Die dritte Episode der dritten Staffel versprüht jede Menge klassisches “Star Trek”-Flair, leidet aber abermals an einer unspektakulären Story und einem entsprechend schwachen Antagonisten. Nichtsdestotrotz hat die neue Staffel einen vielversprechenden Kurs eingeschlagen. Achtung, Spoiler!

“Star Trek: Discovery” © CBS

Nummer Eins auf die Brücke!

Für die Inszenierung von “People of Earth” zeichnet einmal mehr “Star Trek”-Ikone Jonathan Frakes (68) verantwortlich, weshalb es nicht überrascht, dass diese Episode an zahlreichen Stellen klassisches “Star Trek”-Flair versprüht. Erfreulicherweise kommt diese Episode gänzlich ohne übertriebene Gewaltdarstellung aus und setzt vielmehr auf die ruhigen, zwischenmenschlichen Töne.

Man darf den Produzenten an dieser Stelle ein sehr gutes Gespür für die Auswahl der jeweiligen Regisseure attestieren. Obwohl wir seit “Star Trek: Der erste Kontakt” wissen, dass auch Frakes rasante Action inszenieren kann, ist Olatunde Osunsanmi für die Knaller-Folgen wohl die bessere Regie-Alternative. Frakes hat hingegen ein hervorragendes Gefühl für die einzelnen Charaktere und deren zwischenmenschliche Dynamik. Folglich wirkt die emotionale Wiedervereinigung der Crew in “People of Earth” auch angenehm authentisch – selbst Burnhams erneut reichlicher Tränenfluss. Frakes‘ Inszenierung findet hier – für “Discovery” leider eher ungewöhnlich – ein gesundes Maß an Drama und Emotionalisierung. Diese bedächtige Mischung würde ich mir für “Discovery” häufiger wünschen.

Jahr der Metamorphose

Ein Kompliment hat sich auch der Autorenstab verdient, dem es zu meiner Überraschung gelungen ist, der Protagonisten Michael Burnham eine durchaus spannende Metamorphose ins Drehbuch zu schreiben. Denn wie wir bereits im Finale der vorangegangenen Episode erfahren haben, hat Burnham nun ein ganzes Jahr im 32. Jahrhundert verbracht. Von dieser wohl sehr schwierigen und prägenden Lebenserfahrung haben die Zuschauer bisher allerdings kaum etwas gesehen oder erfahren – von einigen wenige Infoschnipseln mal abgesehen. Und jene fehlenden Puzzleteile machen diese Figur nun wieder zu einem kleinen (oder großen?) Mysterium.

Tatsächlich wirkt Burnham in “The People of Earth” deutlich entspannter, lebensfreudiger und humorvoller als früher. Die Chemie zwischen ihr und Book wirkt authentisch, was auch dem erzählerischen Kniff geschuldet ist, dem Zuschauer ein Jahr Beziehungsentwicklung (zunächst) vorzuenthalten. Man hat offensichtlich aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, denn in den ersten beiden Staffeln wirkten einige von Burnhams freundschaftlichen (Airiam, Saru) und romantischen (Ash) Beziehungen doch arg übers Knie gebrochen.

Burnham und Saru in "People of Earth" (Bild: ViacomCBS)

Burnham und Saru in “People of Earth” (Bild: DSC 3×03 © CBS)

Natürlich wandelt man hier auf einem schmalen Grat, denn Burnhams ‘Jahr der Hölle’ im 32. Jahrhundert (und der damit verbundene Wissensvorsprung) birgt natürlich einmal mehr die Gefahr, Burnham erneut mit einem übertrieben emotionalen Rucksack auszustatten und die Figur darüber hinaus auch (abermals) unangenehm messianisch darzustellen. Kommt nach dem Kriegsschuld- (Klingonen), Mentor- (Georgiou), Bruder- (Spock) und Mutter- (Gabrielle) nun also der Omniszienz-Komplex?

Auf der anderen Seite könnte diese neue Burnham auch eine spannende neue Dynamik in die Crew tragen. Ihr (kleiner) Konflikt mit Saru, dem sie zwar das Kommando, nicht aber das Initiativrecht überlässt, zeigt das dramatische Potential dieser Captain-Number One-Konstellation. Mich erinnert diese Kombo sehr stark an das temporäre Kommando-Duo Data/Worf in “Gambit, Part 2” (TNG 7×05) und den damit verbundenen Kontrast zwischen dem abwartenden, emotionslosen Data und dem vorpreschenden, emotionsgesteuerten Worf. Saru ist gewiss ein toller Captain, aber die letzten beiden Episoden haben doch gezeigt, dass er in einigen Situation vielleicht doch zu prinzipienorientiert und zu wenig pragmatisch kommandiert. Burnham ist in meinen Augen aber (noch) keine glaubwürdige Alternative.

