Heute vor 25 Jahren feierte “Star Trek: Der erste Kontakt” seine deutsche Kinopremiere. Wir blicken zurück auf den Höhepunkt der “The Next Generation”-Filmreihe und wie der Film über das letzte Vierteljahrhundert gealtert ist.

Die Borg haben neuerlich mit einer Invasion der Föderation begonnen, und die Crew der neuen Enterprise-E kehrt gerade noch rechtzeitig zur Erde zurück, um die Schlacht für die Föderation zu entscheiden und eine fliehende Borgsphäre durch einen Zeittunnel zurück ins 21. Jahrhundert zu verfolgen. Auf der anderen Seite angelangt, begreift die Besatzung schnell, was die Borg vorhaben: den ersten Warpflug der Menschheit und so die Gründung der Föderation zu verhindern. Zwar gelingt es Picard, die Borgsphäre zu zerstören, aber nicht bevor der Startkomplex des Warpschiffs Phoenix Schaden genommen hat, und sich – zunächst unbemerkt – die überlebenden Borg auf die Enterprise transportiert haben.

U.S.S. Defiant und der Borgwürfel in "First Contact"Bild: ViacomCBS

U.S.S. Defiant und der Borgwürfel in “First Contact”

Es beginnt ein Rennen gegen die Zeit. Während Riker, LaForge und Troi versuchen, das Warpschiff und seinen Schöpfer Zephrame Cochrane auf der Erde für das historische Ereignis bereit zu machen, versuchen Picard, Data, Worf und Crusher die Assimilation der Enterprise im Orbit zu verhindern.

Alles geschrieben, alles gesagt, alles wahr

“Star Trek: Der erste Kontakt” war vermutlich der letzte Film für den die abergläubische Regel zutraf, dass jeder zweite Film in der Kinoreihe Publikumsliebling wurde, während die Filme mit ungerader Nummer zwischen durchschnittlich und peinlich rangierten.

Handwerklich ist “First Contact” auch aus heutiger Sicht ein Meisterwerk und verdammt gut gealtert. Während man in den 90ern in Hollywood anfing, aggressiv computergenerierte Effekte einzusetzen, sorgen im achten “Star Trek”-Film letztmalig überwiegend Miniaturmodelle und praktische Effekte für die Schauwerte. Neben der neuen Enterprise-E und dem für die Kinoleinwand neu konstruierten Borgwürfel sind besonders die Masken von Michael Westmoore und Kostüme von Deborah Everton fantastisch gealtert. Noch heute wirken die Borg glaubwürdig und furchteinflößend.

Die Borg assimilieren die Enterprise in "First Contact"Bild: ViacomCBS

Die Borg assimilieren die Enterprise und ihre Besatzung in “First Contact”

Auch Drehbuch (Braga und Moore) und Regie (Jonathan Frakes) lassen kein unnötiges Gramm Fett an diesem wirklich fantastisch getakteten Actionstreifen, der gekonnt mit seinem Spannungsbogen und den unterschiedlichen Ebenen und Strängen der Handlung spielt. Jonathan Frakes’ Kino-Regiedebüt ist wirklich virtuos, und dass er nach der Inszenierung der gefloppten “Thunderbirds”-Verfilmung ins Abseits gestellt wurde, ist ein großer Verlust für Hollywood und uns Zuschauer.

Bleiben noch der fantastische Soundtrack von Jerry Goldsmith und die tollen Auftritte von Stewart (Picard), Spiner (Data), Woodard (Sloane), Cromwell (Cochrane) und Krige (Borgkönigin) aufzuzählen. Was dieser achte “Star Trek” schauspielerisch auffährt, ist für einen Action-lastigen Science-Fiction-Streifen enorm.

