Heute vor hundert Jahren wurde Gene Roddenberry geboren. Mit seiner berühmtesten Schöpfung “Star Trek” hinterließ er uns ein Paradox der Kulturindustrie.

Über Roddenberrys Vita und die historische, pop-kulturelle Bedeutung von  “Star Trek” wird heute sicher viel geschrieben. Da ist dann von seiner frühen Karriere als Pilot und Polizist zu lesen, dem Raumschiff Erde, von vielen erfolglosen Projekten zwischen “Star Trek” und “The Next Generation”, der Symbiose von Weltraumprogramm und dieser kleinen Science-Fiction-Show sowie der Geburt des organisierten Nerd-Fandoms.

Was aber zu selten herausgehoben wird, ist eine Würdigung der wundervollen Widersprüche, die Roddenberrys Schöpfung und ihrem Erfolg innewohnen. “Star Trek” ist nicht nur der kleinere, weniger erfolgreiche Vorläufer zu “Star Wars”, sondern eine echte Anomalie in einem kapitalistischen Kulturbetrieb. Darum soll es in diesem Stück zum runden Geburtstag gehen.

Fehlbarer Schöpfer

“Star Trek” wurde von seinem Schöpfer Gene Roddenberry mit einer ganzen Reihe spannender und kontroverser Ideen konzipiert, die ihm in ihrer Tragweite selbst vermutlich nicht alle in vollem Umfang bewusst waren, während die Originalserie von 1966-69 abgedreht wurde. Roddenberry war Humanist, schwankte in seinen metaphysischen Ansichten zwischen Deismus und Atheismus und war Anhänger einer aufgeklärten sexuellen Revolution. Dieses Gedankengut hat bewusst und unbewusst seinen Weg in die Serie gefunden.

Taufe des Spaceshuttles EnterpriseBild: NASA

Gene Roddenberry (3. v. r.) mit der Besetzung der Originalserie bei der Taufe des Spaceshuttles Enterprise

Auch Roddenberry selbst steckte voller Widersprüche. Während er auf der Leinwand progressive Schritte ging, um die Repräsentanz von Frauen und Minderheiten zu verbessern, stellen sich dem Zuhörer bei einigen Anekdoten zum Umgang mit Mitarbeiter:innen die Nackenhaare auf. Und während die Crew der Enterprise um Kooperation und diplomatische Lösungen rang, ging der ausführende Produzent hinter den Kulissen nicht mit allen Schaffenden beiderlei Geschlechts sonderlich pfleglich um, ganz zu schweigen von Studiofunktionären, denen er gerne seinen Anwalt mit “robustem Mandat” zur Verhandlungsführung schickte. Nicht wenige Kolleg:innen konnten und wollten irgendwann mit Roddenberry nicht mehr zusammenarbeiten und verließen den für sie nicht mehr erträglichen Arbeitsplatz, sofern sie der Produzent nicht selbst feuerte.

Das sind die persönlichen Widersprüche, die “Star Trek” zu einem spannenden Stück Popkultur machen. Sie seien explizit erwähnt, denn auch das gehört zu einer Gesamtschau auf diesen runden Jahrestag. Faszinierend ist gleichzeitig eine andere Reihe Widersprüche – und damit auch Roddenberrys unwahrscheinliches Vermächtnis.

Ein unmögliches Stück Kommerz

Während die Originalserie noch eine Zukunftsutopie mit vielen “scharfen Kanten” zeigte, erkannte Roddenberry unter dem Eindruck der Zuschauerresonanz die Eckpfeiler, die die “Philosophie” der erfolgreicheren Episoden seines Science-Fiction-Universums auszeichneten. Für “Star Trek: The Motion Picture” polierte Roddenberry seine Utopie auf Hochglanz, sortierte unstimmige Elemente aus und fügte neue hinzu. Nachdem er sich bei den Folgefilmen um die Originalcrew ein ständiges Tauziehen mit dem Studio um die Ausrichtung des Franchises geliefert hatte, machte er die komplette kreative Kontrolle zur Bedingung für seine Arbeit an “The Next Generation”. Heraus kam ein Universum, das nach kritisch-rationalistischen, sozialistischen und humanistischen Idealen funktionierte. So schloss Roddenberry z.B. Konflikte zwischen den Hauptfiguren kategorisch aus. Ein Umstand, der viele Autor:innen die nächsten Jahrzehnte zur Verzweiflung treiben sollte (und in “Strange Energies” aus “Lower Decks” zum Meta-Witz verarbeitet wurde).

