Fast 15 Jahre und über ebenso viele Teile hat das “Assassin’s Creed”-Franchise nun schon auf dem Buckel. In den nächsten Wochen werden wir daher eine kleine Reise unternehmen und uns alle Teile der Reihe zu Gemüte führen. In Teil 9 sehen wir uns Liberation an und damit die erste weibliche Heldin des Franchise. Begleitet uns also nun auf unserer “Assassin’s Creed Odyssee”.

Übrigens: Der Titel der Artikelreihe “Odyssee” ist wegen “AC: Odyssey” gewählt worden. Sicherlich, es erscheint nun bald “Valhalla”, aber die Reihe war schon länger in Planung und der Titel passt irgendwie immer noch.

Mit “Liberation“ widmen wir uns einem neuen Handheld-Ableger, diesmal für die PS Vita. Aber keine Sorge, es gab zeitgleich auch eine PC-Fassung.

Aveline als Heldin und die Ubisoft-Formel

Und mit dieser Fassung wurde sogleich die erste Neuerung eingeführt: Diesmal spielen wir eine weibliche Heldin namens Aveline.

Grafisch ist man wieder einen Schritt nach vorne gegangen. Ok, hier muss man fair sein. Zwar sieht jedes neue “AC”-Game besser aus als das vorherige, bei Aveline hat man aber trotzdem den Eindruck, manchmal etwas unschärfere Texturen zu haben. Klar, das Ding wurde halt auch für eine Konsole entworfen, daher kann man nicht erwarten, dass es an den zeitgleich erschienen “Assassin’s Creed 3” herankommt. Trotzdem ist auch hier – wenn auch in kleinerem Maßstab – das Sightseeing wieder ein Augenschmaus. Aussichtspunkte syncen, Todessprung… das alles ist inzwischen die Standard-AC-Formel und auch hier vorhanden.

Auf jeden Fall ist es ein Schockmoment, wenn man in den Sümpfen von Lousiana von einem Krokodil angesprungen wird. Wie im echten Leben kann man die manchmal von Baumstämmen nicht unterscheiden und hier wurde das Ganze wieder sehr akkurat umgesetzt. Auch das Erklimmen von hohen Bäumen im Sumpfgebiet wird an dieser Stelle zu einer kleinen Herausforderung.

Wieder malerische Landschaften in “Liberation” (Bild: Ubisoft Promobild)

Hinzu kommt die Ubisoft-Formel: Das heißt, es gibt auch wieder genug Sammelobjekte, um uns bei der Stange zu halten. Zugegeben, es sind nicht so viele wie im großen Bruder. So gibt es etwa Maya-Statuen und Krokodileier zu sammeln und auch Tagebuchseiten kann man ergattern. Truhen dürfen auch nicht fehlen, man braucht ja Geld. Es ist aber deutlich überschaubarer als in einem der “großen” Spiele.

An der Stelle sollte man auch mal erwähnen, dass man die Citizen E-Aufgaben komplett machen sollte. Dies sind zumeist über die Karte verstreute Attentate, die immer mal wieder auftauchen. Nur wenn man alle macht, bekommt man das wahre Ende des Spiels zu sehen. Richtig gelesen : Es gibt ein geheimes Spielende bzw. eine erweitere Endsequenz. Diese gibt es aber nur, wenn man auch alle Aufgaben erledigt. Das sollte man wissen, um nicht einen wichtigen Storypunkt zu verpassen.

Ja, was die Sammelaufgaben angeht, stellt sich langsam eine gewisse Ermüdung ein. Und doch hat man bei jedem neuen “AC” wieder neu das Gefühl, dass man das jetzt unbedingt machen und sammeln muss. Ein Teufelskreis – oder anders ausgedrückt: Die Formel geht komplett auf! Sogar kleinere Nebenmissionen gibt es wie gehabt in den Städten.

Multiplayer

Auch in “Liberation” gibt es einen Multiplayer, aber nur in der PS Vita-Version. PC-Spieler etwa schauen in die Röhre. Allerdings verpasst man an dieser Stelle nicht viel. Über eine Weltkarte verteilt sind Hotspots, die anzeigen, wo etwas los ist. Dort kann man hinklicken und dann eben als Templer oder Assassine gegen andere Spieler spielen.

