Wir werfen einen Blick zurück auf Staffel 12. Was war gut, was schlecht? Achtung, massive Spoiler!

Alles neu macht der Showrunner

Mit der Ära Chibnall, der ja bereits bei Season 11 das Ruder übernahm und die erste weibliche Doctor einführen durfte, sollte alles anders werden. Alter “Müll” sollte weg, die bekannten Feinde und Gegner des Doctors sollten nicht mehr auftauchen. Stattdessen wollte man neue Wege gehen. An und für sich löblich, es wurde dann aber schnell der übliche Einheitsbrei mit “Tim Shaw” (T’zim Sha) als Staffelbösewicht, der in etwa so charismatisch wie ein Frühstücksei war. Der neue Ansatz war also bereits in Staffel 11 kläglich gescheitert (wir berichteten) und schon im damaligen Neujahresspecial kramte man mit den Daleks dann doch wieder die alten Feinde aus der Mottenkiste. Dies allerdings auch nur in einer 0815-Story, die nicht wirklich neue Akzente setzte und eher wie aufgesetzt wirkte.

Es galt also in Staffel 12 wieder zurückzurudern und die alten Feinde zurückzuholen. Ob das geklappt hat und die Staffel dadurch ein Erfolg geworden ist, wollen wir an dieser Stelle erörtern.

Es beginnt mit dem Master

Der Auftakt erfolgte dabei in guter alter Agentenmanier. In der 007-Verarsche “Spyfall” traf der Doctor auf seinen alten Feind: den Master. Letzteres war durchaus überraschend, dachte man eigentlich, der Kreislauf hätte sich mit Missy auch für den Master geschlossen. Eine nachvollziehbare Erklärung, wo der Gute nun plötzlich wieder herkam und warum er wieder da war, blieb man uns allerdings schuldig. Das ist jetzt nicht unbedingt negativ zu bewerten, immerhin hatte “Classic Who” es genauso gemacht und den Master auch ständig ohne Erklärungen wieder aus der Mottenkiste geholt. Nach dem zwanzigsten Mal wird das aber halt auch irgendwann langweilig.

Mit der “Bond”-Parodie “Spyfall” startet die Staffel eigentlich noch recht stark. (Bild: BBC, Doctor Who 12×02)

Die Kulissen der Aliens der Folge wirkten dann auch eher billig und im Staffelfinale sollte sich ebenfalls das Gefühl einstellen, dass man irgendwie weniger Budget zur Verfügung gehabt hatte als zuvor. An und für sich ist auch das nicht schlimm, wenn man eben aus dem Vorhandenen das Beste herausholt. Zumindest an der Stelle hat man sich Mühe gegeben und ja, der Rest des Einstiegszweiteilers sah denn auch noch ganz gut aus. Vorausgesetzt natürlich, man ließ sich auf die “James Bond”-Parodie ein und nahm nicht alles für bare Münze.

Zusätzlich hinterließ der Master auch noch ein Mysterium, denn es sollte ein großes Geheimnis um den Doctor geben. Dass dieser nicht gleich nach Gallifrey düst, ist dann aber wieder dem Strecken der Staffel zu verdanken. Immerhin musste man ja 10 Folgen füllen… für die Zuschauer eher ärgerlich.

Der tiefe Fall

Nach dem Aufstieg kommt bekanntlich der Fall und bereits in Folge 3 ging es dermaßen abwärts, dass man sie getrost als eine der schlechtesten “Who”-Folgen ever beschreiben kann. Immerhin waren die Kostüme der Monster durchaus ansehnlich. Es ging in 0815-Manier weiter und viele der Folgen der 12. Staffel waren klassische “BUS-Folgen”, allerdings in einer derartigen Dichte, wie man sie seit dem Zweiten Doctor nicht mehr gesehen hat. Zur Erklärung: “BUS” steht für “Base under Siege“ (deutsch: “Basis unter Belagerung”) – also für eine Folge, in der ein Monster angreift und die Helden meist irgendwo festsitzen und kämpfen müssen.

Auch später noch, also in der zweiten Hälfte der Staffel, schlug man diesen Weg ein. Es gab zwar Folgen wie “Götter der Finsternis”, die durchaus den ein oder anderen neuen Ansatz brachten – und dabei auch zugleich neue Monster zeigten – die aber trotzdem auf ausgetretenen Pfaden wandelten. Das galt (leider) auch für die abschließende Dalek-Folge (“Die Revolution der Daleks”), welche zugegebenermaßen ihre Momente hatte, aber auch nicht unbedingt herausragend war, zumal sie auch den Story-Faden der Staffel nicht weiterführte. Aber dazu kommen wir noch.