Bild: ViacomCBS

Der Cast von “Star Trek: The Next Generation” in Season 3 [1989/90]

Vertraute berichten übereinstimmend, dass “TNG” Roddenberrys stringenteste Vision von “Star Trek” sei, die er selbst unter dem Eindruck der überwältigenden Rezeption des Fandoms sehr ernst genommen habe. Einige Weggefährten kritisieren auch deswegen, dass Roddenberry der Kult zu Kopf gestiegen sei und er sich teilweise weniger als Fernsehproduzent denn als Prediger verstanden und aufgeführt habe.

Das tat dem Erfolg keinen Abbruch. “The Next Generation” folgte einem ideologischen Regelwerk, dass dank Rick Berman über 18 Jahre in Grundzügen erhalten blieb, weil dieser sich  nach Roddenberrys Tod als Treuhänder von dessen Zukunftsvision verstand.

Genau wie die Originalserie wurde “The Next Generation” nach Startschwierigkeiten zu einem sanften Riesen; einem Stück US-Fernsehunterhaltung, das eigentlich unmöglich sein sollte. Eine anti-kapitalistische, anti-nationalistische und anti-militaristische Pop-Ikone wurde in der patriotischen Herzkammer des freien Marktes zu einem milliardenschweren Medientanker. Mindestens diese beiden ersten “Star Trek”-Serien widersprachen und widersprechen heute immer noch Branchenspielregeln und gängigen Sehgewohnheiten.

Die Heldenreise

Trotz aller kreativen Probleme, die Roddenberry seinen Autor:innen damit machte, verhindert die “zwanghaft kooperative” Figurenkonstellation, dass sich die Serie in ihrer Struktur zu oft der typischen Heldenreise nach Campbell bediente. Der Literaturwissenschaftler postulierte, dass Mythen in allen Kulturen einem gleichbleibenden Schema um große Helden (ja, fast ausschließlich Männer) folgen. Das Muster aus Aufbruch, Initiierung und Rückkehr eines zu großen Taten auserwählten Individuums lässt sich z.B. gut über antike Sagen, aber auch religiöse Schriften legen. Die seit Jahrtausenden bewährte Struktur ist auch eine populäre Schablone für moderne Autoren.

Damit stehen viele Abenteuer der “Next Generation” im Kontrast zu Mythen wie “Terminator”, “Star Wars”, “The Matrix” oder tausend anderen Geschichten. Die Bewältigung von Krisen in TNG ist meist eine Teamleistung und häufig auch nur in Kooperation/Koexistenz mit dem Fremden/Andersartigen möglich, während in der klassischen Heldenreise ein entscheidender Protagonist maßgeblich den Ausgang der Geschichte bestimmt. Und während die Oberste Direktive Autor:innen und Figuren dazu zwingt, auch anderen ethischen und moralischen Standards als den eigenen zu genügen, sind Neo, Sarah Connor und Luke Skywalker nur ihrem eigenen Wertesystem bzw. dem Wertesystem der eigenen Gruppierung verpflichtet.

Zwischen Dunkler und Heller Seite der Macht kann es keinen politischen, stabilen Frieden geben. Auch die "guten" Jedi sind letztlich auf einen absoluten Sieg durch Vernichtung der Sith aus.Bild: Disney

Zwischen Dunkler und Heller Seite der Macht kann es keine friedliche Verständigung geben. Auch die “guten” Jedi sind letztlich auf einen absoluten Sieg durch Vernichtung der Sith aus.

Auch wenn “The Next Generation” sich nicht immer erfolgreich von der Struktur löst, ist “Star Trek” in den 80er- und 90er-Jahren seltener in den Bahnen des “Monomythos” gefangen als davor und danach. Insbesondere die Filme tun sich sichtlich schwer, dem Muster der Heldenreise zu entkommen. Nur ein Eckpunkt: 11 von 13 Leinwandabenteuern bestehen aus dem Kampf der Captains gegen eine:n Antagonist:in. Und keine:r der 11 überlebt die Konfrontation. “Auge um Auge, Zahn um Zahn” statt oberster Direktive und Aufklärung.