“First Contact” ist “Peek-Trek”: Bermans “Next Generation”-Universum steht mit diesem Film im Zenit seiner kulturellen Einflusskraft und des ökonomischen Erfolgs. Es ist in mancher Hinsicht das Äquivalent zu Marvels “Avengers”. An “First Contact” kristallisiert das komplette “Cinematic Universe” aus neun Jahren “The Next Generation”, vier Jahren “Deep Space Nine” und zwei Jahren “Voyager” zu einem großen Event:

Die Handlung ist die Fortsetzung des vermeintlich großartigsten Cliffhangers der Fernsehgeschichte, Michael Dorn und die Defiant haben ihren großen Auftritt gegen die Borg, Robert Picardo taucht wie selbstverständlich als MHN auf der Krankenstation der Enterprise auf und Ethan Phillips hat ein witziges Inkognito-Cameo als Türsteher auf dem Holodeck. Aber auch Auftritte von Dwight Schultz als Barclay und Patti Yasutake als Ogawa aus “The Next Generation” zementieren, dass “Star Trek” schon Jahrzehnte vor Marvel wusste, wie man ein komplexes, fiktives und langlebiges Universum erst erfolgreich aufbaut und dann gekonnt für Leinwand-Events orchestriert.

Robert Picardo spielt das MHN der Enterprise-E in "First Contact"Bild: ViacomCBS

Robert Picardo spielt das MHN der Enterprise-E in “First Contact”

Alles gute Gründe für den Erfolg und den rechtmäßigen Platz unter den großen Meilensteinen des Franchises. Alles davon ist richtig, und auch dieser Autor hat einen ganz besonderen Platz für “First Contact” in seinem Herzen. Zusammen mit “Terminator 2” und “The Matrix” bildet “First Contact” die persönliche Science-Fiction-Action-Thriller Trifecta der 90er-Jahre. “First Contact” war mein erstes “Star Trek”-Erlebnis auf der großen Leinwand, und es ist einer der wenigen Filme, die ich nach so langer Zeit immer wieder gerne sehe.

Andere Perspektiven zulassen

All das ist schon häufig geschrieben und bejubelt worden. Gleichzeitig erinnere ich mich aber auch, dass ich nach dem ersten Kinogang verunsichert war, was von diesem Film zu halten sei. Der düstere Ton, die kompromisslose Gewalt der Sternenflottencrew gegen die Borg, und die Personifikation der Borg in einer Hollywood-tauglichen Antagonistin waren alles Aspekte, die es mir schwer machten, den Film zu feiern.

Gerade weil die Borg in dieser Inkarnation durch eine vernunftbegabte Person in Form der Borgkönigin repräsentiert werden, steht die kompromisslose Gewaltanwendung von Picard und Co. gegen die Invasoren im Widerspruch zu jener humanistischen Grundhaltung, die Picard gegenüber Lily als auszeichnendes Merkmal “seines Jahrhundert” erklärt.

Lily und Picard in "First Contact"Bild: ViacomCBS

Lily und Picard in “First Contact”

Auch wenn der Film eine Pointe daraus macht, dass Picards Handeln letztlich sehr wohl durch Rache getrieben ist, distanziert sich der Film im letzten Akt nicht von der faschistischen Grundhaltung der Protagonist:innen: Den Borg an Bord werden weder Würde, noch ein Recht auf Leben geschweige denn auf Rettung und persönliches Glück zugestanden. Selbst als klar wird, dass eine Kommunikation und Verhandlungen mit dem Kollektiv sehr wohl möglich wären, als Picard die Königin im Maschinenraum trifft, rücken er und Data nicht vom ursprünglichen Plan ab, alle Drohnen zu töten. Dramaturgisch ist es sicher eine feine Sache, dass Data die Selbstzerstörungssequenz stoppt. Allerdings wäre die tickende Uhr eine Möglichkeit gewesen, eine Verhandlungslösung für die Krise zu erzwingen, die nicht im Tod der Königin, aller Dronen und assimilierter Crewmitglieder geendet hätte.

Darin liegt eine der fundamentalen Sünden von “First Contact”. Insbesondere, nachdem die Episode “I, Borg” genau diese Thematik bereits erfolgreich aufgegriffen und kontrovers aufgearbeitet hatte. Trotz der “Captain Ahab”-Analogie, mit der ein Teil von Picards Selbstgerechtigkeit geschickt dekonstruiert wird, schafft der Film ein letztlich rassistisches Narrativ. Die Borg werden derart anders, fremdartig und furchteinflößend charakterisiert, dass jede noch so entgrenzte Form von Gewaltanwendung gegen sie durch unsere Held:innen gerechtfertigt ist. Als Lily Picard letztlich mit seinen Gewalteskapaden konfrontiert, geht es nur noch darum, wie die Borg umgebracht werden sollen – im “Kampf Mann gegen Mann” oder durch Sprengung des Schiffs.

