Letzte Woche erklärte ViacomCBS, dass der hauseigene Streamingdienst Paramount+ ab 2022 auch in Deutschland und weiteren Ländern als optionales Paket in Sky vertrieben würde. Trekkies sind damit wieder einmal die nützlichen Idioten von ViacomCBS’ Wachstumsstrategie, kommentiert Christopher Kurtz.

Einige wenige selige Jahre lang durften deutsche Trekkies einen absoluten Ausnahmezustand genießen. Von 2016 bis 2019 waren alle jemals gedrehten “Star Trek”-Episoden unter einem Dach zu finden. Netflix hatte zusammen mit der Co-Finanzierung von “Discovery” die Streamingrechte am kompletten Katalog von “The Original Series” bis “Enterprise” und eben jener neuen Serie “Discovery” erworben.

Netflix (Collage: TrekZone Network)

Netflix (Collage: TrekZone Network)

Die Freude über die einfache Verfügbarkeit hielt nicht lange an. “Star Trek: Picard” fand wider Erwarten nicht automatisch eine Heimat bei Netflix. Die Serie von CBS All Access wurde auch anderen Streaminganbietern angeboten und schließlich erhielt Amazon Prime Video den Zuschlag. Schon das war eine mittlere Frechheit für die treuen und inzwischen vor allem zahlenden Fans. Klar: CBS wollte einen maximalen Marktpreis für die nicht preiswerte Produktion erzielen, und es lässt sich nicht ausschließen, dass Netflix eine Einigung verhindert hat. Aber dass man sich im Interesse der (nochmal: zahlenden) Fans nicht als natürliche Partner zu einem Deal zusammenfinden konnte, hinterließ schon damals einen faden Beigeschmack. Wir persiflierten die unschöne Situation in 2020 auch mit einem Aprilscherz.

"Star Trek: Prodigy"Bild: ViacomCBS

“Star Trek: Prodigy” läuft auch hierzulande auf Paramount+, als Paket bei Sky

Nun ist es leider kein Scherz, dass der wiedervereinigte Medienkonzern ViacomCBS nun noch einen draufsetzt. Bei der neuen Animationsserie “Prodigy” bekommen weder Amazon noch Netflix den Zuschlag. Stattdessen pusht man den hauseigenen Streamingdienst Paramount+ über einen Vertriebsdeal mit Sky als optional buchbares Paket in den deutschen Markt. Beginnend mit “Prodigy” ist damit zu rechnen, dass ViacomCBS keine Lizenzrechte mehr an die Konkurrenz vergibt, es sei denn, man ist dazu aufgrund bestehender Verträge verpflichtet. Netflix soll so z.B. ein Vorkaufsrecht für alle “Discovery”-Spinoffs wie “Strange New Worlds” und die noch namenlose Sektion 31-Serie haben. Aber vermutlich wird ViacomCBS in kommenden Jahren bestehende Verträge eher auslaufen lassen, als zu verlängern, damit sehr, sehr langsam vergebene Rechte an sie zurückfallen. Das Ziel ist so klar wie in weiter Ferne: Paramount+ wird einst alles “Star Trek” beherbergen, wie es Disney+ mit “Marvel” und “Star Wars” tut.

CBS All Access (Symbolbild)

Auch schon für CBS All Access, Vorgänger von Paramount+, musste “Star Trek” als Startbeschleuniger herhalten (Collage: TrekZone Network)

ViacomCBS nutzt seine prominenteste und zugstärkste Marke als Brecheisen, um den Anschluss an einen Markt zu finden, dessen Entwicklung die traditionellen Hollywood-Studios Jahre und Jahrzehnte lang verschlafen haben. Wie schon beim Aufmischen des Syndication-Marktes mit “The Next Generation” in den 80ern, dem Aufbau des eigenen TV-Networks mit “Voyager” in den 90ern, dem Einstieg ins Streaminggeschäft mit “Discovery” in den 2010ern und nun dem internationalen Ausrollen von Paramount+ mit “Prodigy” und Folgeserien: Jedes Mal sind Trekkies die Goldmarie, die der Wachstumsstrategie zum Erfolg verhelfen sollen. Mit uns kann man es ja offensichtlich machen.

