nicht unbedingt noch zentral, sondern wird immer auch von einer starken Story rundherum getragen. Und ja, es gab früher schon gute Stories mit historischen Personen, der Holzhammer wurde aber jetzt weggelassen. Das hatte in Staffel 11 mit Rosa Parks bereits gut funktioniert und ist eigentlich auch in dieser Folge gut umgesetzt.

Ob es jetzt unbedingt wieder einmal zwei starke Frauen haben sein müssen, sei an der Stelle mal dahingestellt. Überhaupt fällt auf, dass – vor allem seit dem Geschlechterwandel – fast schon ein wenig zu sehr auf die “Auch Frauen können was”-Drüse gedrückt wird. Das mag in der letzten Staffel noch okay gewesen sein, als alle noch erwartet haben, dass sich Jodie Whittaker als Doctreuse (Doctorin?) beweisen muss. Hier ist es aber schon etwas auffallend und daher leicht nervig. Ebenso nervig ist auch das an dieser Stelle einmal mehr der durchschimmernde britische Pathos.

Natürlich muss die Agentin, die der Doctor trifft, britisch sein und natürlich wird hier wieder einmal hochgehalten, wie böse die Deutschen doch damals waren und dass die guten Briten da ja fleißig dagegen gearbeitet haben. Es mag an dieser Stelle keiner abstreiten, wie schlimm die Situation damals auch für England gewesen ist. Oder dass den Briten der Zweite Weltkrieg auch noch heute nachgeht, kann man in gewisser Weise verstehen. Aber wenn man sich das Schicksal von Khan in der realen Welt (ein Jahr KZ-Folter und Exekution) ansieht, dann ja, dann darf auch in der Serie schon mal das schlimme Schicksal der Frau und ihre Wichtigkeit herausgehoben werden. Es ist aber an der Stelle auch sowas von Klischee, dass diese Kritik erlaubt sein muss.

Historische Persönlichkeiten in dieser Folge: Ada Lovelace und Inayat Kahn.(“Doctor Who” 12×02, BBC/FOX)

Unter der Prämisse von Khans Schicksal ist es auch verständlich, dass der Doctor ihr Wissen am Ende wieder löscht. Nicht, dass hier doch noch etwas bekannt wird. Bei Ada ist es dann schon schade, denn wie sagt sie so schön: “Ich will es gern behalten.” Braucht sie nicht, sie wird genug eigene Ideen haben. Aber was ist dann mit den anderen Personen, die bei der Wissenschaftsausstellung waren, allen voran Charles Babbage? Löscht der Doctor auch das Gedächtnis all dieser Personen? Auch wenn die nicht soviel mitbekommen haben, wie ihre Kollegin, ist das vor allem im Falle des eben erwähnten Babbage doch schon etwas unfair!

Übrigens: Die Fähigkeit zur Telepathie ist nicht neu und bereits aus “Classic Who” bekannt. Doch dazu kommen wir im folgenden Absatz.

Quo Vadis, Time Lord!

Nachdem der Master nämlich den Boden hat perforieren lassen, unter dem sich der Doctor versteckt hält (wenngleich auch nicht die Stelle, an der er liegt), stellt sich natürlich auch hier wieder die Frage, was denn aus dem “Spüren” der Time Lords geworden ist. Wie bereits in der Vorwoche erwähnt, können diese das nämlich und es wird auch kurz darauf dargestellt, als der Doctor mit dem Master in Kontakt tritt. Scheinbar packt man dies nur aus, wenn das Drehbuch es erfordert und vergisst es ansonsten, damit der Rest der Handlung funktionieren kann. Auch hier gilt wieder: Etwas schade ist es schon!

Master auf dem besetzten Eiffelturm (“Doctor Who” 12×02, BBC/FOX)

Dafür punktet die Szene mit dem Funkgerät und der telepathischen Kommunikation der Time Lords. Und für alle, die jetzt meckern: Nein, Telepathie und diese Kommunikation hat bereits der zweite Doctor Anno 1969 demonstriert. Es ist also weder neu noch unglaubwürdig, auch wenn es wenig benutzt wird in der Serie (was man auch positiv sehen kann). Und das Funksignal ist eine schöne Reminiszenz an alte Zeiten des zehnten Doctors, denn es ist das Time Lord-Signal (Hey, ihr wisst schon, was ich meine. Ich muss ja nicht alles nochmal erklären an dieser Stelle!).