Alle Borg sterben in "First Contact"Bild: ViacomCBS

Alle Borg sterben in “First Contact”

Im Rückblick ist der Erfolg von “First Contact” sicher einer der Gründe, warum Gene Roddenberrys utopische und humanistische Vision des 24. Jahrhunderts in Folgejahren immer mehr in Schieflage kam. Der düsterere, militaristische Ton von “First Contact” war leicht zu imitieren, indem man Sisko und Janeway vermehrt und wiederholt in schier ausweglose Konfliktsituationen stürzte. Der Dammbruch war sicherlich die Einführung von Sektion 31 in “Deep Space Nine”. Damit entwertete “Star Trek” die humanistischen und diplomatischen Bemühungen vergangener Raumschiffcrews als naive Tagträumerei – kaum mehr als ein Feigenblatt einer galaktischen Großmacht, die sich in ihrem Abstiegskampf gegen andere Mächte unausweichlich Realpolitik bedienen musste, um noch Schlimmeres zu vermeiden.

Ein emanzipatorischer Albtraum

Eine andere Perspektive, die bei mir leider erst in den letzten Jahren gereift ist, betrifft die Charakterisierung von Frauen in “First Contact”. Einen wesentlichen Beitrag dazu hat der Aufsatz “She: Gothic Reverberations in Star Trek: First Contact” von Linda Dryden geleistet, den ich allen Leser:innen wärmstens ans Herz legen möchte. Dryden ist Professorin für englische Literatur in Edinburgh. Sie zieht interessante Parallelen zwischen der Borgkönigin in “First Contact” mit der Figur Ayesha aus dem Roman “She: A History of Adventure” von 1887. Das Buch wird von feministischen Kritiker:innen häufig als frauenfeindliche Manifestation der männlichen Angst vor Weiblichkeit und Sexualität eingeordnet, die auch fremdenfeindliche und antisemitische Züge trägt.

Auch ohne die aufgezeigten Parallelen im Einzelnen zu rekonstruieren, sind die Ansätze von Drydens Kritik auch film-immanent leicht nachzuvollziehen. Der zentrale Konflikt des Films ist die Versuchung von Data durch die Borgkönigin, die damit die kollegialen (manche würden sagen: brüderlichen) Bande zwischen ihm und Picard bedroht. Ihr Geschlecht spielt dabei eine entscheidende Rolle. Die Königin ist eine Femme fatale, die sich Data und dem Publikum als emotional und körperlich überlegen präsentiert. Data im Gegenzug wird trotz seiner sexuellen und romantischen Erfahrungen als naiv, hilflos und unerfahren dargestellt. Selbst wenn wir Data zu Gute halten, dass er damit die Königin seinerseits manipuliert, so gibt er am Ende zu, in Versuchung geführt worden zu sein.

Data und die Borgkönigin in "First Contact"Bild: ViacomCBS

Data und die Borgkönigin in “First Contact”

Besonders frappierend fällt die negative Charakterisierung von Sexualität in “First Contact” ins Auge, wenn man zusätzlich Lilys und Picards Beziehung mit betrachtet. Am Ende des Films drückt der Kapitän der Frau aus dem 21. Jahrhundert einen züchtigen Kuss auf die Wange. Das, so wollen uns die Autoren wohl vermitteln, sei das richtige Maß von körperlicher Zuneigung, das ein reines Heldenherz erdulden kann. Zur Erinnerung: “The Next Generation” hatte (zurecht) immer wieder damit kokettiert, Sex als eine gesunde und natürliche Neigung zwischen allerlei einvernehmlich handelnder Lebensformen herauszustellen.

Damit reproduziert Brannon Bragas und Ronald D. Moores Drehbuch eines der schädlichsten frauenfeindlichen Klischees der Literatur- und Filmgeschichte. Die Bedrohung der Enterprise durch die Borg entwickelt gerade wegen des Geschlechts der Hauptantagonistin eine besondere Bedrohlichkeit. Und diese Bedrohung richtet sich gegen eine patriarchale Grundordnung auf dem Raumschiff Enterprise: die militärische Befehlskette und die (im Falle von Data und Picard) brüderlichen Vertrauensbande, die die “Next Generation”-Familie doch eigentlich krisenfest macht. Die brachiale Auflösung dieses Konflikts besteht schließlich darin, dass Picard ihr buchstäblich das Genick bricht, als sie bereits besiegt am Boden liegt – ein barbarischer Racheakt, den der Film nicht dekonstruiert sondern gar gerechtfertigt erscheinen lässt.