Eine der schlechtesten “Who”-Folgen: “Waise 55”. (Bild: BBC, Doctor Who 12×03)

Die zwölfte Staffel war immer dann am besten, wenn man sich auf alte Stärken besann und mit bekannten Monstern gearbeitet hat. Demnach waren die Rückkehr der Judoon in Folge 5 sowie das Wiederauftauchen von Jack Harkness schöne Fan-Highlights, die auch oder gerade deswegen so gut gezogen hatten. Hier wurde erneut die Mythologie gestärkt und ausgebaut. Selbst die Wiederkehr der Cybermen vermochte da zu gefallen, vor allem aufgrund der Tatsache, dass das Schlachtfeld mit dem Cyberkrieg hier auch visuell top umgesetzt worden war. Die Grundlagen waren also alle da, leider hat man sie nur eher halbherzig genutzt und die großen wichtigen Storylines wieder versanden lassen.

Die Charaktere

Ich war ja jemand, der Jodie Whittaker als ersten weiblichen Doctor gefeiert hat, auch weil ich fand, dass es passend war und auch mal Zeit wurde. Nach zwei Staffeln muss man aber sagen, dass sie noch immer nicht so recht in die Doctor-Rolle gefunden hat. Meistens spult sie ihre Rolle ab. Der Doctor rennt und handelt, so eine richtige Persönlichkeit, die hervorsticht oder sie von anderen Doktoren unterscheidet, konnte ich indes leider noch nicht entdecken. Sicherlich, sie ist nun etwas emotionaler – siehe auch die Abschiedsszene im Neujahresspecial – aber das allein reicht nicht ganz. Es wirkt eher so, als wolle man nun, da sie eine Frau ist, zeigen, dass diese eben emotionaler sind. Das ist mir allerdings einen Ticken zu viel Klischee an der Stelle. Ein bisschen mehr Time Lord-Arroganz täte der Doctor sicher ganz gut.

Gerüchte besagen, das Whittaker nach der dreizehnten Staffel aufhört. Das wäre nicht ungewöhnlich, viele der letzten Darsteller haben nur drei Staffeln gemacht. Ob sie aber in dieser letzten Season (sofern es so kommt) noch neue Akzente zu setzen vermag, darf bezweifelt werden. Daher bleibt die erste Doctor wohl eher unter „ferner liefen“ in Erinnerung. Während ich bei den Doctoren 10-12 immerhin mindestens eine großartige Szene aus dem Kopf mit ihnen assoziieren kann, vermag mir dies bei Whittaker bislang nicht zu gelingen. Das ist sehr schade.

Bleibt insgesamt noch immer etwas blass: Die 13. Doctor. (Bild: BBC, Doctor Who 12×11)

Von den Companions her wird zunächst Yaz bei der Doctor bleiben, die mir persönlich am Besten von allen dreien gefallen hat. Dies liegt wohl auch daran, dass sie eher der ‘Hau-drauf-Typ’ ist, während bei Graham und Ryan immer etwas Familiendrama mitschwang. Das haben wir bei ihr zwar auch ab und an gehabt, aber noch nicht in dem Ausmaße. Wohin die Reise mit Yaz führt, wird man sehen müssen.

Graham war als alter Mann buirgendwie der Ruhepol, sowohl der letzten als auch dieser Staffel. Mit der nüchternen Art und den meist lockeren Sprüchen auf den Lippen sorgte er eigentlich für etwas Humor in den Folgen. Bradley Walsh konnte das einfach super spielen und wird daher künftig schmerzlich vermisst werden. Am wenigsten anfangen konnte ich mit Ryan, der ja eigentlich immer etwas der dysfunktionale Typ war, den man nebenher aufbauen musste. Vor allem in Season 11 war das nervig und auch wenn es sich diese Staffel über etwas gelegt hat, wird er mir wohl zumeist wegen der “Daumen-Nuckel-Aktion“ in der unsäglichen Folge “Waise 55” in Erinnerung bleiben. Daher kann frischer Wind an der Stelle sicher nicht schaden.

