Mit der Geschichte von Hanns Heinz Ewers begeben wir uns nach Frankreich ins Jahr 1903. Was sich dort Gruseliges zuträgt, erfahrt ihr in dieser Rezension.

Inhalt

In einem heruntergekommenen Varieté verliebt sich Graf Vincenz d’Ault-Onival in die schöne Stanislawa, die ihren Lebensunterhalt als Sängerin und Dirne verdient. Obgleich der Graf ihr sein Herz zu Füßen legt, bringt es Stanislawa nicht über sich, seine Liebe zu erwidern. Erst, als sie an der Schwindsucht erkrankt und der Arzt ihr einen baldigen Tod prophezeit, willigt sie in eine Hochzeit mit dem Grafen ein. 

Kritik

Hanns Heinz Ewers, der Autor der Vorlage, zeichnet sich dadurch aus, dass er gesellschaftliche Themen der damaligen Zeit – die Geschichte spielt um die Wende zum 20. Jahrhundert – akribisch auseinandernimmt und düstere Untertöne einflicht. Seine zentralen Themen sind: Moral, Genuss, Tod, Übersinnliches und exotische Gegenden. Diese Folge ist keine Ausnahme. 

Mir gefällt das Zusammenspiel der Charaktere. Allesamt haben sie einen Makel, sie hassen und lieben, betrügen und vergeben sich wieder. Äußerst spannend, wie sich die Geschichte im Fortgang entwickelt. Mir fiel auf, dass sich meine Einstellung der Protagonistin gegenüber grundlegend veränderte. Zu Beginn fand ich sie zugegebenermaßen einfach nur arrogant. Doch dann kamen immer weitere Facetten ihres Wesens zum Vorschein, die bei mir Verständnis für ihre Überheblichkeit erzeugten. 

Ein weiterer Pluspunkt ist die gehobene Sprache, denn selbst bei emotionalen Szenen verlieren die Figuren nie die Contenance. Das Setting ist größtenteils auf dem Anwesen des Grafen angesiedelt, lediglich zu Beginn gibt es einen kurzen Ausflug ins Varieté, am Ende begleitet man den besten Freund des Grafen nach Indien. Ein Hörspiel steht und fällt mit der Sprecherbesetzung und genau hier hätte man nichts besser machen können. Patrick Bach spielt den verliebten Grafen in einer herzzerreißenden Weise, dass man mitfühlt, wenn Stanislawa ihn wieder einmal widerwärtig behandelt. Dietmar Wunder gibt den narzisstischen Jan Olieslagers, der den einzigen Menschen spricht, der Stanislawa halbwegs das Wasser reichen kann. Ja, und schließlich die facettenreiche Stanislawa selbst. Sie wird von Daniela Hoffmann gesprochen, die auf eine ansehnliche Liste von Engagements zurückblicken kann. Sie macht auch hier ihre Sache hervorragend. Man liebt und hasst sie. Und mit dieser Ambivalenz allen Figuren gegenüber wird man am Ende zurückgelassen. 

Die Vertonung abseits des gesprochenen Wortes lässt sich ebenfalls hören. Als Einleitung (Varietészene) erklingt zeitgenössische Musik. Später wird es etwas klassischer, im Laufe der Handlung mischen sich finstere Untertöne dazwischen. Ansonsten ist man in dieser Folge eher sparsam mit Geräuschkulisse, was ich als angenehm empfand. Ich brauchte kein lautes Feuerknistern oder ständiges Gluckern von Getränken. Das hätte nur abgelenkt. 

Das ebenfalls gelungene Cover zeigt Stanislawa im Sarg liegend. Auffallend heben sich ihre roten Haare, mit gelben Blumen geschmückt, vom dunklen Blau des restlichen Covers ab. Der Illustrator ist Ertugrul Edirne. 

Fazit

Diese Folge ließ mich nachdenklich zurück. Ich kann sie nur weiterempfehlen, denn sie schockt nicht mit Horroreffekten, sondern entfaltet ihre Wirkung in der Tiefe. 

5 out of 5 stars (5 / 5)

Information: Ein Exemplar des Hörspiels wurde dem Autor vom Label zum Zwecke der Rezension kostenlos überlassen.

Quick-Infos

Autor: Hanns Heinz Ewers / Hörspieladaption: Marc Gruppe
Originaltitel: Der letzte Wille der Stanislawa d’Asp
Jahr der Veröffentlichung (Original): um 1900
Label: Titania Medien
VÖ: September 2020
Preis: 7,99 EUR
ISBN: 978-3-7857-8190-6
Hörspiellänge: über 76 Minuten


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