Picard tötet die Borgkönigin in "First Contact"Bild: ViacomCBS

Picard tötet die Borgkönigin in “First Contact”

Das Klischee steht deswegen bei Feminist:innen besonders in der Kritik, weil es unterstellt, Sexualität sei ein schlechter Einfluss, von dem “tugendhafte Männer” von sich aus frei sein. Den Verführungen einer Femme fatale scheinen die armen Herren der Schöpfung aber völlig hilflos ausgeliefert zu sein, denn eine Verantwortung für die Kontrolle der eigenen Triebe scheint in diesen Erzählungen ein Ding der Unmöglichkeit. Helden auf Abwegen werden dadurch entschuldigt, dass den bösen Antagonistinnen magische Fähigkeiten angedichtet werden. Über Jahrzehnte und Jahrhunderte von Abwandlungen dieser immer gleichen Geschichte haben wir uns als Publikum daran gewöhnt, attraktiven, zielstrebigen Frauen, die selbstbewusst mit ihrer Sexualität umgehen, zu misstrauen und ihnen finstere Absichten zu unterstellen.

Als ich mich erstmals mit Drydens Kritik auseinandergesetzt habe, habe ich mich mehrmals darüber gewundert, wieso diese Perspektive so gut wie nie in Rezensionen von “First Contact” reflektiert wird. Ich halte sie nicht nur für wichtig, sondern auch für fair und zutreffend. Der Film zeigt ziemlich unverhohlen, wie die Königin Sex als Waffe einsetzt, um Data zu korrumpieren und letztlich die Zukunft der Menschheit und Föderation zu verraten. Braga und Moore schlachten hier ein reaktionäres Klischee aus, um weite Teile des Dramas und der Spannung in der zweiten Hälfte des Films zu konstruieren.

Auch wenn man den Blick zu anderen Frauenrollen schweifen lässt, ist “First Contact” kein Glanzstück. Der Film schafft mit Ach und Krach den Bechdel-Test, weil Lily und Crusher sich in einer kurzen Szene darüber austauschen, ob Picards Befehlen Folge geleistet werden solle. Ansonsten gibt es keine einzige Szene, in denen zwei Frauen einen Dialog von Belang für den Film haben. Deanna Troi sitzt auf der Erde betrunken in einer Bar, während Crusher auf der Enterprise nach ihrer Flucht von der Krankenstation vorwiegend Picards Befehle nachplappert.

Crusher, Picardund Worf in "First Contact"Bild: ViacomCBS

Crusher, Picard und Worf in “First Contact”

Mit Alfre Woodard hat Patrick Stewart zwar eine starke Spielpartnerin an seiner Seite, aber man darf sich schon fragen, warum Sirtis und McFadden dabei im Abseits stehen. Die berühmte Moby-Dick-Szene in der Beobachtungslounge hätte auch in anderer Besetzung hervorragend funktioniert. Troi wäre als Psychologin mehr als kompetent gewesen, das Trauma und Picards Motivation offenzulegen, Crusher hätte auf einer persönlichen Ebene ähnlich wie Lily Picard konfrontieren können. Hier hätte auch echtes Drama drin gesteckt, denn im Gegensatz zu Lily verfügte die Chefärztin über die Autorität, einen offensichtlich irrationalen Kommandanten mit posttraumatischer Stressstörung aus dem Verkehr zu ziehen.

Dann hätte eine Frau in angemessener Art und Weise aus einer Machtposition heraus gehandelt und einen wesentlichen Beitrag zur inneren und äußeren Handlung des Film beigetragen. Im verfilmten Drehbuch hingegen ist es aber wiederum Picard, der sich auf ein Stichwort von Lily “selbst therapiert”. Er darf gar “Moby Dick” mansplainen, denn Lily hat das Werk nie selbst gelesen.

Zu guter Letzt begehen den Ersten Kontakt – wie kann es anders sein – zwei Männer. Bei einer 50/50-Chance steigt natürlich ein männlicher Vulkanier die Rampe zu Cochrane hinab. Welch ein Zufall.