Für US-Fans ist es sicherlich diskutabel, sich für den Bezug von aktuell 3, bald 6 aufwändig produzierten “Star Trek”-Serien ein Streaming-Abonnement bei Paramount+ zu leisten. Aber für deutsche Trekkies ist das Chaos perfekt. Wer künftig allen Veröffentlichungen aus dem “Star Trek”-Universum folgen möchte, braucht entweder drei Streaming-Abonnements oder muss mehrfach im Jahr zwischen den Diensten wechseln und verliert damit Zugriff auf die übrigen Dienste. Zwar ist das wegen der recht kurzen Kündigungsfristen prinzipiell monatlich machbar, aber gute Laune kommt dabei keine auf. Und dieser unerfreuliche Zustand wird sich sicherlich noch jahrelang fortsetzen.

Streaming-Chaos (Collage: TZN)Bild: ViacomCBS, Netflix, Amazon Prime Video, Sky

So, oder so ähnlich stellt sich ViacomCBS wohl die Mediennutzung von Trekkern vor (Collage: TrekZone Network)

Da Netflix Finanzierungspartner bei “Discovery” ist und ein Vorkaufsrecht für die Spinoffs hält, kann es gut sein, dass die Serie und ihre Nachfolger noch lange Jahre exklusiv im Netflix-Katalog verbleiben werden. So laufen auch Jahre nach dem Start von Disney+ noch die Marvel-Serien wie “Daredevil” und “Jessica Jones” exklusiv beim einstigen Partner. Wenn Netflix klug verhandelt hat, dann sind auch die älteren Serien entsprechend langfristig im Katalog verankert. Über die Lage bei “Picard” und “Lower Decks” bei Amazon ist weniger bekannt, aber eine vorzeitige “Ablösung” zu Paramount+ dürfte sich Amazon teuer bezahlen lassen. So wird Paramount+ anders als in den USA hierzulande noch auf Jahre keinen vollständigen “Star Trek”-Katalog anbieten können, es sei denn, man nähme hierfür fantastische Summen für den Rechterückkauf in die Hand – und darauf würde ich nicht wetten.

Es mag wohl noch für viele erwachsenen Fans verschmerzbar sein, die Jugendserie “”Prodigy” auszusitzen, aber sollte z.B. Netflix nicht “Strange New Worlds” ins Programm nehmen, rechne ich fest damit, dass sich spätestens dann zähneknirschend einige Geldbörsen öffnen werden, um Pike und Spock auf Paramount+ durch die Galaxie reisen zu sehen.

Wenn Netflix sein Vorkaufsrecht nicht ausübt, dürfte spätestens “Strange New Worlds” für viele Fans Anlass sein, mit Faust in der Tasche Sky mit Paramount+ zu abonnieren.

Für ViacomCBS mag die langsame und mühsame Konsolidierung der “Star Trek”-Lizenzen ein langfristig erstrebenswertes und lohnendes Ziel sein, aber auf dem Weg dorthin werden die deutschen Fans wie nützliche, zahlungsbereite Idioten behandelt. Ob es klug ist, die treuesten Kund:innen dermaßen vor den Kopf zu stoßen, wird sich erst in Jahren zeigen. Sicherlich wird der Konzern bereit sein, einiges an Durchhaltevermögen aufzubringen, um auch hierzulande mit Paramount+ Anteile am Streamingmarkt zu erobern. Ein paar schlechtgelaunte Nerds nimmt man für dieses strategische Ziel sicher in Kauf.

Also brechen wieder einmal harte Zeiten für hiesige Trekkies an. Es ist schon ein besonderer Auswuchs des Kapitalismus, wenn selbst Ferengi dabei ins Grübeln kämen. Denn die 57. Erwerbsregel besagt bekanntlich: “Gute Kunden sind so rar wie Latinum. Ehre sie!” (“Deep Space Nine”, “Armageddon Game”)


Christopher Kurtz

Seit den frühen 2000ern ist Christopher Redakteur im TrekZone Network. Wenn er nicht in den unendlichen Weiten nach kritisch rationalem Humanismus Ausschau hält oder sich über die Plausibilität fiktiver Technologien und Gesellschaftsformen den Kopf zermartert, findet man ihn meistens in der Nähe von Spielen der geselligen Art, egal ob analog oder digital, ob als Mitspieler oder Gelegenheitsautor.