Campbell-Held:innen haben qua Struktur automatisch das Recht auf ihrer Seite. Das nimmt in Superheldenepen wie “The Avengers” oder “Man of Steel” geradezu karikaturhafte Züge an, wenn ganze Straßenzüge auch durch die vermeintlich “Guten” in Schutt und Asche gelegt werden. Oder auch, wenn die Rebellen wieder und wieder tausende Sturmtruppen auf Sternenzerstörern und Todessternen töten. Figuren auf der Heldenreise sind nicht selten mit autoritärer und tödlicher Härte unterwegs. Aber was macht es mit Zuschauern und der Gesellschaft insgesamt, wenn wir uns wieder und wieder Fantasien hingeben, in denen uns Messias-Gestalten durch Ausübung absoluter, tödlicher Gewalt von allem Übel erlösen?

Morpheus erklärt Neo, warum er die unschuldigen "Blue Pills" in der Matrix als potentielle Feinde behandeln und im Zweifel töten muss - wer nicht abgekoppelt ist, ist noch Teil des Systems.Bild: "The Matrix", Warner Brothers

Morpheus erklärt Neo, warum er die unschuldigen “Blue Pills” in der Matrix als potentielle Feinde behandeln und im Zweifel töten muss: Wer nicht abgekoppelt ist, ist noch Teil des Systems.

In Roddenberrys “Star Trek” war ein solcher Flirt mit faschistischem Gedankengut (wie in der “Discovery”-Folge “Terra Firma”) undenkbar – und damit auch Helden-, Opfer- und Erlösungserzählungen, die an eine Messias-Figur gekoppelt sind. Damit beraubte sich Roddenberry der Möglichkeit, den erfolgreichsten Produkten der Traumfabrik nachzueifern: Allmachtsfantasien von der Fast-Food-Kellnerin zur Auserwählten, die alleine Recht von Unrecht und Wahrheit von Lüge zu trennen weiß. Auch wenn die Crews der Enterprise natürlich geradezu unrealistische Fähigkeiten an den Tag legen, so legt “Star Trek” doch Wert darauf, dass diese Qualitäten nicht gottgegeben sind oder gar in “Übermenschen” resultieren. In Form von Khan hat “Star Trek” diesen Heldentypus explizit als Gegenspieler benannt. Picard und Kirk sind Menschen, die mit ihrem Kommando nicht anderen moralischen Standards als ihrer Besatzung unterliegen, sondern den gleichen Normen wie ihre Crew folgen müssen.

Wunder vs. Wissenschaft

Ein weiterer wichtiger Aspekt im Wesenskern von “Star Trek” ist das Universum als entdeck- und erkundbarer Ort. Die Serien stellen im starken Kontrast mit vielen anderen Genre-Vertretern übermäßig viele “Warum-Fragen”. Geradewegs wie ein kleines Kind, dass nach dem Entdecken erster kausaler Zusammenhängen ständig “Warum?” fragt.

Und “Star Trek” liefert. Überzeugungen sind keine Glaubenssache, Phänomene kann man mit harter Arbeit gut genug erschließen, um sie für praktische Belange rational nutzen zu können. Die Gesetzmäßigkeiten dieser Wellt erlauben es unseren Helden, Wissen zu schaffen.

“You know the greatest danger facing us is ourselves, an irrational fear of the unknown. But there’s no such thing as the unknown — only things temporarily hidden, temporarily not understood.”

 

“Wissen Sie, die größte Gefahr, der wir gegenüberstehen, sind wir selbst. Eine irrationale Angst vor dem Unbekannten. Aber es gibt das Unbekannte nicht – nur Dinge, die uns vorübergehend verborgen sind, die wir vorübergehend nicht verstehen.”

Kirk in “The Corbomite Maneuver”

Damit meint “Star Trek” nicht bloß die materielle Welt (aber die ganz besonders). Auch sonst folgt die Serie stark den Grundüberzeugungen der Aufklärung. In Fragen der Moral können vernunftbegabte Wesen aus eigener Kraft (teils mühsam) Fortschritte erzielen. Die Regeln des guten Zusammenlebens sind genauso wenig durch eine unergründliche Macht vorgegeben wie der Lauf der Sterne. Die Regeln für ein gutes Miteinander können erforscht, rational begründet und im Diskurs unter gleichberechtigten Teilnehmer:innen intersubjektiv erarbeitet werden.

