Charakterszenen, eine moralische Diskussion – das sind doch Elemente einer klassischen Trek-Folge. Hat Discovery etwa endlich sein Pacing gefunden? Wir sehen uns die aktuelle Folge in einer Spoiler-Review an!

Da dachte man doch glatt, es würde wieder schlimmer werden, aber die neue Discovery-Folge wird eher besser – oder hält zumindest das Niveau der Vorwoche. Soviel sei zum Einstieg vorab verraten.

Zwei Handlungsebenen und Charakterszenen als Nebenhandlung

Im Gegensatz zur Vorwoche hat man sich diesmal auf zwei Handlungsorte plus einen Nebenschauplatz (in Form von Culber) beschränkt. Bevor wir uns also den Hauptschauplätzen widmen, sehen wir uns eben diese Nebenhandlung kurz an.

Hier darf nämlich wieder Kovich auftreten und diesmal Culber therapieren. Wer counselt den Counselor, sozusagen. Dabei wird klar, das Hugh tatsächlich inzwischen auch als Counselor arbeitet, was wohl den fünf Monaten zwischen den Staffeln geschuldet ist. Konnte man vorher noch denken, er täte das quasi als Freund, so vereint er nun Arzt und Counselor in einer Person. Doch davon nicht genug, leidet er auch unter einer Art Helfersyndrom und es ist schön, dass dieses Thema hier angesprochen wird. Denn offenbar kommt es von Culbers Tod, und das ist durchaus ein Trauma, das kein anderer nachvollziehen kann.

So ist es zwar gerade Kovich, der unserem Doc hier den Kopf wäscht (und der später bei Stamets eindrucksvoll eingesteht, dass er es jetzt wohl kapiert hat). Der Von David Cronenberg gespielte Charakter mausert sich immer mehr zur grauen Eminenz im Hintergrund und wird hoffentlich in künftigen Folgen (bzw. der wohl schon genehmigten 5.Staffel) weiter ausgebaut. Er vermochte ja bereits in der letzten Staffel zu gefallen und das Zusammenspiel der beiden ist wirklich gut.

Wer counselt den Counselor? Kovich und Culber. (Discovery 4×05, CBS/Paramount)

Kleine Zwischenbemerkung am Rande: Der Hauptcomputer, Zora, entwickelt inzwischen auch Gefühle. Ein weiterer Hinweis auf den Short Trek.

Ein weiteres Charakterstück bekommt der von Patrick Kwok-Choon gespielte (inzwischen Commander) Rhys spendiert. Das läuft aber leider ähnlich ab, wie schon einige Folgen zuvor mit Lt. Bryce. „Ich bin persönlich involviert, weil ich früher was ähnliches erlebt habe“ – gefolgt von der Beschreibung eben jenes Ereignisses. Zwar ist es dann richtig, dass man ihn mit der Mission (hier: die Evakuierung) betraut, es wirkt aber wie bei Bryce ein wenig zu bemüht konstruiert. Hier will man offenbar verzweifelt dem Fanwunsch nachkommen und die Brückencrew mehr in den Vordergrund rücken. Ab und zu eingestreute Ereignisse aus der Vergangenheit der Personen helfen hier aber nur bedingt weiter.

Ich habe es bei Bryce erwähnt, ich erwähne es auch hier: Hoffentlich ergeht es der anderen Brückencrew nicht ebenso. Dieser Teil der Folge, obwohl gut gemeint, fällt daher für mich leider durch. Aber es ist ja nur ein kleiner Nebenschauplatz, denn die Hauptteile der Geschichte spielen sich anderswo ab.

Forschungen der DMA

Wie sich nämlich herausstellt, ist die DMA, als die Dunkle-Materie-Anomalie, wie sie inzwischen genannt wird, künstlich erzeugt. Irgendein hochentwickeltes Volk muss dahinter stecken und hier gibt es auch gleich wieder Fanservice, denn man erwähnt sowohl die Q (sind seit 600 Jahren nicht mehr aufgetaucht), die Metronen oder gar die Überlebenden Iconianer (!). Vor allem die Erwähnung letzterer scheint irgendwie eine Verbindung zu den Büchern bzw. „Star Trek Online“ herzustellen und lässt zumindest mein Fanherz (kurz) höher schlagen. Hier versucht man dann auch nicht krampfhaft, eine weitere Referenz aufzubauen, denn am Ende wird es keines der Völker sein. Die Referenz funktioniert aber ganz gut.