Denkt aber jetzt nicht, dass ihr wie im Hauptspiel (“AC” Teil 3) gegeneinander auf einer Karte kämpft. Nein, ihr müsst einen Charakter auswählen und der Gegner auch. Und je nachdem, wer einen mit besseren Werten gewählt hat, bekommt den Sieg und die Kontrolle über den Hotspot. Und dann geht es weiter zum nächsten Hotspot. Es ist also eigentlich nur ein bisschen wildes Rumgeklicke. Und mal ehrlich: Das hätte man sich auch sparen können. Denn storytechnisch steckt hier absolut nichts dahinter. Folglich verpasst man auch wirklich nichts von Bedeutung, wenn man den Multiplayer an der Stelle links liegen lässt.

Schleichen, Meucheln, die übliche Mischung gibt es auch hier (Bild: Ubisoft Promobild)

Weitere Neuerungen: Kleiderschrank

Das Besondere an Aveline als Heldin ist, dass man mit ihr wieder mal ein paar Experimente versucht hat. Zum einen ist da die Tatsache zu nennen, dass man einen weiblichen Charakter spielt, was von Fans vor allem ab Unity verstärkt gefordert worden war. Wobei die meisten Fans diesen Ableger wohl vergessen haben. Aber gut, wenn man nur die Hauptreihe spielt…

Und zugegeben, Aveline bewegt sich etwas breitbeinig und erinnert eher an einen Mann, aber damit kann man leben. Es ist jedenfalls keine Rechtfertigung für das “Unity”-Fiasko – aber dazu kommen wir, wenn wir bei “Unity” angelangt sind. Bei Aveline und der wunderbaren Landschaft von New Orleans und seinen Sümpfen hat man sich überlegt, dass man ihr Outfit an bestimmten Stellen des Spiels ändern kann. Taktisch geschickt (oder manchmal auch ungeschickt) sind in der Welt nämlich Umkleiden platziert worden.

Hier kann Aveline in drei Outfits schlüpfen: Zum einen das bekannte Assassinen-Outfit. Hier kann sie alles tun, was man auch sonst tun kann. Kämpfen, schleichen, meucheln. Dann das Outfit der Sklavin. Hier kann sie nur eingeschränkt kämpfen und ist schwächer, wird aber von den Wachen in der Stadt in Ruhe gelassen, sofern sie sich nicht zu auffällig verhält. Und das dritte Outfit im Bunde ist das der Dame. Hier ist Aveline in einem schicken, weiten Kleid unterwegs, kann sogar Wachen mit Flirts ablenken und ist sonst auch recht unauffällig. Dafür kann sie im Kleid aber weder kämpfen noch irgendwo hochklettern.

Der Kleidertausch kann dabei aber nur in New Orleans stattfinden – es wäre ja auch unsinnig, im Kleid durch die Sümpfe zu stapfen (da könnte man dann ja auch nicht schwimmen, was seit Teil 2 natürlich auch jeder Charakter kann, was stellenweise eben nötig ist).

Beispiel für ein Kleid, eines der drei Outfits (Bild: Ubisoft)

Bestimmte Missionen in der Stadt, wie etwa Sklavenbefreiungen, kann man auch nur im Sklaven-Outfit annehmen. An und für sich ist diese Idee sicherlich nicht schlecht, an der Umsetzung hapert es allerdings mal wieder – ähnlich wie bei so einigen anderen Dingen. Einerseits brauche ich den Kleiderschrank nicht wirklich, da ich immer noch alle Wachen umhauen kann, wenn ich will. Gut, für eine Konsole macht das Sinn, da hier das Kampfsystem nicht ganz so umgesetzt werden kann wie etwa in “AC 3”. Aber auch sonst wurde aus der Mechanik einfach viel zu wenig gemacht. Bis auf die Storymissionen, die mir die Kleidung zwingend vorschreiben, kann ich mich in gewohnter Assassinen-Kluft durch die Lande schnetzeln und verpasse nichts. Hier hätte man mehr Möglichkeiten einbauen können, mit unterschiedlichen bzw. anspruchsvolleren Missionen mit dem Kleidungswechsel.

Die Story

Auch an der Story hapert es bei “Liberation” leider etwas. Das beginnt mit einem kurzen Blick in die Vergangenheit, der aufzeigt, wie Aveline ihre Mutter verliert. Dieser Rückblick dient quasi als Tutorial. Und danach befinden wir uns mit Aveline in New Orleans, die mit sich hadert weil… ja, warum eigentlich? Weil sie sich mit dem Assassinen-Mentor der Region zerstritten hat. Nähere Hintergründe dazu erfahren wir aber nicht. Als man später den Cheffe trifft, versucht dieser sogar sie abzumurksen. Muss ja ein heftiger Streit gewesen sein! Hier wäre etwas mehr Tiefgang nicht nur hilfreich, sondern sogar essentiell gewesen. (Für alle Puristen: Sicherlich, man hat den Eindruck, der Wahnsinn hätte ihn heimgesucht, aber von Anfang an mehr Kontext zwischen den beiden wäre halt hilfreicher gewesen).