Auch wenn er regelmäßig als Klischee und Deus-ex-Machina verschrien ist: Der Technobabble  spielt eine wichtige Rolle in “Star Trek”. Seinetwegen wissen wir, dass die Entscheidungen unserer Held:innen auf rationalen Hypothesen über die Welt basieren. Und diese Hypothesen können sich als falsch erweisen. Diese Falsifikation stellt aber nicht das Unternehmen Wissenschaft in Frage, sondern ist ganz im Gegenteil ihr fundamentaler Motor. Das Widerlegen von Hypothesen vertieft unser Verständnis über die Welt, so dass wir immer bessere und nützlichere Theorien bilden können.

"Mr. Worf, Feuer!"Bild: ViacomCBS

“Mr. Worf, Feuer!”

Riker gibt am Ende von “The Best of Both Worlds” nicht leichten Herzens den Befehl zum Feuern mit dem Hauptdeflektor auf das Borgschiff. Er und das Publikum teilen die Annahme, dass es Captain Picard das Leben kosten wird. Nach methodischer Auswertung aller Daten und sorgfältiger Ingenieursarbeit teilen seine Crew, er und wir Zuschauer:innen eine Theorie davon, wie das Energieverteilungssystem des Borgwürfels auf einen konzentrierten Energiestoß mit einer bestimmten Frequenz reagieren wird. Der Angriff ist kein “Schuss ins Blaue”, sondern von langer Hand geplant und mit zahlreichen Szenen (und Technobabble) entsprechend vorbereitet.

Die Auflösung des Cliffhangers widerlegt die Hypothese spektakulär: Das Experiment verläuft nicht mit dem vorhergesagten Ergebnis, die Sternenflottencrew muss die neu gewonnenen Erkenntnisse in ihre Theorie über die Borg integrieren (und zwar schnell). Die neue Erkenntnis, dass alle Gehirne im Kollektiv Informationen austauschen, erklärt nicht nur den Fehlschlag des Angriffs, sie bildet auch das Fundament für den nächsten, erfolgreicheren Versuch der Crew, die Invasion zu stoppen.

Dieses Beispiel demonstriert, wie die rationale Natur des Universums einen wesentlichen Bestandteil der Geschichten von “Star Trek” ausmacht. Das schließt nicht aus, dass regelmäßig  Neuerungen in den Kanon eingeführt werden, die den Figuren fantastische Dinge ermöglichen. Aber weder unsere Charaktere noch wir als Publikum gehen davon aus, dass geradewegs unergründbare Dinge geschehen. Was noch nicht erklärt ist, kann und wird in Zukunft zu verstehen sein. Das treibt manchmal absurde Blüten (das Wesen der klingonischen Stirn wird mit Jahrzehnten Verspätung zum Plot eines “Enterprise”-Dreiteilers), bekräftigt aber die kritisch-rationale Grundhaltung des Franchises.

Q und Picard in "Tapestry"Bild: ViacomCBS

Q und Picard in “Tapestry”

In den 90ern beginnt “Deep Space Nine” mit der Formel zu spielen, die längste Zeit ist aber zweifelsfrei klar, dass es sich bei den Propheten um hochentwickelte und außergewöhnlich fremdartige Lebensformen handelt, denen weder die Technik der Sternenflotte noch die des Dominions wirklich gewachsen ist. Ähnlich hat schon “The Next Generation” zähneknirschend akzeptieren müssen, dass alle wissenschaftliche Expertise des 24. Jahrhunderts nicht reicht, um Q’s Macht zu ergründen. Aber sowohl Picard als auch die Zuschauer schmeißen deswegen nicht das Handtuch und motten den Rationalismus zu Gunsten von Gebeten an die neuen Götter ein. (Picard weigert sich gar, Q als Petrusgestalt anzuerkennen, als er ihn in langem Gewand und gleißendem Licht in “Tapestry” gegenübertritt). Ähnlich reagiert Kirk auf Apollo und Trelane.