Um das zu beweisen, kommt der Wissenschaftler Tarka an Bord (ein Risaner). Stamets ist nicht gut auf ihn zu sprechen, da er seine Forschungsergebnisse für seine eigene Forschung verwendet, und das ohne zu fragen. Es stellt sich aber heraus, dass die beiden recht gut zusammen arbeiten können und sich zumindest etwas Respekt entwickelt. Auch hier wird wieder mehr auf Charaktermomente Wert gelegt. Dabei ist Tarka auf der einen Seite das intelligente Wunderkind, dessen Wissensdurst man durchaus verstehen kann, auf der anderen Seite kann er aber auch etwas nervig sein und geht rücksichtslos über Grenzen.

Allein die Einführung des Charakters kann man als gut gelungen bezeichnen. Vor allem bei den Szenen im Maschinenraum spielt er sich schnell in die Herzen des Zuschauers. Dabei hat er allerdings auch tatkräftig Hilfe. Denn Jett Reno (Tig Notaro) is back – und darf mit ihrem trockenen Humor die Maschinenraumszenen bereichern. Von der Dame kann man einfach nicht genug sehen und ihr Zusammenspiel mit Saru und den beiden Wissenschaftlern ist einfach grandios. Da verkümmert das Experiment schon fast zur Nebensache.

Doch wie schon erwähnt steht hier Tarka in nichts nach und spielt fast schon Stamets (Anthony Rapp) gegen die Wand. Allein das „Schreiduell“ mit Saru – einfach köstlich. Und so kann man einen Kelpianer auch schnell zum Schweigen bringen. Aber auch sonst werden einige dringend gestellte Fanfragen in den Raum geworfen („Interessante Füße“). Das Ende lässt zumindest hoffen, das Tarka uns noch etwas (zumindest die nächste Folge) begleiten wird und sein Brandmal im Nacken deutet noch einiges an Hintergründen an. Wie Reno könnte ich ihn mir aber (Stand jetzt) durchaus als wiederkehrenden Gaststar vorstellen.

Die Forschungen im Maschinenraum. (Discovery 4×05, CBS/Paramount)

Doch zurück zum Maschinenraum. Unsere Wissenschaftler stellen hier in einer fast schon lebensechten Situation den Kontrollraum der DMA nach. An der Stelle kann man natürlich darüber diskutieren, ob das in einer derartigen Krise wirklich keinen Aufschub haben darf und man das unbedingt sofort machen muss. Zum Glück hat man auf das gängige Klischee, dass das Schiff durch das Experiment gefährdet wird, verzichtet und es geht soweit alles gut aus. Auch vielleicht dank Saru, der in letzter Sekunde den Schalter drückt. So wird man wohl nie erfahren, ob es schief gegangen wäre oder doch gut ausgegangen – aber das muss man an der Stelle sicher auch nicht. Immerhin muss ja das Mysterium zur DMA noch gewahrt werden.

Apropos DMA: Wer meine Reviews verfolgt, der weiß, das ich noch nicht groß auf das Gefahrenpotential selbiger eingegangen bin. Zwar wird vielerorts geschrieben, das es mal wieder um die Rettung der Galaxis geht, allerdings hat das Ding einen Durchmesser von 5 Lichtjahren und die Galaxis über 100 000 in der Ausdehnung. Selbst mit der hier gezeigten Teleportationsfähigkeit von 1000 Lichtjahren sehe ich noch nicht notwendigerweise das ganze Universum gefährdet. Denn mit etwas Glück verschwindet das Ding ja auch in der Weite zwischen den Galaxien, was bei dieser zufälligen Bewegungsart übrigens ebenso im sehr wahrscheinlichen Bereich liegt.

Zugegeben, so einfach wird es uns die Geschichte (oder die Drehbuchautoren) nicht machen, und ich stimme zu, das man das Ding, vor allem, da es ja nun eine Waffe ist, aufhalten muss. Für mich ist sie im Moment aber nur ein etwas größerer Planetenkiller. Mal sehen, was in dieser Richtung noch passiert.