Darüber hinaus erstreckt sich die Handlung über mehrere Jahre und zwischendrin wird man nur immer mit kleinen Texttafeln abgespeist. So in etwa: Es sind nun ein paar Jahre vergangen, in denen Aveline weiter gesucht hat. Auch hier fehlen wesentliche Bestandteile der Story und man hat mehr als einmal das Gefühl, was wichtiges verpasst zu haben.

Und hier das Kleid in der Remastered-Version aus derselben Szene. Ist schon schicker. (Bild: Ubisoft)

Davon mal abgesehen, gewinnt die Story auch gewiss keine Innovationspreise. Wieder einmal ist Aveline dabei, die Präsenz der Templer zu eliminieren. Und sie sucht nebenbei auch ein Artefakt der Ersten Zivilisation, das dieses Mal ein einfacher Rekorder ist. Das war – vom Grundprinzip her betrachtet – eigentlich noch immer die Story aller bisherigen “AC”-Games gewesen. Dabei sucht Aveline auch noch die Mörder ihres Vaters, was für den Spieler aber ziemlich schnell offensichtlich wird. Als die Mörderin schließlich enthüllt wird (Überraschung: Es war die böse Stiefmutter, die auch noch Templerin ist), versucht diese sogar, Aveline für die Templer-Organisation zu rekrutieren. Im weiteren Verlauf des Spieles sieht es dann tatsächlich so aus, als würde man mal Assassinen töten (“Rogue“, ich höre deine Vorboten…).

Dies hat natürlich mit dem Ende zu tun, denn dort bringt Aveline scheinbar ihrer Stiefmutter das Artefakt und schließt sich den Templern an. Hoffentlich hast du an dieser Stelle dann alle Citizen E-Missionen gemacht, denn dann sieht man das wahre Ende und erfährt, dass das nur Schein war und Avline im Anschluss alle niedermetzelt. Assassinen über alles! Warum dem so ist? Nun, das erfahren wir im nächsten Teil, denn in der “Welt” von “Asssassin’s Creed” ist “Liberation” das erste echt verkaufte VR-Spiel von Abstergo – und da will man die Templer halt gut aussehen lassen.

So sehr ich die Gegenwartshandlungen auch mag, hier ist man dann schon etwas übers Ziel hinausgeschossen. In den ersten Spielen war es ja noch so, dass man die Templer davon abhielt, mithilfe von Satelliten voller Edensplitter die Welt zu kontrollieren. Das fand sein Finale in “Assassin’s Creed 3”, wo Desmond sich opfert, um eine Sonnenkatastrophe abzuwenden. Dass Abstergo bzw. die Templer also den Versuch unternehmen, als Konzern Fuß zu fassen und die Welt zu manipulieren, macht schon Sinn. Aber ein Assassinen-Spiel herauszubringen, um genetische Infos der Spieler abzugreifen? Zumal dann auch die Edensplitter und so weiter der Öffentlichkeit bekannt würden. Nun ja, das macht dann allerdings nicht wirklich Sinn – selbst dann nicht, wenn die Assassinen (siehe nächster Abschnitt) sich mit reingehackt haben. Denn auch denen dürfte es zuwider sein, wenn allzu viel bekannt wird.

Aber keine Sorge: Eine richtige Gegenwartshandlung gibt es in diesem Teil nicht – von den üblichen Texttafeln mit Hintergründen (Shaun hat sich dank Erudito auch mit reingehackt) mal abgesehen. Highlight der Story ist aber ohnehin das kleine Crossover zwischen Connor und Aveline, die sich kurz treffen und dabei eine Brücke überqueren. Klar, das hat im Kontext der Hauptstory keinerlei Relevanz (da sie ihm nur Dokumente übergibt) und ist auch in wenigen Minuten vorbei. Es ist aber eine schöne Verquickung zu “AC 3”.

HD Remaster

Auch zum letztjährigen “HD Remaster” muss man ein paar Worte verlieren, wobei das “HD Remaster” schon etwas verwirrend ist. “Liberation“ erschien nämlich ursprünglich als “Liberation HD” für den PC, um anzuzeigen, dass man die PS Vita-Version mit HD-Texturen versehen und für den PC angepasst hatte. Und jetzt erscheint ein “HD Remaster”.. also eine HD-Version von… HD?