Auch hier ist “Star Treks” Erfolg ein Paradox. Das Erzählen von weitgehend rationalen Geschichten ist eine deutlich anstrengendere Übung, als z.B. in der entscheidenden Szene mit einem “Use the Force, Luke, let go!” die profane Laserballerei plötzlich im Halo einer diffusen Mystik auf eine spirituelle Ebene zu heben. Machen wir uns nichts vor: Magisches Denken dieser Art ist weit verbreitet, unsere Gehirne sind evolutionär nicht dafür gemacht, lange Strecken in einem streng rationalen Sinn zu denken. Wir verbrennen dabei schlicht messbar mehr Energie. Und das ist einer der Gründe, warum Esoterik auch Jahrhunderte nach der Aufklärung große wirtschaftliche, soziale und politische Erfolge feiert, oder Erzählungen mit übernatürlichen Elementen eine ungebrochene Faszination auslösen.

Luke Skywalker verlääst sich im alles entscheidenden Momant lieber auf mystische Mächte, als wissenschaftliche Instrumente in "A New Hope"Bild: Disney

Luke Skywalker verlässt sich im alles entscheidenden Moment in “A New Hope” lieber auf eine mystische Macht als auf wissenschaftliche Instrumente

Diese metaphysische Romantik und erzählerische Flexibilität fehlt “Star Trek”, und damit geht ein “Wettbewerbsnachteil” im Reigen der großen Pop-Kultur-Franchises einher. Roddenberry sagte einmal, er würde sein Publikum wie intelligente Lebensformen behandeln wollen. Das hat er trotz aller Unterhaltungs- und Schauwerte auch immer wieder geschafft. Gelegentlich schoss “Star Trek” aber unzweifelhaft über das Ziel hinaus. Und so wirkt ein “The Motion Picture” neben “A New Hope” wie eine Scheibe trockener Zwieback.

Schicksal vs. Existentialismus

Eng verwoben mit beiden Punkten ist das Menschenbild, das “Star Trek” vermittelt, insbesondere die Frage nach der Autonomie denkender Wesen. Roddenberrys Charaktere sind wie beschrieben keine auserwählten Messias-Figuren. Sie folgen daher auch keinem vorgezeichneten Pfad oder unausweichlichem Schicksal. “Deep Space Nine”, “Enterprise” und “Discovery” werden später in Teilen von Roddenberrys Formel abweichen, aber Kirk, Picard und Crew sind ihres eigenen Schicksals Schmied. Das ist in der Popkultur bei Leibe keine Selbstverständlichkeit.

Wenn sich z.B. der Rat der Jedi in “A Phantom Menace” nicht von sich aus dazu durchringen kann, Anakin Skywalker eine Ausbildung zukommen zu lassen, spielen zwei wichtige Überlegungen eine Schlüsselrolle:

  1. Der Junge könnte einer Prophezeiung nach der “Chosen One” sein.
  2. Weil das Kind um den Verlust seiner Mutter bangt, ist wegen des Dreisatzes “Furcht, Wut, Hass” der Weg zur dunklen Seite der Macht vorgezeichnet.

Also ist es nur konsequent, eine Ausbildung zu verweigern.

Bild: Disney

Yoda in “A Phantom Menace”

Skywalker wird in der Sache kein Mitspracherecht und keinerlei Fähigkeit zur Autonomie eingeräumt. An dieser Logik gibt es selbst von Jinn und Kenobi keine Beanstandung. Sie sind zwar der Meinung, dass der Junge Jedi werden kann und sollte, haben aber gegen die Analyse des Rates inhaltlich nichts einzuwenden. Und im Prinzip geben die Drehbücher und damit die innere Logik des “Star Wars”-Universums Yoda letztlich recht. Der Weg vieler TV- und Filmfiguren ist auf diese Art determiniert. Eine Entwicklung vollzieht sich entlang des vorgezeichneten Pfades. Alternativ bestimmen etablierte soziale Normen oder sozialer Determinismus die Grenzen einer Figur. Walter White ist nicht nur schon deshalb von der ersten Folge “Breaking Bad” totgeweiht, weil er die Diagnose Krebs erhält: Er ist der Protagonist einer Tragödie.