Bevor man mich falsch versteht: Ja, ich glaube, dass “First Contact” mit Blick auf die Gleichberechtigung der Geschlechter ein deutlicher Rückschritt hinter eine durchschnittliche “Next Generation”-Episode ist. Das Femme-fatale-Motiv halte ich gar für reaktionär. Aber auch wenn “First Contact” misogyne Elemente enthält, so unterstelle ich den Autoren keine bewusste Frauenfeindlichkeit. Insbesondere Moore hat in seiner späteren Karriere komplexe, starke und ikonische Frauenrollen geschaffen.

Intelligente Selbstironie

Die letzte, für mich neue Beobachtung an “First Contact” ist beinahe schon so offensichtlich, dass es mich wirklich ärgert, sie Jahrzehnte lang übersehen zu haben: Der Film spricht als Parabel über Gene Roddenberrys Beziehung zu “Star Trek”. Und dabei ist er herzergreifend aufrichtig, selbstironisch und geradezu brillant.

"Astronauten auf so einer Art Star Trek"Bild: ViacomCBS

“Astronauten auf so einer Art Star Trek”

Zephrame Cochrane als Schöpfer des Warpantriebs ist für die Crew der Enterprise eine historische Ikone, die den Grundstein für die utopische Welt legt, in der sie leben. Was die Geschichtsschreibung offensichtlich vergessen hat, oder von Riker & Co. geflissentlich verdrängt wird: Der Mann ist bei Leibe kein Idealist. Er ist Alkoholiker und will mit seiner Erfindung genug Geld verdienen, um sich an einem tropischen Strand umgeben von nackten Frauen zur Ruhe setzen zu können. Von der Crew damit konfrontiert, dass er nach dem Ersten Kontakt sehr wohl die in die Rolle des visionären Weltenretters schlüpfen wird, reagiert Cochrane mit einer Mischung aus Abscheu und Verblüffung.

Damit ist “First Contact” eine Parabel auf die Entstehung von “Star Trek” und insbesondere “The Next Generation”. Auch Gene Roddenberry war ein – sagen wir mal – komplexer Mensch. Und natürlich waren alle Inkarnationen von “Star Trek” immer primär ein Mittel, um Geld zu verdienen. Das Füllmaterial zwischen Werbeblöcken. Erst nach der Absetzung und der aufkommenden Fankultur rund um “Star Trek” wurde den Beteiligten und auch Roddenberry wirklich bewusst, welchen Nerv die Serie beim Publikum getroffen hatte. “Star Trek” wurde unabsichtlich zu einer kulturell prägenden und progressiven Kraft. Und in einer Wechselwirkung zwischen Werk, Rezeption und Schöpfer wuchs Roddenberry in die Rolle eines säkularen Predigers für humanistische Werte hinein. Brannon Braga bezeichtete “Star Trek” einmal als die mythologische Erzählung des Atheismus (analog zur Bibel für das Christentum oder den Koran für den Islam). Wegbegleiter von Roddenberry kritisierten ihn auch dafür, seinen Status als Visionär zu ernst zu nehmen. Aber ohne diese Hybris hätte es kein “Next Generation” gegeben, in dem Männer Röcke tragen, die Erste Direktive Quelle echten Dramas ist, und ein omnipotentes Wesen Picard für die Verbrechen der Menschheit vor Gericht stellt.

Cochrane & Barclay in "First Contact"Bild: ViacomCBS

Cochrane & Barclay in “First Contact”

Man darf den Auftritt von Reginald Barclay in “First Contact” auch durch diese Linse interpretieren: Der ultimative Fan möchte seinem Idol unbedingt die Hand schütteln und erzählen, was er ihm bedeutet. Cochrane reagiert gereizt und genervt, ähnlich wie William Shatner im legendären “Get a Life”-Sketch, in dem er für “Saturday Night” fanatischen Trekkies die Leviten las. So ist “First Contact” auch ein vielschichtiger und intelligenter Kommentar auf “Star Trek” als Medienerscheinung, die eine beinahe paradoxe Stellung zwischen sozialistischer Utopie, Ersatzreligion und kommerziellem Industrieprodukt innehat.

Auf die nächsten 25 Jahre

Es ist eine besondere Auszeichnung für ein Stück Popkultur, dass wir es 25 Jahre später immer noch rezipieren und ihm neue Facetten abgewinnen können. Es tut dem Film und meiner Freude an ihm keinen Abbruch, sich auch kritisch mit ihm auseinanderzusetzen. Trotz aller berechtigter Kritik entwickelt der Streifen unter Frakes Regie auch heute noch ab der ersten Szene einen unfassbaren Sog.