Die Szenen auf dem Eiffelturm zeigen dann erneut die wunderbare Dynamik zwischen Doctor und Master, die auch in den neuen Reinkarnationen funktioniert. Hier passt auch das Setting wunderbar zu dieser Charakterszene. Man merkt, dass hier zwei altbekannte Time Lords um die Kontrolle wetteifern. Die Implikationen, die dieses Gespräch mit sich bringt, werden wir uns gleich noch ansehen. Doch zunächst geht es zum Finale des Zweiteilers.

Das erste große Finale

Nachdem man die TARDIS des Masters gehijackt hat (was erstaunlich leicht geht, bedenkt man, wie abgesichert die Maschine des Doctors ist), geht es in die Gegenwart, wo man im selben Lagerhaus, das bereits in Staffel 6 die Gefangenenhalle der Stille mimen durfte (zumindest sieht es genauso aus!), die Aliens besiegt. Diese versuchen, über die Telefone der Welt sich mit den Menschen zu verschmelzen. Zumindest bei Yaz’ Vater führt dies zu einer lustigen Szene (“Verschwörung”), auch wenn natürlich klar ist, dass die Invasion letztlich abgewehrt wird.

Die Kasaavin haben also zweihundert Jahre gebraucht, um festzustellen, dass sie sich mit den Menschen verschmelzen müssen, um hier zu überleben und so ihre Invasion zu starten. Der Doctor hat, ebenfalls in der Vergangenheit, einen Fail-Safe eingebaut, um eben dies zu verhindern. So weit, so gut. Nur wenn die Aliens ebenfalls durch die Zeit reisen können, hätten sie das verhindern oder anderweitig wieder gerade biegen können, Aber gut. Timey Wimey-Zeug (oder auf Deutsch: “Schnibbedischnapp, die Zeit hat nen Knicks”).

Da ist schon eher unverständlich, dass die Kasaavin den Master mitnehmen. “Oh, er wollte uns betrügen und auslöschen?” – “Ja sowas, das wollten wir doch mit ihm auch machen!”. Eigentlich hätten die Licht-Aliens also auch ohne ihn von dannen ziehen können, zumal er vermutlich im weiteren Staffelverlauf erneut ohne Erklärung wieder auftauchen wird. Um was wollen wir wetten? Überdies: Wird man auch je wieder etwas von Barton erfahren oder verschwindet er wie der Kopfgeldjäger (ebenso in der zuvor erwähnten Folge “Rosa”) in der Versenkung? Und hat der Doctor jetzt zwei TARDISse oder was ist mit der des Masters? Nun, wir werden sehen…

Das zweite große Finale

Nach diesem doch eher unspektakulären Abgesang auf die Bösewichter der Story kommt der große Knall. Denn der Master teilt dem Doctor mit, dass die Time Lords ausgelöscht sind. Also, mal wieder. Diesmal endgültig (gaaaanz sicher!). Zur Erinnerung: Mit der Ära Russel T. Davies (9.-10. Doctor) wurden die Time Lords als ausgelöscht hingestellt. Die Daleks hatten einen Zeitkrieg vom Zaun gebrochen und ja, wir besuchten das Gallifrey des Zeitkrieges zwar einmal (Special “Das Ende der Zeit”), aber im Grunde blieb die Prämisse unangetastet.

Was in Staffel 11 grandios gescheitert ist (Befreiung von Altlasten), war damals in Staffel 1 von “New Who” nicht nur innovativ, sondern funktionierte auch im Rahmen der Story grandios. Endlich musste man keine Rücksicht mehr auf die vielen Time Lords und die Verwicklungen nehmen und konnte sich von alten Story-Zwängen befreien und neu beginnen. Sicher auch mit ein Grund, warum der Einstieg für Neulinge gut funktioniert hat.