Selbstredend ist – wie auch bei “AC 3”  – kein Multiplayer integriert, aber das war ja bei “Liberation” für PC noch nie der Fall gewesen. Beim Single Player werden aber erneut keine Savegames vorheriger Versionen übernommen. Man muss also ganz von vorne anfangen. Was auffällig ist, ist, dass Aveline nun eher wie der Joker aussieht.

Zur Erklärung: Aveline hat einen weißen Vater und eine schwarze Mutter, ist also ein Mischlingskind. In der ursprünglichen Fassung von “Liberation” hat man ihren Teint daher mit einem leicht anderen Hautton im Gesicht gezeigt. In der “Remaster-Version” wurde der nochmal aufgepeppt und erscheint nun fast weiß….

Das Gesicht sieht Remastered schon schärfer aus – allerdings auch mit weißen Streifen drin. (Bild: Ubisoft)

Davon abgesehen wurden die Texturen aber ordentlich überarbeitet und wie bei “AC 3” sieht alles wirklich einen Ticken besser aus.

Fazit

Obwohl die obige Rezension nach viel Meckerei klingt, ist “Liberation“ unter der Strich ein solides Spiel. Klar, die Story mag nicht der Kracher sein, aber als Assassine durch die Sümpfe zu jagen, macht dennoch immer noch Spaß. Und mit 13 Stunden Spielzeit (bei mir auch noch mit wieder einmal 87% Sync) kann man sich bei einem Konsolen-Titel wahrlich nicht beschweren.

Bewertung: 4 out of 5 stars (4 / 5)

Wertungsspiegel

Grafik 1: “Liberation” Spielzeiten

Reisezeit

Was? Will das wirklich noch jemand lesen? Na gut, na gut, wir machen ja schon. Diesmal schlagen wir für das New Orleans-Stadtgerenne pauschal mal 5*20 km auf den Zähler und beginnen mit 100 km. Der Rest liegt auf dem Weg und die Sümpfe und Chichen Itza durchqueren wir quasi im Vorbeigehen. Hier sind wir mal nicht päpstlicher als der Papst und rechnen nur mit der einmaligen Wegstrecke.

Danach geht es in die Sümpfe, zurück in die Stadt und via Schiff nach Chichén Itzá in Mexiko. Zurück nach New Orleans und dann nochmal nach Mexiko. Es folgt ein Abstecher nach New York (Treffen mit Connor), ins Bayou und später zum Finale nochmal nach New Orleans! Kaum zu glauben, aber da läppert sich was zusammen!

Grafik 2: “Liberation” Reiseweg

11.107 Meilen oder 17.974 km (+100 inklusive, siehe oben) sind es und damit spielt auch “Liberation” in der “AC”-Riege mit. Und ja, genau genommen ist die Reise nach Chichén Itzá via Schiff kürzer. Auf dem Landweg sind es 3.250 km, während es auf dem Schiffsweg nur 1.050 km sind. Wir fahren die Strecke im Spiel zweimal hin und zurück. Die Differenz beträgt 2.200 km. D.h. von der Gesamtlänge müssen 4 * 2.200 (8.800) abgezogen werden. Bleiben wir am Ende bei 9.174 km. NERDTIME!

Grafik 3: Chichen Itza Entfernung via Schiff

Die Reisezeit von ca. 500 Stunden (etwa die Hälfte) per Fahrrad dürfte dabei in etwa auch der per Pferd oder Kutsche entsprechen. Das sind immerhin 20 Tage.

Grafik 4: “Liberation” Reisezeit

Spiel-Infos

Titel Assassin’s Creed: Liberation
Publisher Ubisoft
Erscheinungsjahr 2012
Genre Action-Adventure, Open-World, Stealth
Plattformen PC, PS-Vita

 


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Thomas Götz

Seitdem er 1985 zum Ersten Mal Episode IV sah und ausrief "Aber das heisst doch, Vader ist Lukes Vater" ist Tom der Science Fiction verfallen. Star Trek Fan wurde er, wie viele seiner Kollegen, 1990 mit "The Next Generation" in Deutschland. Seine ersten Buchrezensionen zu Star Trek Büchern erschienen schon 1995 im Alter von 16 Jahren im Star Trek Fanclub. Seit 2006 schreibt er auch Online Rezensionen (ab 2009 Trekzone-Exklusiv) und hat kürzlich seine 2000.Rezension veröffentlicht.

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