Das, was du zurücklässt

Ebenfalls gelungen sind die Szenen zwischen Burnham und Tilly, die sich gegenseitig anvertrauen, was ihr Seelenleben belastet. Burnham ist bereits gelungen, was Tilly noch bevorsteht: Den letzten Schritt zu gehen und sich auch emotional der Realität zu stellen. Das einstige Leben ist unwiederbringlich verloren, die eigene Familie ist seit fast einem Millennium tot. Eltern, Geschwister, Freunde – sie alle haben ihre Leben gelebt. Ohne Tilly. Und das alles liegt solange zurück, dass man davon ausgehen muss, niemals zu erfahren, wie diese Leben ausgesehen haben.

Dass diese Erkenntnis Tilly in eine tiefe Depression stürzt, ist absolut nachvollziehbar und von Mary Wiseman und Sonequa Martin-Green auch schön gespielt. Mich hat Tillys Sinnfrage, die sie an ihr eigenes Leben stellt, doch sehr an Claire Raymond aus “The Neutral Zone” (TNG 1×26) erinnert, wo diese Thematik ebenfalls sehr gut umgesetzt worden war.

Burnham plagen hingegen ganz andere Sorgen. Sie hat sich aus Selbstschutz von der Discovery gelöst und muss nun wieder einen Weg nach Hause finden. Dies ist gewiss eine kleine Wiederholung des Culber-Arcs, wird aber hoffentlich etwas konsequenter erzählt werden.

Earth First

Nach dem emotionalen Prolog der Episode geht es also erstmals zur Erde, um herauszufinden, was im 32. Jahrhundert aus dem blauen Planeten geworden ist. Und ich muss sagen, dass es “Discovery” absolut gelungen ist, meine Erwartungen diesbezüglich zu unterlaufen. Die Erde ist nicht mehr das Zentrum der Föderation. Die Erde ist nicht einmal mehr Mitglied dieser geschichtsträchtigen und wirkungsmächtigen Allianz! Föderation und Sternenflotte haben die Erde zu deren Schutz verlassen und sich in die unendlichen Weiten des Alls verdrückt.

“Star Trek” verarbeitet an dieser Stelle nicht nur den Brexit, sondern auch den immer größer werdenden Riss im transatlantischen Verhältnis. Und natürlich in gewisser Weise den Trumpismus der letzten vier Jahre. Aber in guter, alter “Star Trek”-Tradition hat man diese Parabel diesmal – im Gegensatz zur Zerstörung von Romulus in “Picard” – etwas verfremdet,  was ich auch sehr begrüße. Eine gewisse Abstraktionsfähigkeit darf man den Zuschauern gewiss zutrauen – vor allem den Trekkies. Es muss nicht immer der (heute viel zu oft bemühte) Holzhammer sein.

UEDF statt Sternenflotte: Im 32. Jahrhundert ist die Erde aus der Föderation ausgetreten (Bild: DSC 3×03 © CBS).

Wenig überzeugend fand ich allerdings die Charakterisierung der UEDF, deren 180 Grad-Wende – erst feindselig, dann gastfreundlich – sich viel zu schnell ereignet und dadurch unplausibel wirkt. Auch der Konflikt mit den Bewohnern des Titans überzeugt nur bedingt. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber auf mich wirkt dieser Teil der Handlung doch sehr übers Knie gebrochen. Die finale Lösung kommt mir etwas zu ad hoc, auch wenn hier natürlich “Star Trek” in Reinkultur vorliegt. Folglich haben wir es auch hier wieder mit einem sehr blassen “Bösewicht” (Wen) zu tun. Die Geschichte hat mich über weite Strecken auch etwas an die Konflikte zwischen der Erde (bzw. Erd-Sternenflotte) in “Enterprise” und den verschiedenen Erdkolonien und Transportschiffen erinnert.

Für die Darstellung der Erde des 32. Jahrhunderts hätte ich auch irgendwie eine etwas größere und spektakulärere Story erwartet – und erhofft. Von daher hat mich “People of Earth” auch ein bisschen enttäuscht.

Schmusen mit dem Picard-Baum

Nach “Fern der Heimat” nimmt sich auch “Bewohner der Erde” wieder sehr viel Zeit für die Crew und diverse Charaktermomente. Besonders einprägsam ist hier natürlich die Szene auf dem ehemaligen Campus der Sternenflottenakademie. Der Baum, den die Crew aufsucht, ist natürlich eine Hommage an “The Next Generation”, denn dort kam Jean-Luc Picard in seiner Akademiezeit sehr gerne zum Lernen hin.