Widerstand ist – wie könnte es anders sein – zwecklos.

Die Enterprise-E in "First Contact"Bild: ViacomCBS

Die Enterprise-E in “First Contact”

Bewertung

Handlung 5 out of 6 stars (5 / 6)
Stringenz des bekannten Kanons 4 out of 6 stars (4 / 6)
Charakterentwicklung 5 out of 6 stars (5 / 6)
Spannung 6 out of 6 stars (6 / 6)
Action & Effekte 5 out of 6 stars (5 / 6)
Humor 3 out of 6 stars (3 / 6)
Intellektueller Anspruch 4 out of 6 stars (4 / 6)
Gesamt          5.5 out of 6 stars (5,5 / 6)

Christopher Kurtz

Seit den frühen 2000ern ist Christopher Redakteur im TrekZone Network. Wenn er nicht in den unendlichen Weiten nach kritisch rationalem Humanismus Ausschau hält oder sich über die Plausibilität fiktiver Technologien und Gesellschaftsformen den Kopf zermartert, findet man ihn meistens in der Nähe von Spielen der geselligen Art, egal ob analog oder digital, ob als Mitspieler oder Gelegenheitsautor.

13 Kommentare

Kira Yoshi · 19. Dezember 2021 um 16:54

Schade, habe nach der ersten Hälfte aufgehört, weiterzulesen. Fand ich sehr ermüdend. So kann man sich einen tollen Film auch kaputt reden. Na, wers braucht…
Ich liebe und genieße den Film so, wie er ist. Ohne den ganzen Feminismus- und Gender-Quatsch. Man kann auch ALLES übertreiben.

    Alex1605 · 19. Dezember 2021 um 18:46

    Volle Zustimmung!!

Alex1605 · 19. Dezember 2021 um 17:18

Wow, eine solch „schräge“ Interpretation von First Contact hab ich noch nie gelesen. Für mich einer der besten Star Trek Filme, weil er vor allem Cpt Picard und seine Dämonen, die Borg, in den Mittelpunkt stellt und ein Zeitreisethema zum Inhalt hat.
„Der düsterere, militaristische Ton von “First Contact”.-.. klar, die sind im Krieg gegen die Borg. Die Sternenflotte ist das Militär der Föderation und Militär ist immer „militaristisch“. Und Soldaten handeln so wir Picard, Worf oder Dr. Crusher…par excellence!! Das ist nicht barbarisch sondern entspricht der Rolle von Soldaten.
„Den Borg an Bord werden weder Würde, noch ein Recht auf Leben geschweige denn auf Rettung und persönliches Glück zugestanden“ Vordergründig ist das möglich, wenn ich Zeit habe und nicht am Verlieren bin. Das war aber so, bei der Besatzung der Enterprise. Mit den Borg (möglicherweise) verhandeln… blanker Unsinn. Die Lösung „Kampf Mann gegen Borg“ war die einzig richtige Lösung. Es war eben Krieg! Was stand auf dem Spiel? In der geänderten Realität war die Erde assimiliert! Wenn die Borg nicht vernichtet werden, ist die Erde und der gesamte Quadrant verloren!
Diese ganzen Ausführungen zur Sexualität halte ich für vollkommen überzogen und weder treffend noch passen zu TNG. TNG war doch nie der „Wellenbrecher“ in Bezug auf Sexualität…schon gar nicht Anfang der 90er. Und beim Militär wird es immer mehr Männer wie Frauen geben. Das ist keine Spielwiese für Feministinnen. Man sieht ja bei STD, mit der schlechtesten aller Star Trek Staffel (4), wie das in die Hose geht!.
Da wird viel interpretiert, was aus meiner Sicht Unsinn ist. Passt weder zur Zeit, in der First Contact gedreht wurde noch zum Anspruch der Filme!
Vor allem hat der Film zwei unheimlich starke Frauenrollen, die Borg-Queen und Lilly. Gerade Lilly ist eine unheimlich starke Frau.
Was Führung, Entscheidungen und Prinzipien im militärischen Bereich angeht ist First Contact beispielhaft!!