Roddenberrys “Star Trek” gibt seinen Figuren Gelegenheit, zu wachsen und den Kurs ihres vermeintlichen Schicksals zu ändern, obwohl das Diktat einer serialisierten TV-Serie dafür eigentlich kaum Raum lässt. Dennoch begegnet Kirk einer Manifestation seiner schlimmsten Impulse und muss lernen, diese als wesentlichen Teil seiner Selbst zu akzeptieren. Q sucht wiederholt Picard auf, weil er von dessen persönlichen Entwicklung und der Entwicklung der Menschheit fasziniert ist. Data erstreitet nicht nur die Rechte, wie ein moralisches Subjekt geachtet zu werden, er wächst auch schon ganz ohne Emotionschip über seine eigene Programmierung hinaus. Wiederholt brechen Spock, Troi und Worf aus den Grenzen, die ihre Gesellschaften ihnen setzen wollen.

Das geht über das übliche Klischee des “du kannst Alles erreichen, wenn du nur fest an dich glaubst,” hinaus, das Hollywood perfektioniert hat. Roddenberrys Figuren realisieren nicht (nur) profane Träume von Ruhm, typischen Geschlechter- oder Tugendrollen. Sie weigern sich stattdessen erfolgreich durch ihre Herkunft, äußere Zwänge, innere Neigungen oder Vorsehung fremdbestimmt zu werden. Roddenberrys Universum unterstellt, dass wir Menschen in der Lage sind, uns trotz aller Defizite beständig weiterzuentwickeln.

Spok und Kirk in "Taste of Armageddon"Bild: ViacomCBS

Spock und Kirk in “Taste of Armageddon”

In “A Taste of Armageddon” illustriert Kirk diesen Widerspruch mit einem Extrem:

“We can admit that we’re killers… but we’re not going to kill today. That’s all it takes! Knowing that we’re not going to kill – today!”

 

“Wir können zugeben, dass wir Mörder sind… aber wir werden heute nicht morden. Das ist alles, was dafür notwendig ist! Wissen, dass wir heute nicht morden werden!”

Kirk in “A Taste of Armageddon”

Ebenfalls plakativ wird dies in vielen Zeitreisegeschichten deutlich. Sowohl die Originalcrew als auch “The Next Generation” greifen in die Zeitlinie ein, um historische Ereignisse zu verändern oder zu “korrigieren” und sind dabei erfolgreich. Während Kyle Reese und Sarah Connor den Aufstieg von Skynet und Judgement Day nie verhindern können und letztlich nur Passagiere in einem unaufhaltsamen Zug der Ereignisse sind, liegt das Leben von Edith Keeler tatsächlich in den Händen von Kirk, Spock und McCoy. Genauso ist die “Umsiedlung” der Wale George und Gracie in “The Voyage Home” nicht vorausbestimmt oder der Ausbruch der Enterprise-D aus ihrer Zeitschleife in “Cause and Effect”.

Es ist kein Zufall, dass wir in “Picard” viele Bücher über Existentialismus in Captain Rios’ Kabine sehen. Michael Chabon greift damit ein wiederkehrendes Thema aus “Star Trek” auf. Roddenberry vertrat ganz offensichtlich die Linie eines humanistischen Existentialismus: Der Sinn unseres Lebens ist uns nicht in die Wiege gelegt. Keine Prophezeiung, religiöse oder soziale Norm hat den absoluten Geltungsanspruch, unser Schicksal zu bestimmen. Aber das ist kein Grund für Nihilismus. Wir haben die Fähigkeit als denkende Wesen uns selbst und miteinander wertvolle Ziele zu stecken und unserem Leben selbst Bedeutung zu verleihen. Data ist dabei sehr explizit, als er Lal die Frage aller Fragen nach dem “Sinn ihres Lebens” versucht zu beantworten:

Bild: ViacomCBS

Data (Brent Spiner, rechts) und seine Tochter Lal (Hallie Todd, links) in TNG 3×16 “Datas Nachkomme”

Lal: “Father? What is my purpose?”
Data: “Purpose?”
Lal: “My function, my reason for being.”
Data: “That is a complex question, Lal. I can only begin to answer by telling you that our function is to contribute in a positive way to the world in which we live.”

 

Lal: “Vater, was ist mein Zweck?”
Data: “Zweck?”
Lal: “Meine Funktion, der Grund meiner Existenz.”
Data: “Das ist eine komplexe Frage, Lal. Ich kann nur versuchen, den Ansatz einer Antwort zu geben, indem ich dir sage, dass es unsere Funktion ist, auf eine positive Weise zur Welt beizutragen, in der wir leben.”