Klassische Evakuierungsmission

Die Hauptmission dieser Folge führt jedoch zu einer klassischen Evakuierungsmission. Diesmal zu den aus Enterprise bekannten Akaali – erneut eine nette Querverbindung. Hier wird eine Asteroidenkolonie evakuiert, die von einem Magistraten geführt wird, der ein bisschen radikal scheint. Zu diesem Thema kommen wir gleich noch.

Zunächst mal muss man aber etwas schlucken, denn es sind noch ca. 1000 Leute zu evakuieren, und das dauert. Zwar wird eine Erklärung abgeliefert (man kann hier nur 40 auf einmal beamen), aber gerade im 32. Jahrhundert ist es dann doch etwas schwer zu schlucken, dass es so langsam gehen soll. Selbst die Enterprise-D hat hier ein höheres Evakuierungs-Potential gehabt und wenn die Discovery einfach ihre Shuttleflotte losgeschickt hätte, wäre man in wenigen Minuten Herr der Lage geworden. Aber gut…

Hinwegsehen muss man an der Stelle auch darüber, das erneut Burnham die Mission anführt – oder allein intelligent genug zum Hacken der Käferminen ist. (Wobei, bei der Menge an Käferminen, die man sieht, fragt man sich fast, woher die alle kommen sollen). Discovery-Manismen eben, es ist aber diesmal nicht ganz so schlimm wie zuvor. Vor allem am Ende, als Michael dem Gefangenen zustimmt und es ihm selbst überlässt, ob er lebt oder stirbt, vermag hier wieder Boden gut zu machen. Fast hat man nämlich erwartet, das Michael einfach ohne Wenn und Aber Felix mitnimmt. So kommt es dann aber überraschenderweise anders.

Aber warum sind Michael und Booker überhaupt unten? Nun, es geht um Gefängnisinsassen, die es zu befreien gilt. Wobei die Akaali für sehr drakonische Strafen stehen. Ein Diebstahl bringt so etwa gleich 30 Jahre. Hier wird sogleich eine Star Trek-typische Frage aufgeworfen: Soll man den Verurteilten auch helfen? Nach Burnham ganz klar ja und es zeigt sich, das hier nicht alles Schwarz und Weiß ist. Denn die Insassen haben durchaus dazu gelernt, bereuen ihre Taten (Felix) oder finden sich ungerecht behandelt. Daher ist es nur zu verständlich, dass sie Sicherheit wollen, das ihr Fall hinterher nochmal geprüft wird.

Als Zuseher fragt man sich sogleich, warum die Gefangenen dann nicht Asyl auf der Discovery beantragen. Und nach einem kleinen Wälzer durch die Vorschriften (jap, Burnham weiß mal nicht ALLES) tut sie genau das. Sehr gut mitgedacht. Übrigens hat an der Stelle jemand bei der Übersetzung gepennt, denn hier wird der Prozess als „Die Exempel“ tituliert, während der Folgentitel mit „Die Beispiele“ übersetzt wurde (Originaltitel: The Examples). Nun ja, es sei ihnen verziehen.

Book und Burnham im Gefängnis. (Discovery 4×05, CBS/Paramount)

Nach der Befreiung der Gefangenen mit den Käferminen (siehe oben, fast schon etwas übertrieben), zeigt sich vor allem im Gespräch mit Felix, dass dieser wirklich an Buße interessiert ist. Er hat nämlich nicht nur jemanden getötet, sondern auch einen Familienorb (Orb wird auch im Deutschen so genannt) gestohlen. Und hier gelingt, wie bei Tarka, das Kunststück, dass man als Zuschauer mit Felix mitfühlen kann und seine Buße sowie seine Entscheidung nachvollziehbar wird. Erneut ist das für einen Nebencharakter in Discovery eine interessante Entwicklung.