8 Kommentare

Im-chaos-daheim · 10. August 2021 um 11:35

Spricht mir aus dem Herzen. Wollte Prodigy nutzen, um die nächste Generation an Star Trek heranzuführen. Nun weiß ich aktuell nicht, ob und wie ich das machen kann …

Frank · 10. August 2021 um 16:12

… und unabhängig vom Geld dürfen die deutschen Fans auch noch “als Belohnung” Monate auf Prodigy warten… 🙁
Ich würde es ja ok finden (und perspektivisch wäre es gut wieder alles ST bei der Konzernmutter unter einem Dach zu haben), wenn P+ mit einem ST-Knaller zeitgleich mit den USA starten würden aber so ist das einfach schlecht und mies.
Nur für Premium Geld erwarte ich auch Premium Service ohne warten.

Piero · 10. August 2021 um 20:04

Meine Theorie:

Ich denke nicht, dass Viacom/CBS diese Strategie gewählt hätten, wären sie nicht so unsicher in Bezug auf Star Trek gewesen. Immerhin dümpelte das etwas vor sich hin und sicher galt die Meinung, dass Trek wegen den vielen Serien und Folgen der 90er Jahren total ausgelaugt war.

Dann kam wohl Netflix und man konnte die Produktionskosten von Discovery und somit das Risiko sehr minimieren. Geld verdienen ohne es vorher auszugeben ist doch das Nonplusultra. Als dann die Abonnenten bei All-Access beim Start von Discovery angezogen haben, erkannte man das Potenzial und konnte durch Kurtzman überzeugt werden, dass die Abonnentenzahlen mit übers Jahr veröffentliche Folgen, an verschiedene Altersgruppen, weiter ansteigen werden.

Mit Picard schien das dann auch aufzugehen, aber Netflix, die im Grunde Discovery bezahlt haben, fühlten sich verarscht und so kam Amazon, dass sowieso gerne zur Angebotsvielfalt von Netflix aufschliessen wollte, gern gerne zum Zug. Mit Lower Decks gab es dann noch mehr Schub, da diese Serie trotz Trickfilm die “alten” Fans noch am Besten gefällt.

Viacom/CBS bekam sicher mit, wie zufrieden Amazon war (Netflix sicher auch) und fällte den Entschluss, dass man diese Einnahmen doch bitte selber einsacken möchte. Und schon haben wir im deutschsprachigen Raum den Salat.

Wie zu Beginn geschrieben: Ist nur eine Theorie…

Alex Foster · 12. August 2021 um 17:03

Dass Star Trek nun bei P+ zusammengezogen wird hat vor allem den Hintergrund, dass inzwischen die Fusion von CBS und Paramount zu ViacomCBS vollzogen ist und somit alle Rechte für Star Trek wieder unter einem Dach sind.

Netflix und Amazon Prime hatten ja nur die internationalen Verwertungsrechte für Discovery und Picard. In den USA und Canada liefen diese natürlich auf CBS All Access exklusiv. CBS All Access hat sich aber als Streamingdienst nicht wirklich durchsetzen können und international ist das Portal gar nie gestartet. Anders ist es nun mit Paramount + zu erwarten, das ja einen viel größeren Pool an Filmen und Serien anbieten kann. Bei CBS war ja die ganze Filmpalette von Paramount nicht dabei.

Netflix war mit den Discovery-Quoten nicht zurfrieden, weshalb sie Picard ablehnten. Warum sollten sie auch für 2 Star Trek Serien bezahlen, wenn eine schon nicht wirklich gut lief? Sowohl Netflix als auch Amazon werden früher oder später aus den Deals aussteigen. Neue Serien werden wohl nur mehr auf P+ kommen.