Lal und Data in “The Offspring”

“Star Trek” in der Kulturindustrie

Während z.B. “Harry Potter” von bibeltreuen Christen als Blasphemie verteufelt wurde, blieb “Star Trek” in öffentlichen Debatten ein seltsam unbehelligter Fixpunkt der Popkultur in den USA. Während zahlreiche Repräsentanten des “liberalen Hollywood” und “liberale” Kulturschaffende polarisieren, konnten und können sich hinter “Star Trek” noch immer Menschen aus sehr unterschiedlichen Lagern versammeln. Ja, Oberflächlichkeiten sorgten dafür, dass einzelne Folgen hier und dort nicht gesendet wurden, aber am Subtext nahm und nimmt im Großen und Ganzen niemand Anstoß.

Roddenberry hat erfolgreich ein trojanisches Pferd in den kommerzialisierten Kulturbetrieb eingeschleust, das sich gegen viele Widrigkeiten auf unwahrscheinliche Weise behaupten konnte: eine sozialistische Utopie in einer erzkapitalistischen Industrie, zumal zur selben Zeit der Kalte Krieg gegen den kommunistischen Klassenfeind auf seinem Höhepunkt stand. Die Idee einer Überflussgesellschaft, die ihre Erträge sozialisiert, statt sie zu privatisieren, fand durch ein Medium den Weg in Millionen Haushalte, das eigentlich selbst nur das Vehikel für Werbeblöcke und deren Konsumanreize sein sollte. Das religionsskeptische und humanistische “Star Trek” wurde in einem Land zur Ikone, das so stark wie kaum eine andere entwickelte Nation von religiösen, teils erzkonservativen Strömungen politisch beeinflusst wird. Roddenberrys Raumschiff Erde, das von anti-kolonialen Prinzipien geleitet wurde, zeigte eine inklusive, friedliche, multipolare Zukunft, während die USA als Weltmacht Interventions- und Stellvertreterkriege auf der ganzen Welt führten. Und auch die Sehgewohnheiten des vom Monomythos beschallten Publikums konnten der leicht verkopften Sci-Fi-Serie nicht (dauerhaft) zum Verhängnis werden. Denn Roddenberrys Kalkül ging auf: Wir wollen von Zeit zu Zeit auch wie eine intelligente Lebensform behandelt werden, von Utopien träumen und über andere und bessere Wege für unsere persönliche und gesellschaftliche Zukunft spekulieren.

Gene Roddenberry 1981 (Photo: CC BY-NC-ND 2.0 Tom Simpson)Bild: CC BY-NC-ND 2.0 Tom Simpson

Gene Roddenberry 1981

Und so verdient Roddenberrys Schöpfung bis heute brav ihr Geld für ViacomCBS und zahllose Lizenznehmer:innen. Als Faustpfand im Kampf der Streamingdienste oder immer noch als Füllmaterial zwischen Werbeblöcken in der hundertsten Wiederholung. Die Kulturindustrie verwertet und vervielfältigt den anti-kapitalistischen, anti-autoritären, utopischen Traum wie ein Virus weiter und weiter. Ein wundervoller Widerspruch. Und ein unwahrscheinliches Vermächtnis für seinen Schöpfer.

Kategorien: Daily Trek

Christopher Kurtz

Seit den frühen 2000ern ist Christopher Redakteur im TrekZone Network. Wenn er nicht in den unendlichen Weiten nach kritisch rationalem Humanismus Ausschau hält oder sich über die Plausibilität fiktiver Technologien und Gesellschaftsformen den Kopf zermartert, findet man ihn meistens in der Nähe von Spielen der geselligen Art, egal ob analog oder digital, ob als Mitspieler oder Gelegenheitsautor.

3 Kommentare

Alex Foster · 20. August 2021 um 10:54

Ein sehr schöner und kluger Beitrag. Danke!

Fahnenjoker · 22. August 2021 um 19:34

Toller Artikel. Da hast du nochmal schön beschrieben was Star Trek eigentlich auszeichnet. Es führt einem aber zugleich nochmal schmerzhaft vor Augen, dass all das dies Discovery und Picard leider völlig abgeht. Die gehen eben lieber den einfachen Weg mit Messias, Metaphysik & Co und tun dies noch nicht mal besonders gut.

DevinoniRal · 23. August 2021 um 16:10

Eine Wohltat, einen so hintergründigen Artikel lesen zu dürfen. Vielen Dank!

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