Der große Kanonbruch

Ihr habt es ja vermutlich schon mitbekommen, nicht nur in meinen Rezensionen sondern auch, wenn man die Fanreaktionen im Netz verfolgt hat. Die zwölfte Staffel hat aufgeräumt mit 50 Jahren “Doctor Who”. Zum einen hat der Master Gallifrey ausgelöscht – wieder einmal. Dass Time Lords diese Macht besitzen, wurde ja schon früher angedeutet. In “Kriegsspiele” löschen sie ja auch etwa das Volk der War Lords aus. Die Frage ist nur, wie der Master das so fix selbst bewerkstelligt hat.

Okay, eigentlich ist auch das keine Frage, denn bereits frühere Doctoren besaßen ja “den Moment”, mit dem man die Time Lords hätte auslöschen können. Es ist also durchaus passend, auch zum Wahnsinn des Masters. Die Frage ist eher, warum er es erst jetzt gemacht hat und nicht schon früher. Und natürlich auch, warum man Gallifrey schon wieder vernichtet hat. Es ist bereits so oft passiert, dass es einfach nur nervt und man als Zuschauer eher kalt gelassen wird. Wenn es einem der zukünftigen Showrunner passt, wird er es schon wieder auferstehen lassen – wie eben schonmal. Hier hat man leider wirklich den Eindruck, dass Chibnall eher nur seine eigene Mythologie weiterspinnen möchte und trotz des Einsatzes alter “Who”-Ikonen lieber sein eigenes Süppchen weitergestrickt hätte.

Die Cybermen schaffen nicht nur eine Verbindung zu Classic Who. Rein optisch machen sie durchaus was her (Bild: BBC, Doctor Who 12×10).

Und so gut die Cybermen auch eingebaut worden sind, dass die Allianz mit dem Master nix wird, hätte man sich auch aus “Classic Who” ableiten können. Hier hatte der Master bereits Allianzen mit den Daleks, die ebenfalls grandios scheiterten. Wie aber bereits oben erwähnt, sind das Auftauchen der Cybermen und auch die Szenen auf Gallifrey zumindest visuell gut umgesetzt worden. Selbiges gilt auch für die neuen Daleks, auch wenn man hier merkt, dass am Ende wohl das Budget ausgegangen ist (siehe Review).

Das alles wäre ja noch nicht mal das Schlimmste, aber wir müssen ja noch über die geänderte Vergangenheit des Doctors sprechen. Denn der Doctor stammt aus einer anderen Dimension und wurde als Kind von den Time Lords gefunden. Er ist quasi in gewisser Weise Mitbegründer der Time Lord-Gesellschaft und die Regenerationsfähigkeit geht auf ihn zurück. Dass der Doctor Mitbegründer der Time Lords ist, ist ja noch nicht so schlimm, das war er in “Classic Who” in den Büchern auch schon. Dass man aber den ganzen Hintergrund geändert hat, wiegt da schon schwerer und der Aufschrei der Fans ist sogar bis zu einem gewissen Grad verständlich.

Um mal eine Allegorie zu ziehen: Das wäre in etwa so, als wenn Picard nach dem Ende der ersten Staffel von “Picard” das Aussehen seines Androidenkörpers ändert und in der Vergangenheit die Position von Archer einnimmt, um die Föderation zu gründen. Okay, ehrlicherweise könnte man so eine Wendung selbst den “New Trek”-Machern zutrauen. Beim Doctor kommt eben noch dazu, dass er sich nicht mehr an seine Vergangenheit erinnert und alle früheren Inkarnationen ausgelöscht wurden. Er ist also gar nicht der dreizehnte Doctor, sondern vielleicht schon der 501st (oder 5001ste?). Nun könnte man sagen, er hat sich halt vorher einfach nicht Doctor genannt, die schwarze Doktorin aus Folge 5 stellt sich aber nun einmal ebenso als Doctor vor. Wieder könnte man argumentieren, es wäre wie beim ‘War Doctor’, die Inkarnation hat der Doctor halt nicht gezählt.. aber dennoch… 500 Inkarnationen?

Überdies nimmt dies auch einen Spannungsmoment aus “Doctor Who” heraus. Denn der Regenerationszyklus des Doctors muss nach 13 Inkarnationen nun einmal neu aufgeladen werden (was nur durch andere Time Lords ging). Da er nun aber das ‘Zeitlose Kind’ ist, kann man (oder besser die BBC) ewig so weitermachen und den Doktor mit immer neuen Darstellern besetzen. Denn das ‘Zeitlose Kind’ kann sich quasi ewig regenerieren. (Hey, solltet ihr das hier in einigen Hundert Jahren, also so um das Jahr 2300-2500 herum, lesen und der Doctor wirklich bei Nummer 501 sein… dann kann ich euch an der Stelle sagen: Ich hatte recht!).