    Frank · 13. August 2021 um 14:56

    @Alex: ernst gemeinte Frage: kennst Du eine echte und verlässliche Quelle, die belegt dass die Disco-Quoten aus Sicht von Netflix enttäuschend sind? Ich habe das bisher immer nur als Gerücht von Fans oder Hatern im Internet gehört und nie aus einer sicheren Quelle . Netflix setzt knallhart und sofort alles ab, was aus deren Sicht enttäuschend läuft. Als ich bei denen mal (positives)
    Feedback gegeben haben kam die Antwort das die Serie gut läuft und sie eine weitere Staffel haben wird. Amazon und Netflix haben aus meiner Sicht ihren Bieterstreit bei PIC und LDS wieder aufgenommen (wie zuvor bei Disco) diesmal mit Amazon als Gewinner, wo beide Serien wohl auch gut laufen. Also gibt es doch aus meiner Sicht keinerlei Anzeichen das irgendwelche Quoten enttäuschend sind… ? Ob Netflix gerne weniger für die Rechte von Disco gezahlt hätte und es auch sicherlich nicht so “cool” fand, dass das CBS-Management sich damit rühmte, dass CBSAA quasi Disco kostenneutral wegen dem Netflix-Deal hat(te) steht sicherlich auf einem anderen Blatt.

      Alex Foster · 14. August 2021 um 10:25

      Natürlich ist das kaum verifizierbar, denn die Verträge werden Netflix und CBS kaum öffentlich machen. Aber in der amerikanischen Presse findet man doch recht häufig Berichte zum Star Trek Deal, wie z.B. hier im Forbes Magazin: https://www.forbes.com/sites/ianmorris/2018/03/21/star-trek-discovery-may-be-a-cbs-plot-to-destroy-netflix-from-within/?sh=5a4b2b977618

      Star Trek Discovery war für CBS sicher profitabel, vor allem wenn es stimmt, das Netflix eigentlich die ganze Serie quasi bezahlt hat, wie Forbes berichtet. Das erklärt aber auch, warum Netflix weder ST Picard noch Lower Decks gekauft hat, sondern der Zuschlag an Amazon ging (für weit weniger Geld). Für Netflix war der Deal jedenfalls wahrscheinlich kein guter. Sie haben sehr viel bezahlt für eine Serie die unterdurchschnittlich lief, im Vergleich zu den Netflix Eigenproduktionen. Das kann man den Bewertungen diverser Serienportale entnehmen, wo Discovery nirgendwo unter den TOP 10 der beliebtesten Streamingserien auftaucht.

      Wenn es stimmt, dass Netflix für 5 Discovery Staffeln unterschrieben hat, dann dürfte die Serie jedenfalls 5 Staffel bekommen, weil ViacomCBS ja kaum ein Produktionsrisiko hat. D.h. aber auch, dass alle anderen Serien Viacom vom eigenen Geld bezahlen muss, d.h. diese müssen Quote liefern.

      Rein von den User Bewertungen her ist ST Discovery kein Erfolg in Relation zu den Kosten. Die Quoten für die Free TV Premiere waren desaströs. Picard ist hier scheinbar besser. Es wird aber die 2. Staffel der große Gradmesser sein, denn bei Staffel 1 kann man davon ausgehen, dass der Name Patrick Stewart ein Zugpferd war.

        Frank · 14. August 2021 um 11:43

        @Alex: vielen Dank für Deine Antwort!

Cumberland · 18. August 2021 um 15:23

Ich bin auch nicht gerade begeistert, neben Amazon Prime, Netflix, Disney+ ggf. irgendwann auch noch Sky bezahlen zu müssen. Zumal ich Sky aus guten Gründen bisher gemieden habe.
Aber der Trend geht leider hin zu einer immer größeren Zersplitterung der Anbieter und irgendwann beseht der Lebensstandard in der westlichen Welt wohl daraus, wie viele Abos für Zeitungen, Video, Musik, Zeitschriften, Autos etc. sich der Mensch leisten kann. Gehören tut ihm am Ende nichts mehr. Rein monetär habe ich bezüglich Star Trek aber auch schon schlimmere Zeiten erlebt, als eine britische VHS-Kassette mit 2 Folgen TNG, DS9 oder VOY noch 40 DM kostete. Zwar gehörte einem dann die Kassette, sie liegt heute aber dennoch auf einer Deponie.

Schreibe einen Kommentar

Avatar-Platzhalter

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.