Die erwähnte Diskussion, ob er das Recht hat, selber zu entscheiden, ob er lebt oder stirbt, kann man durchaus als gute alte Trek-Tradition ansehen. Dabei wird auch hier keine ad hoc-Lösung gesucht, sondern wirklich bis zum Ende durchgesprochen. Der Abschied ist dann gut in Szene gesetzt, inklusive der Szene am Ende, als Burnham der betroffenen Frau den Orb zurückgibt. Das man das nicht unter den Tisch hat fallen lassen, deutet zumindest in die richtige Richtung. Ob die Autoren endlich was gelernt haben? Auch hier kann man den „Zufall“ verzeihen, dass die Frau nach 30 Jahren nun auch hier mit an Bord ist.

Und auch der Koloniemagistrat bekommt noch sein Fett weg, in dem Burnham ihm auf die Nase bindet, wie ungerecht sein System ist. Wobei man das eher etwas zweigespalten betrachten muss. Klar, wer würde dem Kotzbrocken nicht wirklich mal seine Meinung geigen wollen (das hat sich sicher jeder nach seiner Einführung gewünscht), ob man es als Raumschiffcaptain auf die Art tun sollte, ist aber eine andere Frage. Auch das kann man zu den kleinen Schnitzern der Folge zählen.

Fazit

Gute Charaktermomente mischen sich mit einer philosophischen Trek-Frage, hinzu kommt gutes Schauspiel der Gastdarsteller – so kann sich Discovery sehen lassen. Zwar gibt es auch hier noch ein paar kleinere Schnitzer, es wirkt aber wirklich so, als hätte sich bei der Serie endlich was getan und als wäre man im Aufwind. Hoffentlich wird auf den letzten Metern nicht alles nochmal versemmelt – aber in diese Richtung kann es gern weitergehen.

Bewertung 4.5 out of 6 stars (4,5 / 6)

Episoden-Infos

Episodennummer 47 (Staffel 4, Episode 5)
Originaltitel The Examples
Deutscher Titel Die Beispiele
Erstausstrahlung USA Donnerstag, 16. Dezember 2021
Erstausstrahlung Deutschland Freitag, 17. Dezember 2021
Drehbuch Kyle Jarrow
Regie Lee Rose
Laufzeit 50 Minuten

Thomas Götz

Seitdem er 1985 zum Ersten Mal Episode IV sah und ausrief "Aber das heisst doch, Vader ist Lukes Vater" ist Tom der Science Fiction verfallen. Star Trek Fan wurde er, wie viele seiner Kollegen, 1990 mit "The Next Generation" in Deutschland. Seine ersten Buchrezensionen zu Star Trek Büchern erschienen schon 1995 im Alter von 16 Jahren im Star Trek Fanclub. Seit 2006 schreibt er auch Online Rezensionen (ab 2009 Trekzone-Exklusiv) und hat kürzlich seine 2000.Rezension veröffentlicht.

4 Kommentare

Dominion · 19. Dezember 2021 um 15:52

Das brandmal im Nacken von tarka, hat mich kurz überlegen lassen ob das nicht eine querverbindung zur TNG Folge “die Verschwörung”, sein könnte.

Denn diese Wesen hatten ja wenn Sie einen wird besetzt haben einen Stachel aus dem Hals gezeigt bzw den Schwanz.

Vielleicht hat er ja so ein Wesen entfernen können ohne zu sterben zu müssen. Denn in besagter TNG Folge wurde der Anführer ja mit einem phaser Schuss getötet…

Und Data sagte ja am Schluss dass die Wesen eine Nachricht gesendet haben. Und dieser cliffhanger wurde ja nie aufgelöst.

Duni · 19. Dezember 2021 um 15:59

Book hatte das selbe im Nacken vom Emerald Chain….

    Dominion · 23. Dezember 2021 um 15:16

    Oh wenn das so ist, dann hätte ich mich ja total geirrt. Haha… Wie dem auch sei ich fand die Folge ziemlich gut geschrieben..

    Ich finde discovery auf jeden Fall besser als Star Trek Picard bis jetzt

Soldberg · 20. Dezember 2021 um 16:56

Bei all den Experimenten und dem gezeigten Übereifer kam mir kurzweilig in den Sinn, na wenn die beiden (Stamets und Tarka) mal letzten Endes nicht verantwortlich wären, für die Riesen-Space-Bubble…

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