Tilly findet Halt am alten “Akademie-Baum” (Bild: DSC 3×03 © CBS).

Ich hätte es allerdings sehr originell gefunden, wenn es im 32. Jahrhundert in San Francisco keine Golden Gate Bridge mehr gegeben hätte. Dass eine Brücke aus dem 20. Jahrhundert auch 1200 Jahre später noch existiert, ist nicht unbedingt sehr wahrscheinlich. Außerdem hätte ein radikaler visueller Bruch mit den bisherigen Erscheinungsbildern San Franciscos in “Star Trek” die traurige Entwicklung der Erde zusätzlich unterstrichen.

Mal wieder eine Suche

Die Suche nach der Föderation respektive Sternenflotte bildet nun also den erzählerischen Kern der neuen Staffel – oder zumindest des ersten Teils. Ganz ehrlich: Kreativ ist das nicht unbedingt. Hier werden doch Erinnerungen an die zweite Staffel von “Discovery” (Spock) und die erste Staffel von “Picard” (Soji) geweckt.

Dass man die Sternenflotte finden wird, hat bereits der Trailer verraten. Allerdings darf man wohl davon ausgehen, dass sich die Föderation und ihre Sternenflotte nicht unbedingt so entwickelt haben, wie Burnham und Co. momentan noch annehmen. Womöglich hat sich der einstige “wohlwollende Hegemon” Föderation zum rücksichtslosen interstellaren Player (nach dem Motto “V’Dryash first!”?) entwickelt. Dies würde jedenfalls zur wohl angedachten Parabel dieser Staffel passen.

Willkommen an Bord!

“People of Earth” führt mit Adira (Blu del Barrio) auch einen neuen Charakter ein. Die Konzeption dieser Figur wirkt auf den ersten Blick etwas wie eine Mischung aus Wesley Crusher (Wunderkind), Ezri Dax (Unsicherheit, Aussehen) und Seven of Nine (Selbstfindungssuche).

Blu del Barrio spielt Adira (Bild: DSC 3×03 © CBS).

Viel kann man nach dem ersten Auftritt Adiras noch nicht über dieses neue Crewmitglied sagen, aber die Geschichte mit dem Trill-Symbionten klingt schon mal ganz vielversprechend.

Fazit

Mit “People of Earth” schlägt “Discovery” erstmals in Season 3 die eher ruhigeren Töne an. Inszenierungsstil, Storyline und Konfliktlösung erinnern sehr stark an den Spirit des “alten Star Trek”. Das ist zweifelsohne sehr erfreulich. Gleichwohl wirkt die Story um die Angreifer vom Titan und die isolierte “Earth first”-Erde für meinen Geschmack doch etwas zu eindimensional und wird darüber hinaus auch viel zu hastig erzählt. Das ist schade, denn von der Erde hätte ich gerne noch viel mehr gesehen. Nichtsdestotrotz weiß die Episode zu unterhalten und macht Lust auf mehr.

Bewertung

Handlung der Einzelepisode 3 out of 6 stars (3 / 6)
Stringenz des staffel- und serienübergreifenden Handlungsstrangs 5 out of 6 stars (5 / 6)
Stringenz des bekannten Kanons 4 out of 6 stars (4 / 6)
Charakterentwicklung 4 out of 6 stars (4 / 6)
Spannung 4 out of 6 stars (4 / 6)
Action & Effekte 4 out of 6 stars (4 / 6)
Humor 2 out of 6 stars (2 / 6)
Gesamt 4 out of 6 stars (4 / 6)

Episoden-Infos

Episodennummer 32 (Staffel 3, Episode 3)
Originaltitel People of Earth
Deutscher Titel Bewohner der Erde
Erstausstrahlung USA Donnerstag, 29. Oktober 2020
Erstausstrahlung Deutschland Freitag, 30. Oktober 2020
Drehbuch Bo Yeon Kim, Erika Lippoldt
Regie Jonathan Frakes
Laufzeit 48 Minuten

 


Matthias Suzan

Matthias Suzan

Matthiasˈ Leidenschaft für "Star Trek" begann im zarten Alter von neun Jahren mit "The Next Generation". Anfänglich waren es noch die Raumschiffe und die Technik, die ihn faszinierten. Später weckten vor allem die anthropologischen, gesellschaftlichen und politischen Themen des Trek-Universums sein Interesse, sodass er sich seither für Politik- und Geisteswissenschaften interessiert. Nach knapp zwei Jahrzehnten als treuer TrekZone-Leser stieß er Ende 2017 mit dem Start von "Discovery" zur TZN-Redaktion.

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