Hans · 19. Dezember 2021 um 18:52

Einen 25 Jahre alten Film mit aktuellen Links-Twitter Maßstäben zu bewerten…Puh! Damit gehört Trekzone auch zu den Schwurblern ala Stöwe, Discovery Panel etc. Zum Glück gibt es in Deutschland noch anderweitig vernünftigen Fanservice.

    Kira Yoshi · 20. Dezember 2021 um 11:12

    “vernünftigen Fanservice” – Wo bitte? Ich bin gerade auf der Suche nach einer wirklich guten Star-Trek-oder Sci-Fi-Seite. Meine bisherigen 3 bringen es nicht mehr. Die eine hat seit Juli nix neues gebracht (ist vielleicht tot) und die anderen beiden entsprechen nicht mehr meinem Geschmack, wie oben ersichtlich. Wo gibt es also Seiten, die über Neuheiten informieren und wo eine normals Diskussion möglich ist? Freue mich auf eine Info.

      Alex1605 · 20. Dezember 2021 um 14:22

      Kann ich gut nachvollziehen. Leider kann ich dir da nichts empfehlen. Mir fehlt auf den anderen Seiten auch die “gediegende” Diskussion, die nicht gleich in die üblichen Hate-Kommentare abgleitet.

Weyoun 5 · 20. Dezember 2021 um 11:51

@ Kira & Alex: Ja, da bin ich ganz bei Euch. Was der Schreiberling da oben zusammengeschustert hat, ist z.T. wirklich lachhaft. Meine Güte, es ist der beste Film der TNG-Leutchen und auch “Der Aufstand” fand zumindest ich noch gut, wenn auch nicht so gut, wie “Der Erste Kontakt”. Was den fehlenden Humanismus angeht: Ja, Himmel noch mal!!! Das sind die Borg! Mit Humanismus kannst Du diesen Knallköppen nicht kommen, sondern nur mit Feuerkraft, denn sonst ist man ja bald kein Humaner mehr. Das gleiche bei DS9: das Dominion hat nicht mit sich reden lassen! Sisko hat es versucht und ist gescheitert. Und das es eine Organisation wie Sektion 31 gibt, würde mich als Föderationsbürger nachts wesentlich ruhiger schlafen lassen.

Alex1605 · 20. Dezember 2021 um 14:26

Volle Zustimmung. Section 31 ist für mich die CIA oder der BND der Förderation. Jeder Staat hat einen Geheimdienst. Hie wird Roddenberrys Gedanke des “besseren” Menschen der Zukunft ad absurdum geführt. Ein besserer Mensch wie Cpt Picard oder JL ja, aber mit persöhnlichen Schwächen und einem realistischen Umfeld. Gerad durch seine Ahab-Schwäche in diesem Film ist Cpt Picard mehr zum guten Menschen geworden!

Piero · 21. Dezember 2021 um 13:48

Irgendwie kann ich dem ganzen Genderwahnsinn nichts abgewinnen. Ich kriege schon die Krise, wenn bei Neuauflagen wie z.B. Ghostbusters Frauen als Hauptdarstellerinnen genommen werden. Es würde mich auch stören, wenn Miss Marple auf einmal zu Mister Marple wird. Oder Buffy von einem Jungen gespielt werden würde. Sabrina zu Sabrino total verhext. Jamie Bond.. usw.

Abgesehen vom Gendern nerve ich mich aber auch über “Neu-Interpretationen”. Wenn die Macher sowieso alles ändern, wieso machen sie nicht was eigenes? Aber das nur so am Rande.

Allgemein zu den neuen Gedanken zum Film: Je mehr wir diese Dinge derart stilisieren, desto mehr entfernen wir uns meiner Meinung von der eigentliche Gleichstellung. Und wir werten damit Kultur und Schaffungen aus Zeiten ab, in der von den heutigen “Wertvorstellungen” noch nicht die Rede war. Wenn man bedenkt, wann die Serie erschaffen wurde (Mitte 80er Jahre) und wie damals das Frauenbild war, dann hat der Film ja ein Quantensprung, was Frauenrollen betrifft, hingelegt.