Per se lehne ich persönlich so eine Neuerung grundsätzlich erstmal nicht ab und versuche, aufgeschlossen zu sein. Das Umschreiben bzw. Retconnen, wie es so schön heißt, von fast 60 Jahren “Doctor Who”, ist aber schon ein starkes Stück. Aber vielleicht ist das ja alles Taktik, um die Serie im Gespräch zu halten? Das ist auch so ein wenig wie bei “Star Trek”. Den Fans muss es nicht gefallen, aber wer die Rechte hat, entscheidet nun einmal, wie es weitergeht. Und das ist nun einmal der neue Kanon. Zumindest so lange, bis der nächste Showrunner alles wieder rückgängig macht.

Denn das Chibnall dies tun wird – Fanproteste hin oder her – darf, denke ich, getrost bezweifelt werden. Staffel 13 wird mehr von diesen neuen Mysterien bringen, bevor die Ära Chibnall vermutlich zusammen mit der Ära Whittaker enden wird. Wie es danach weitergeht, steht, wie bei Corona, im Moment noch in den Sternen.

Fazit

Die 12. Staffel hatte gute und starke Momente, aber davon leider zu wenige, um das alten Flair wiederbeleben zu können. Die Anfänge von “New Who” waren temporeich und energiegeladen. Man konnte kaum mal zwei Minuten vom Bildschirm weg sein, ohne entscheidende Momente zu verpassen. Und auch die Staffelhandlungsbögen hatten überraschende Wendungen zu bieten. Doch 15 Jahre nach dem Start von “New Who” ist davon allerdings nichts mehr geblieben. Die Episoden versanden zusehends in belanglosen Einzelabenteuern und wann immer die Mythologie von “Doctor Who” hervorgezogen wird, kratzt man nur an der Oberfläche. Die 12. Staffel schafft es daher leider nicht, aus der Banalität auszubrechen. Sie bietet eher nur Standard-Sci-Fi-Unterhaltung. Die ist manchmal zwar wirklich noch hübsch anzusehen, Staffel 13 muss aber hier deutlich anziehen. Und sie muss vor allem eines tun: Das Mysterium, das die 12. Staffel aufgebaut hat, aufklären, ohne es zu sehr in die Länge zu ziehen.

Wertungsspiegel der 12.Staffel:

Die zwölfte Staffel von Doctor Who hat einige Highlights, aber auch tiefe Abstürze im Wertungsspiegel. Im Schnitt bleibt Mittelmaß übrig.


Avatar

Thomas Götz

Seitdem er 1985 zum Ersten Mal Episode IV sah und ausrief "Aber das heisst doch, Vader ist Lukes Vater" ist Tom der Science Fiction verfallen. Star Trek Fan wurde er, wie viele seiner Kollegen, 1990 mit "The Next Generation" in Deutschland. Seine ersten Buchrezensionen zu Star Trek Büchern erschienen schon 1995 im Alter von 16 Jahren im Star Trek Fanclub. Seit 2006 schreibt er auch Online Rezensionen (ab 2009 Trekzone-Exklusiv) und hat kürzlich seine 2000.Rezension veröffentlicht.

1 Kommentar

Avatar

andi3 · 19. April 2021 um 12:00

Leider ist bei Doctor Who total die Luft raus… Erzählerisch müsste man eigentlich komplett rebooten, um die Figur des Doktors noch erzählen zu können. Während die ganz alten Folgen meist sehr plotgetrieben waren, ist es heute sehr auf persönliches Drama angelegt. Da hat man sowohl seitens des Dokotrs als auch der Compagnions eigentlich alles schon durch und alles schon gesehen… Chibnail hat trotzem bisher total versagt und hat es überhaupt nicht drauf, irgend etwas Interessantes auf den Bildschirm zu zaubern, Jodie W. sieht man an, dass sie sich nicht wohlfühlt und auch keine Ambitionen hat, noch etwas Eigenes in die Rolle einzubringen. Traurig das alles, aber insgesamt waren es seit 2005 auch viele schöne Stunden. All good things must come to an end.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.