Das schockierende Finale um Gallifrey (“Doctor Who” 12×02, BBC/FOX)

Dann kam Steven Moffat, dem das Ganze wohl nicht so gefiel, und holte im 50er-Jahre-Special 2013 die Time Lords samt Planeten wieder zurück. Sicher, der Kniff war durchaus gelungen und der Doctor bekam einen neuen Regenerationszyklus spendiert. Und auch wenn man Gallifrey ab und an besucht hatte (in teils durchaus gelungenen Stories), schmeckte die Wiederkehr doch etwas schal.

Nun sind die Time Lords also erneut ausgelöscht. Ob es diesmal endgültig ist, darf indes bezweifelt werden. Vermutlich wird zum Staffelende der Status Quo wiederhergestellt. An und für sich war der Schockmoment aber durchaus gelungen. Verantwortlich zeichnet sich an dieser Stelle der Master. Wie er aber sein Volk ausgelöscht hat, bleibt uns die Folge schuldig. (Denn dass die Time Lords Superwaffen haben, die das können, ist natürlich seit besagtem 2013er Special bekannt.) Die Erklärung, warum er es gemacht hat, ist aber dann schon etwas seltsam.

Die Time Lords haben gelogen und ihre Gesellschaft wurde nicht wie bekannt gegründet, sondern diese basiert auf dem Zeitverlorenen Kind. Okaaay. Auf der einen Seite ist es gut, dass wir wieder einen Staffel übergreifenden Handlungsbogen haben. Das war die letzten Jahre über sträflich vermisst worden. Auch das war von Russel T. Davies eingeführt worden und bis Staffel 4 gang und gäbe. Der letzte große Handlungsbogen war dann aber Staffel 5, auch wenn es genau genommen noch ein/zwei Staffeln so weiterging. Aber man hatte sich dann darauf verlegt, den Handlungsbogen in der ersten Folge der Staffel einzuführen, die restliche Staffel über nichts mehr davon zu erwähnen und in der letzten Folge eher ganz fix aufzulösen. Wollen wir hoffen, das es dieser Staffel nicht auch so geht und die Hatz nach dem Kind wirklich auch in den nächsten Folgen Thema sein wird.

Doch zurück zum Master: Der hätte eigentlich allen Grund, Gallifrey zu vernichten. Immerhin haben die ihn sein Leben lang manipuliert und auch seinen Wahnsinn ausgelöst. Aber all das ist nicht der Grund, sondern das zeitverlorene Kind … nun ja. Dann hoffen wir mal, dass dieses Kind wirklich eine derartig gute Erklärung abliefert, um das zu rechtfertigen. (Es werden Wetten angenommen, Leute!). Vielleicht sollte man seine Erwartungen aber nicht zu hoch schrauben, denn viel zu viele Serien der letzten Zeit waren in der Hinsicht eher enttäuschend.

Immerhin darf der Doctor aber nochmal in einer schönen Charakterszene zeigen, dass auch er umdenken muss (auch wenn der Grund wieder einmal Gallifrey ist). So öffnet er … ach verdammt, “sie”… sich für ihre Begleiter und erzählt ihnen endlich von sich. Ein durchaus starkes und versöhnliches Ende für die Folge.

Fazit

Die Episode ist zwar nicht mehr ganz so gut wie der unmittelbare erste Teil, aber sie macht  trotzdem Spaß. Zu viele Patzer in den Details drücken leider etwas das Gesamtbild. Vor allem der Schock am Ende kann das Ruder aber nochmal herumreißen. Hinzu kommen schöne Charakterszenen und eine Abrundung der James Bond-Parodie. Die neue Staffel startet also immer noch stark.

PS: Wie bei “Doctor Who” üblich, gibt es bei jeder Staffel auch wieder Specials. Beachtet also bitte unseren aktualisierten Specials-Guide.

Bewertung

4 out of 6 stars (4 / 6)

Episoden-Infos

Episodennummer 288 (Staffel 12, Episode 2)
Originaltitel Spyfall Part 2
Deutscher Titel Spyfall Teil 2
Erstausstrahlung UK 5. Januar 2020, BBC One
Erstausstrahlung Deutschland Donnerstag, 30. Juli 2020, FOX-Channel
Drehbuch Chris Chibnall
Regie Lee Haven Jones
Laufzeit 60 Minuten
Einschaltquoten (England) 6, 07 Millionen

 


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