Wenn ich mir Discovery ansehe und wie viele Frauen im Verhältnis zu Männern Führungspositionen haben, dann kann man da komplett andersrum werten. Gibt es eine gute ausgewogene Mischung aus Charakteren mit Tiefe bei den Geschlechtern auf Discovery? (OK, da hat fast kein Charakter wirklich tiefe. Schlechtes Beispiel) Und wenn ja: Wieso kann man Frauen nicht so zeigen, wie sie sind mit all ihren Stärken und Schwächen? Müssen Frauen wie Männer geschrieben werden oder sich verhalten, damit sie als gleichgestellt gelten? Müssen Männer als Idioten dargestellt werden, um die Rollen der Frauen zu stärken? Oder kann man nicht einfach starke Frauen, starke Männer und starke Menschen zeigen?

Die Fragen kann man auch gut weiterziehen: Müssen sich Jungs in der Schule wie Mädchen benehmen, damit sie noch wertgeschätzt werden? Oder sich Frauen im Beruf wie Männer verhalten, um eine Führungsposition ohne Kritik erreichen zu können?

Wir sind so bemüht eine Diversität zu zeigen, dass wir irgendwie “den Wald vor lauter Bäumen” nicht mehr sehen. Und wie mehr wir vorgesetzt bekommen, was wir gut finden müssen, je weniger kommt das von Herzen. “Behandle jeden Menschen, wie du behandelt werden möchtest”.

Zum Abschluss noch, was mir Punkto Männer und Frauen in den Sinn kommt. Wie sagte doch schon Tim Taylor: “Ihr könnt aus Männern keine Frauen machen. OK, vielleicht schon, aber das kostet viel Geld”.

    Alex1605 · 22. Dezember 2021 um 14:30

    @Piero: Genderwahn mag ich auch nicht und halte ich, inzwischen, für überflüssig. Unsere Politik ist inzwischen darauf ausgerichtet, Minderheiten zu stärken.
    Männer- und Frauenrollen, gibt es das?? Gerade Star Trek ist da, im positiven und negativen, ein Beispiel. TNG, VOY und DS 9 zeigen exemparisch gute und starke Führungsrollen, ob Janeway (w) oder Picard (m). Die “Verhaltensrolle” dieser Personen wird auch nicht durch das Geschlecht geprägt, sondern durch die Aufgabe. Ein guter Captain, ob m/w/d wird immer die Gleichen oder ähnliche Verhaltensmuster zeigen.
    Gerade das wird ja bei STD sträflich vernachlässigt. Auch deshalb ist diese Serie inzwischen in der Bewertung, z.B. bei IMDB, gnadenlos abgestützt.

Reichstein · 21. Dezember 2021 um 16:42

Eine gut geschriebene Kritik. Besonders den Teil mit der Selbstironie teile ich zu 100 %.

Ich kann die Kritik an der Darstellung der Borg-Königin aber auch nicht nachvollziehen. Mir kam beim lesen ein anderer Trek-Bösewicht in den Sinn, nämlich Khan.

Dieser hat in seineem Debut “Der schlafende Tiger” einer jungen Offizierin den Kopf verdreht um an seine Ziele zu kommen (Lt.McGyver oder so).

In “der erste Kontakt” hat man den Spieß sozusagen umgedreht, was ich sogar ganz cool finde.

Finde die B-Queen ist eh einer der besten Bösewichte die Star Trek zu bieten hat. Was sicher auch dem tollen Schauspiel von Alice Krige und später auch Susanna Thompson zu verdanken ist.

andi3 · 23. Dezember 2021 um 13:02

Ich finde den Aspekt der Darstellung der Borgkönigin und ihrer Rolle im Artikel sehr interessant und gelungen. Muss man nicht teilen, aber ich mich nervt an vielen Fanseiten, dass nur noch über den Unterhaltungswert diskutiert wird. Der bleibt auf jeden Fall erhalten. Star Trek hat aber immer auch eine Plattform für Diskussionen aller Art geboten. Reflexhaft auch eine vermeintliche ideologische Agenda einzudreschen, halte ich für nicht gut. (Bei Discovery stört mich die Herangehensweise bezüglich Diversity allerdings auch, und das sage ich als schwuler Mann, weil die Serie ansonsten auch nichts zu bieten hat. )

Reichstein · 23. Dezember 2021 um 14:02

Was den Film auf jeden Fall auszeichnet ist die meisterhafte Regie von Trek-Mastermind JFK.

Die morgige Folge ist übrigens auch wieder von ihm. Finde sogar dass seine DISCO-Folgen sich etwas vom Rest abheben.

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